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Aus: Ausgabe vom 01.12.2023, Seite 12 / Thema
Soziologie

Die heilige Familie

Die Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Misere. Wie lässt sie sich überwinden
Von Meinhard Creydt
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Gefangen im Mikrokosmos. Die partikulare Innenwelt der Kleinfamilie schafft Neurosen

In der modernen Marktwirtschaft sind Care-Tätigkeiten zu ihrem empfindlichen Schaden denjenigen Arbeiten untergeordnet, die Mehrwert produzieren. Viele wollen im Unterschied dazu den Care-Tätigkeiten den ihnen angemessenen Stellenwert in der Gesellschaft verschaffen. Was ist dafür erforderlich?

Erst eine gravierende Arbeitszeitverkürzung erlaubte es den Arbeitenden, sich neben der Erwerbsarbeit um Kinder sowie kranke und alte Verwandte bzw. Freunde zu kümmern. Die gegenwärtige personelle und räumliche Unterausstattung der Kindertagesstätten, Horte und Schulen gilt es zu überwinden. Die Erwerbsarbeit ist nach Maßgabe ihrer Vereinbarkeit mit den Wechselfällen des Zusammenlebens mit Kindern und Senioren zu gestalten. Das erfordert einen weniger knappen Stellenschlüssel. Die diskontinuierliche Teilnahme an der Erwerbsarbeit infolge von Care-Tätigkeiten führt in einer nachkapitalistischen Wirtschaftsweise nicht länger dazu, auf Stellen mit weniger Arbeitseinkommen zu landen. Diejenigen ökonomischen Imperative sind zu überwinden, die dazu führen, dass junge Arbeitskräfte besonders hohen Leistungsanforderungen unterliegen. Das trifft sie in einer Phase, in der sie am dringendsten Zeit brauchen für ihre Kinder. Notwendig ist eine gesellschaftliche Kompensation der mit Kindern verbundenen Ausgabensteigerung. Nur so lässt sich verhindern, dass die Mehrkosten durchs Kind mit Überstunden und Nebenjobs aufgefangen werden müssen, was wiederum die Zeit für den Umgang mit dem Nachwuchs reduziert. Erforderlich ist eine eheunabhängige Vergütung und Alterssicherung für Erziehungs- und Betreuungsarbeiten.

Weit verbreitet ist die Kritik daran, dass individuelle, also nicht beruflich geleistete Care-Tätigkeiten sowie Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern ungleich aufgeteilt sind.¹ Erst die angedeuteten gesellschaftlichen Bedingungen ermöglichen es praktisch, dass Personen sich unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit frei entscheiden können, in welchem Ausmaß sie sich mit individuellen Care-Tätigkeiten und mit Erwerbstätigkeit befassen wollen. Diese Bedingungen umfassen auch die Überwindung sowohl der bisherigen geschlechtsspezifischen Sozialisation als auch der Unterschiede in den Arbeitseinkommen zwischen den Geschlechtern.

Das Kochen und die private Küche

Ein großzügig ausgestattetes Angebot von gesellschaftlich angebotenen Care-Tätigkeiten schließt die Dienste für die Kindererziehung (Kita, Hort, Schule) und für die Betreuung von Senioren ein. Hinzu kommen Speisegaststätten in Laufreichweite für diejenigen, die nicht für sich selbst bzw. für ihre Angehörigen das Essen zubereiten wollen, oder Bringdienste für gut zubereitete und qualitativ hochwertige Mahlzeiten. Erst dadurch wird die Wahlmöglichkeit geschaffen, ob eine Person selbst ihre Fähigkeiten und Sinne beim Kochen entwickeln will oder andere Schwerpunkte setzt.

Gewiss halten sich viele Deutsche an Fast food und haben nur geringe Fähigkeiten, sich selbst aus frischen Zutaten ein Essen zuzubereiten. Mit dem Kochen kann man es aber auch übertreiben. Ein Motiv dafür ist Selbstbemutterung: »Wenigstens hier kann ich etwas Gutes für mich tun, und das lasse ich mir nicht nehmen.« Das Kochen ist außerdem für viele zu einer überkompensatorischen Domäne von Kenner- und Könnerschaften geworden. Leute mit dem nötigen Kleingeld investieren in Küchen gern viel. Es findet sich eine Ausstattung, die angesichts des Personenkreises, dem das Kochen zugute kommt, unverhältnismäßig aufwendig ausfällt. Die Utensilien sollen den Ansprüchen von Sterneköchen genügen.

Die Küche wird dann zum Statussymbol. »Die Küche ist das neue Auto. Das schreibt die Wirtschaftswoche, das stellen Trendsetter und Wohnzeitschriften fest. Und die deutsche Küchenindustrie freut es. Sie verzeichnet nämlich 30 Prozent Zuwachs, vornehmlich im hochwertigen Ausstattungssegment. War betuchten Deutschen das dicke Fahrzeug in der Garage (und für die Nachbarn sichtbar vor der Haustür) früher die hohe fünf- bis sechsstellige Summe wert, so geben sie heute, ohne zu zucken, 100.000 Euro und mehr für ihre Küche aus. Als Statussymbol löst sie schon seit einiger Zeit das Auto ab.«²

Geschmacksniveau, Lebensstil und -kunst im Spiel gilt es zu zelebrieren, wenn man sich gegenseitig zu exquisiten Gerichten einlädt bzw. von ihnen schwärmt: »Frittierte Kolibri in Brennesselmousse«³ und zum Nachtisch gepeitschte Wanze in Aspik. Dieser Kult ums Kochen ist nicht nur vom Standpunkt des sparsamen Verbrauchs von Ressourcen fragwürdig. Das Bürgertum hat alles Heilige in Profanes verwandelt. Wer aber nun anfängt, Profanem die Würde des Heiligen zuzuschreiben, verrennt sich in Verstiegenheiten und verwirrt die Aufmerksamkeit für Wertmaßstäbe.

Zu sich selbst kommen

Es macht einen wesentlichen Unterschied, ob jemand den persönlichen Kontakt bzw. Austausch mit älteren Verwandten pflegt oder ob dieses Engagement faktisch durch die Pflichten dominiert ist, Pflege- und Versorgungsdienste (z. B. Zubereitung des Essens) zu leisten. In einer Gesellschaft des guten Lebens stehen für kranke und hochbetagte Menschen genügend professionelle Kräfte zur Verfügung, die diese Aufgaben leisten und damit Angehörige entlasten.

Der seinerzeit führende Bolschewik Trotzki sprach sich 1923 dafür aus, »die Familie von solchen Funktionen und Sorgen (zu) befreien, durch die sie heute unterdrückt und zerstört wird. Die Wäsche muss durch eine gute öffentliche Wäscherei gewaschen werden. Die Verpflegung muss durch ein gutes öffentliches Restaurant besorgt werden. Die Bekleidung muss Sache einer Kleiderwerkstatt sein.«⁴ Trotzkis Bemerkung, die familialen Beziehungen würden durch ein Übermaß an Aufgaben überlastet, nimmt ein familiensoziologisches Argument vorweg. Ihm zufolge findet die Familie erst dadurch, dass sie Aufgaben verliert, zu ihrer eigenen Aufgabe in der Moderne. Sie besteht im intensiven persönlichen Kontakt und Austausch. Oder wie es der US-amerikanische Soziologe Robert MacIver formulierte: »As the family lost function after function it found its own.«⁵

»Hüslipest« und andere Sünden

Um die Enge der Kleinfamilie zu überwinden, sind »Netze aus freundschaftlichen Verwandten oder familiären Freunden« förderlich. Über die Kleinfamilie hinaus gilt es, »auch andere Formen des verbindlichen Füreinander-da-Seins« zu schaffen.⁶ Das geht nicht allein im privaten Do-it-yourself. »Damit Familienalltag kein privates Hexenwerk bleibt, braucht es auch kommunale Orte, an denen die Haus- und Reproduktionsarbeit gemeinsam stattfinden kann: (…) Kinderhäuser, in denen Erwachsene höchstens absichernd anwesend sind, Vorlesenachmittage mit rüstigen Wahlopas, Care-Stationen, wo Familien bei der Hege und Pflege alter oder kranken Angehöriger unterstützt werden (…), mehr gute Volksküchen. (…) Jede braucht mal Rückzug. Aber ist wirklich in jedem Einzelhaushalt eine Waschmaschine vonnöten?«⁷ Dagegen sprechen nicht »nur« ökologische Gesichtspunkte. Würde das Prinzip »Ausleihen bzw. gemeinsam nutzen statt jeder kauft, als wäre er der einzige Mensch«, herrschen, wären weniger Güter und ein geringerer Arbeitsaufwand zu ihrer Herstellung erforderlich.

Die Reduktion der Nachfrage nach Waren ist aber Gift für die kapitalistische Ökonomie. Sie lebt vom mit der bürgerlichen Gesellschaft gegebenen Vorrang der »Zivilisation des individuellen Konsums« gegenüber der »Kultur des gesellschaftlichen Individuums«. Dementsprechend kommt eine Bohrmaschine, die sich im privaten Besitz eines US-Haushalts befindet, durchschnittlich auf eine Leistungsdauer von insgesamt 13 Minuten, bis sie weggeworfen wird. Die Verbraucher sollen nach Möglichkeit die Güter für ihren jeweils eigenen Mikrokosmos kaufen. Er umfasst »die Wohnung mit ›allem Komfort‹ (d. h. ein von äußeren Dienstleistungen unabhängiges, abgeschlossenes Universum), in der man sich (dank Fernsehen) die Welt als Schauspiel gönnt, die man am Lenkrad eines Privatwagens verlässt, um die ›Natur ohne Menschen‹ zu genießen.«⁸

Das Eigenheim trägt zur ökologisch desaströsen Zersiedelung bei. (Die Schweizer sprechen von »Hüslipest«.) Bereits der Aufwand für das Heizen und das Isolieren ist beim freistehenden Haus angesichts seines Verhältnisses zwischen Außenwänden und Wohnfläche absurd. Das Eigenheim im sogenannten Speckgürtel führt zu langen Wegen, erschwert Treffen mit Arbeitskollegen, Verwandten und Freunden in der Freizeit und fördert die Vereinzelung. Es stellt die bauliche Gestalt der bürgerlichen Ideologien des Individualismus und der Kleinfamilie dar.⁹

Nachbarschaftfördernde Wohnformen können dazu beitragen, die kleinfamiliäre Ein­engung des Umfeldes von Kindern sowie Eltern zu überwinden. Soziale Netzwerke, die die Erziehung und die Betreuung von Kindern betreffen, gilt es zu fördern und auszubauen. Auch entsprechende Wohnformen helfen, die Isolation von »Alleinerziehenden« und Alleinlebenden sowie den Mangel von Kinderlosen an Kontakt zu Kindern zu verringern. »Seit längerem entstehen zwar Beispiele für das ›verbundene Wohnen‹ in Form von Gemeinschaftssiedlungen oder Hausgemeinschaften, die länger Bestand haben als vorübergehende Zweckwohngemeinschaften. Dass sie sich nicht viel breiter durchsetzten, liegt zum Teil an einem ungenügend ausgebauten Genossenschaftsrecht, hauptsächlich jedoch an den bestehenden Eigentumsverhältnissen.« Wo nicht gemeinsam über Boden, Gebäude und Wohnungsbau verfügt werden kann, sind »neue Wohnstrukturen nur beschränkt realisierbar. Und für Immobilienbesitzer sind Anlagen mit Gemeinschaftsflächen oder -räumen weniger rentabel als herkömmliche Wohnungen oder Luxusappartements.«¹⁰

Der Autoverkehr macht das Spielen von Kindern in der Umgebung der Wohnung oft gefährlich. Die Verkleinerung der Familien sowie die gestiegene räumliche Mobilität verringern die Zahl von Verwandten, die unmittelbar vor Ort präsent sind und am Wohl des Kindes praktisch Anteil haben: als ältere Geschwister, unverheiratete Tanten oder Onkel und Großeltern. Jeder Haushalt besteht dann tendenziell nur noch aus den jeweiligen, absolut unersetzlichen Hauptpersonen. »Da gibt es nur die Hände einer einzigen Frau, um das Baby zu füttern, das Telefon abzunehmen, das Gas unter dem Topf, der überkochen will, abzudrehen, das ältere Kind zu trösten, das ein Spielzeug kaputtgemacht hat, und beide Türen gleichzeitig zu öffnen«, sagt die Ethnologin Margaret Mead.¹¹ Das Kind hat es im Extremfall nurmehr mit ein oder zwei Personen zu tun und ist verletzlicher durch Trennungs- und Verlusterlebnisse.

Keine Retroutopie

An dieser Stelle fällt manchen ein Sprichwort ein: »Es bedarf eines ganzen Dorfes, um ein Kind zu erziehen.« Der Vorbehalt gegen die Enge der Kleinfamilie sollte jedoch nicht zu einer Verwechselung verleiten. Kinder wuchsen hierzulande in der Vergangenheit unter den Augen der Dorfbewohner auf und tun dies in anderen Weltgegenden noch heute. Häufig war und ist es üblich, Kinder früh als Arbeitskräfte einzuspannen, mit ihnen einen rohen Umgang zu pflegen und eine geringe Bildung als völlig ausreichend für sie zu erachten. Um das Wohl der Kinder und Eltern ist es also nicht allein schon dadurch besser bestellt, dass es keine Kleinfamilie gibt. Die Alternative zu ihr ist keine nos­talgische Utopie. Sie verklärt die Vergangenheit oder projiziert eigene Wunschvorstellungen auf das Dorfleben in armen Ländern.

Früher waren nur die Mitglieder der begüterten Klassen imstande, die eigene Persönlichkeit zu pflegen. Mit der Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft breitete sich eine individualistische »Ethik der Selbstverwirklichung« nach und nach auch in der Masse der Bevölkerung aus. Es handelt(e) sich um eine ambivalente Errungenschaft: »Die Selbstbeobachtung verstärkte und vertiefte sich, als die Menschen in sich selbst die einzige Kohärenz, die einzige Beständigkeit und Einheit zu suchen begannen, die in der Lage war, die Zerstückelung des gesellschaftlichen Lebens aufzuheben.«¹² Die Achtung vor der Subjektivität des einzelnen Individuums und die Wertschätzung für die Entwicklung seiner menschlichen Vermögen (Fähigkeiten, Sinne, Beziehungen und Reflexionsvermögen) entstanden massenhaft erst mit der bürgerlichen Gesellschaft. Zugleich schaffen just diese bürgerliche Gesellschaftsordnung und die Lebensweise in ihr eigene und neue Probleme für die individuelle Subjektivität.

Die Enge der Kleinfamilie trägt dazu bei, die Wahrscheinlichkeit verdreht-eigensinniger familialer Welt- und Selbstbilder zu erhöhen. Sie fördern oder verursachen psychische Probleme. In der Kleinfamilie kommt es leicht zu Pseudokonsens. Man möchte reale Differenzen nicht wahrhaben. Der Psychiater Ronald D. Laing bezeichnet mit dem Begriff der Kollusion die Situation, in der »man im anderen jenen anderen findet, der einen in dem falschen Selbst ›bestätigt‹, das man real zu machen versucht, und umgekehrt. (…) Jeder hat einen anderen gefunden, der ihm seine eigene falsche Vorstellung von sich selbst bekräftigt und diesem Eindruck den Schein von Realität verleiht.« Das geschieht zunächst in Zweierbeziehungen. »Wer sich selbst täuscht, muss auch andere täuschen. Ich kann unmöglich ein falsches Bild von mir selbst aufrechterhalten, wenn ich nicht dein Bild von dir selbst und von mir verfälsche.«¹³ Kollusion grassiert nicht nur in Zweierbeziehungen. Das kleinfamiliäre Binnenklima bildet einen idealen Nährboden für Kollusionen.

Kinder kommen physisch auf die Welt, psychisch aber in eine bestimmte Familie. In ihr herrscht eine partikulare Innenwelt vor. Sie ist in ihrer eigentümlichen Atmosphäre und Privatheit nur schwer in die allgemein geteilte Sprache übersetzbar und für andere zugänglich. Häufig entsteht ein Gegensatz zwischen dem, was das Kind für sich sein muss, und dem, was es für einen Elternteil sein soll. Dem Kind werden so eigene Gegensätze in seinem Empfinden und Erleben mit- und aufgegeben. Diese Gegensätze schaden dem Selbst- und Weltverständnis des Kindes. In frühen Jahren entstehen neurotische Muster, die dafür sorgen, dass Erwachsene subjektiv noch kleinere Handlungsspielräume haben, als dies die objektiven gesellschaftlichen Grenzen ihrer Existenz ihnen vorgeben.

Erziehung im Kibbuz

Die Idee der gemeinsamen Kleinkinderziehung durch professionelle Erzieher spielte in den israelischen Kibbuzim eine große Rolle bis in die 1980er Jahre. Die Kinder wurden »in einem eigenen Kinderhaus mit Gleichaltrigen erzogen, die Geschwister lebten also jeweils in einer anderen Kindergruppe. (...) Trotz der Erziehung außerhalb der traditionellen Familienstrukturen war Hospitalismus unbekannt, eine gesunde Persönlichkeitsbildung üblich. Die strenge Orientierung auf die Erziehung im Kinderhaus löste sich in den folgenden Jahrzehnten langsam in Richtung Kindergarten bzw. Kindertagesheime auf«.¹⁴

Durch den Kontakt der Kinder zu mehreren Erziehern bzw. durch deren Wechsel sowie durch die lange Zeit am Tag, in der die Kinder in der Gruppe sind, beziehen sich die Kinder bereits sehr stark auf ihre Altersgruppe. Hier wird jedes Kind eher abhängig von der Gemeinschaft und von seiner Altersgruppe als von einzelnen Erwachsenen. »Nach Feierabend finden sich die Familien für etwa zwei Stunden zusammen, um miteinander zu spielen, zu sprechen und zu spazieren. In diesen beiden ›Kinderstunden‹, wie die Kibbuzbewohner diese Zeit selber nennen, leben sie so intensiv mit ihren Kindern zusammen wie viele Eltern in Europa und Nordamerika den ganzen Tag über nicht.«¹⁵ Der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim¹⁶ schreibt, das Kibbuz habe bewiesen, dass auch im Zusammenleben mit Altersgefährten jenes »Urvertrauen« – ein Begriff des Psychiaters Erik H. Erikson – entstehen kann, das sich in der frühen Kindheit entwickeln sollte.

Unter Bedingungen einer Wirtschaft, in der die Interessengegensätze, die Konkurrenz und die Kapitalakkumulation dominieren, bildet die Kleinfamilie das psychosoziale Pendant zum Privateigentum. Das Privateigentum soll die Unabhängigkeit des Individuums schützen und die Kleinfamilie dessen emotionalen Haushalt stabilisieren. Beide verursachen zugleich jedoch die Bedrohung desjenigen, was sie erhalten sollen.

Personen aus Kleinfamilien zeigen sich zudem »misstrauisch gegenüber anderen. Sie fürchten, sie könnten sie ausnutzen. (…) Nur die unmittelbare Umwelt ist wichtig, alle anderen sind aus diesem Nahfeld ausgegrenzt, sie sind in die eigene Fürsorge nicht eingeschlossen.« Die entsprechende »Sorge um das Wohlergehen des eigenen Kindes (geht) oft auf Kosten anderer Kinder, (…) die Sorge um den Nächsten (kann) zugleich Missachtung des weiter Entfernten bedeuten. Will die Mutter ›das Beste‹ für ihr Kind, so will sie notwendig für alle anderen das Schlechtere, zumindest unter Voraussetzung knapper Ressourcen. Im Blick auf alle wird die Sorge um den einzelnen ungerecht.«¹⁷

Eine für die Erziehung im Kibbuz zunächst zentrale Position lautete: »Nur wenn sie alle gleich aufwüchsen, (…) wenn sie dieselben Chancen hätten (…), könnte es eine gerechte Welt geben.«¹⁸ Diese Auffassung ähnelt den Gedanken, die Alexandra Kollontai in ihrer Rede auf dem Ersten Allrussischen Frauenkongress 1918 vortrug: Die Frau »muss verstehen lernen, dass die alten Aufteilungen nicht existieren müssen. Dies sind meine Kinder, und all meine mütterliche Sorge, meine ganze Liebe, gehört ihnen. Und dies sind deine Kinder, die des Nachbarn, die kümmern mich nicht. Sollen sie doch mehr hungern als meine, mehr frieren als meine, ich kümmere mich nicht um die Kinder von anderen! Jetzt muss die Mutter, die Arbeiterin ist und Bewusstsein hat, lernen, keinen Unterschied zwischen dein und mein zu machen, sondern daran denken, dass es einfach unsere Kinder sind.«¹⁹ Kollontai (1872–1952) war Volkskommissarin für soziale Fürsorge im ersten Kabinett nach der Oktoberrevolution und historisch die erste Ministerin der Welt.

Die beschriebene Umgestaltung der Familie entzieht der Überlastung der Eltern den Boden. Es geht nicht darum, die persönliche Beziehung zwischen Eltern und Kindern in ein totalitäres Kollektiv, das nichts Privates duldet, aufzulösen. Vielmehr gilt es, über die partikulare Binnenmoral hinauszukommen, in der Empathie für die eigene Gruppe und Stumpfheit gegenüber Außenstehenden zwei Seiten einer Medaille bilden. Lässt sich die Enge der Kleinfamilie überwinden, so schwindet zudem eine zentrale Ursache (neben anderen) für die neurotischen Verstrickungen. Die Transformation der Familie entzieht auch Distinktion und Dünkel den Boden, die aus selbstwertdienlichen Familienmythen entstehen (»Wir Meiers sind einfach unvergleichlich und etwas ganz Besonderes!«).

Anmerkungen

1 Vgl. dazu Meinhard Creydt: Frauen in Deutschland 2023 – das gesellschaftlich benachteiligte Geschlecht? Kritik des Gleichstellungsfeminismus. In: Telepolis, 8.3.2023, meinhard-creydt.de/archives/1564

2 www.bora.com/de/de/trends-loesungen/story/the-kitchen-is-a-cult-item-and-the-new-status-symbol-trends

3 Michael Rutschky: Postmoderne. In: Derselbe: Was man zum Leben wissen muss. Zürich 1987, S. 169

4 Leo Trotzki: Fragen des Alltagslebens. Berlin 1973, S. 64

5 Robert M. MacIver: The Elements of Social Science. London 1944, S. 162

6 Anne Steckner: Liebe, Ex und Zärtlichkeit. Familie von links erobern. In: Luxemburg, Heft 2/2018, S. 105, 104

7 Ebd., S. 104

8 André Gorz: Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neokapitalismus. Frankfurt am Main 1967, S. 87, 88 f.

9 Vgl. Pierre Bourdieu: Der Einzige und sein Eigenheim. Hamburg 1999

10 Carola Meier-Seethaler: Gefühl und Urteilskraft. München 1998, S. 384 f.

11 Zit. n. Claudia Szczecsny-Friedmann: Die kühle Gesellschaft. München, S. 169

12 Eli Zaretsky: Die Zukunft der Familie. Frankfurt am Main 1978, S. 66

13 Ronald D. Laing: Das Selbst und die anderen. München 1989, S. 101, 131

14 de.wikipedia.org/wiki/Kibbuz

15 »Niemals allein«. In: Der Spiegel, Heft 11/1971. Der Artikel gibt einen Eindruck von einer gewissen Aufgeschlossenheit für kollektive Kindererziehung in der Zeit nach 1968.

16 Bruno Bettelheim: Die Kinder der Zukunft – Gemeinschaftserziehung als Weg einer neuen Pädagogik. München 1973

17 Birgit Rommelspacher: Mitmenschlichkeit und Unterwerfung. Zur Ambivalenz weiblicher Moral. Frankfurt am Main 1992, S. 124, 66 f.

18 Silke Mertins: Wenn die Gemeinschaft das Wichtigste ist. In: Die Welt, 9.7.2009

19 Alexandra Kollontai: The Family and the Communist State. In: Soviet Russia, Vol. 1, June–Dec 1919, S. 14–20. www.marxists.org/archive/kollonta/1920/family.htm

Meinhard Creydt schrieb an dieser Stelle zuletzt am 5. Oktober über die Spezifika der US-amerikanischen Gesellschaft.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (1. Dezember 2023 um 12:11 Uhr)
    Es ist eben nur noch die Frage zu klären, wie man konkret zu den idyllischen Zuständen gelangen kann, die da im Artikel ausgeschmückt werden. Ob die wohl etwas mit dem Charakter der Gesellschaft zu tun haben? Und ob dieser Charakter wohl zutiefst in den Verhältnissen wurzelt, unter denen gesellschaftlicher Reichtum produziert und verteilt wird? Diese Fragen blieben im Paradies ungestellt. Im Artikel leider auch.

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