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Aus: Ausgabe vom 27.11.2023, Seite 8 / Inland
Ausbeutung von Akademikern

»Wir rufen alle auf, sich zu organisieren«

Hessen: Hochschulgewerkschaft prangert prekäre Verhältnisse in Goethe-Universität an. Ein Gespräch mit Benjamin Rauch
Interview: Gitta Düperthal
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Für einen TVStud auf der Straße: Demonstrierende vor Beginn von Tarifverhandlungen in Berlin (26.10.2023)

»Schluss mit prekären Wissenschaften« hieß es an der Goethe-Universität Frankfurt am Main vergangene Woche. Ihre Hochschulgewerkschaft »unter_bau« hatte zum Hochschulaktionstag aufgerufen. 600 Beschäftigte und Studierende versammelten sich vorm Gebäude des Präsidiums. Wie kam es zu der großen Beteiligung?

Unsere Kundgebung am Montag war die größte seit mehr als sieben Jahren. Bei Beschäftigten und Studierenden macht sich Unmut über die Arbeits- und Studienbedingungen breit. Im Mittelbau herrscht Wut über den Befristungswahn: Fast 90 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ohne Planungssicherheit. Auch Sekretärinnen und Beschäftigte im technischen Bereich haben Probleme. Es gibt die hohe Inflation, gerade in der Finanzmetropole Frankfurt steigen die Preise unaufhaltsam an. Besonders trifft es die mehr als 2.200 studentischen Hilfskräfte und Tutorinnen und Tutoren der Goethe-Uni. Diese helfen am Lehrstuhl von Professorinnen und Professoren mit, lektorieren deren Veröffentlichungen, helfen Tagungen zu organisieren, betreuen Webseiten, arbeiten an der Vorbereitung von Lehrinhalten, vertiefen den Stoff in Tutorien etc.

Am »offenen Mikrofon« wurde von miesen Arbeitserfahrungen berichtet. Welche Fälle wurden geschildert?

Ein Tutor, Fachbereich der Wirtschaftswissenschaften, erklärte, wie ständig unbezahlte Mehrarbeit entsteht. Man müsse immer mehr leisten. Angesichts nur weniger bezahlter Stunden gelte es zu entscheiden: Will man Studierende etwa im Stich lassen, weil die Bezahlung sonst nicht reicht? Aus der Verwaltung schilderte eine Kollegin: Immer mehr Leute kündigten, Stellen würden kaum nachbesetzt, die Tätigkeitsbereiche aber nähmen zu. Zunehmend weniger Leute müssten dort dieselbe Arbeit stemmen.

Und wie reagierte das Präsidium auf den Aktionstag?

Schon vorher wies man die Beschäftigten im Intranet der Uni darauf hin, dass es im Rahmen der Kundgebung zu Störungen kommen könne. Die Beschäftigten sollten die Türen geschlossen halten, auf ihnen unbekannte Personen achten. Es ist ein Unding, dass die Hochschulleitung so versucht hat, vorab eine Kundgebung von Gewerkschaften zu kriminalisieren, gar versuchte, die Beschäftigten mit hineinzuziehen: Sie sollten mit überwachen, was auf dem Campus passiert. Wir hatten den Präsidenten Enrico Schleiff und den Kanzler Ulrich Breuer eingeladen zu hören, was berichtet wird. Beide blieben fern; sie hatten offenbar keine Lust, sich mit den Forderungen von Beschäftigten auseinanderzusetzen. Spätestens bei den Tarifverhandlungen im Februar 2024 werden sie es müssen!

Für den 13. Dezember ist eine Vollversammlung am Campus Riedberg an der Uni geplant. Was wird dort Thema sein?

Das wird ein weiterer Meilenstein sein, unsere Forderungen vorzubereiten. Wir werden diskutieren: Welcher Stundenlohn könnte für unsere Arbeit angemessen sein, worauf kann man sich einigen? Es wird um zu kurze Vertragslaufzeiten gehen und um den zu gering angesetzten Mindeststundenumfang, was Tutorinnen und Tutoren in Bedrängnis bringt, unbezahlte Überstunden leisten zu müssen.

Insgesamt gab es in 70 Städten Aktionen und Streiks an Hochschulen. Sind Sie bundesweit vernetzt?

Wir sind solidarisch mit den Streiks bundesweit, wollten aber schon mal aufmerksam machen, wie stark wir hier vor Ort sind. Insbesondere in Hessen, mit Unis in Darmstadt, Gießen und Marburg überlegen wir gemeinsame Strategien. Die damalige Landesregierung unter Ministerpräsident Roland Koch von der CDU hatte vor etwa 20 Jahren entschieden, aus der Tarifgemeinschaft der Länder auszusteigen. Es gelang jedoch nicht, dadurch schlechtere Bedingungen durchzusetzen.

Die Tarifverhandlungen beginnen erst ab Februar 2024. De facto müssen wir im reichen Hessen, speziell in Frankfurt, einen besseren Tarifvertrag erhalten. Hier sind die Mieten besonders hoch. Die Goethe-Uni wurde als Stiftungsuni aus dem Tarifvertrag Hessens ausgegliedert. Es gibt einen Haustarifvertrag. Wir rufen alle Kommilitoninnen und Kommilitonen und Kolleginnen und Kollegen auf, sich gewerkschaftlich zu organisieren und sich unserer Bewegung anzuschließen.

Benjamin Rauch ist Allgemeiner Sekretär von der Hochschulgewerkschaft »unter_bau«

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