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Aus: Ausgabe vom 27.05.2023, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Und dänisch grüßt das Murmeltier

Der Dessauer »Hamlet« beim Berliner Theatertreffen macht keinen Bogen um wohlfeile Ukraine-Bezüge
Von Gert Hecht
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Bissl Gaga, bissl Bellizismus: »Hamlet« als Zeitbeitrag

Hundertmal gespielt, hundertmal ist nichts passiert: Was kann uns Shakespeares berühmter Zauderprinz heute noch sagen? Philipp Preuss zeigt in seinem »Hamlet« den faulen Staate Dänemark als trickreiche Heimstätte phantasiebegabter Psychotiker. Hamlet gibt es als Doppelrolle, und auch der Rest des Hofstaats schleppt ein lebloses Double mit sich herum, plaziert an der endlosen Tafel, die auch als Laufsteg fungiert. Wo man traditionell zusammenkommt, am Tisch, muss man schaulaufen. Willkommen im sogenannten Medienzeitalter, was durch die Videoübertragung der Tischgelage der herrschenden Klasse noch gesteigert wird.

Der doppelte Hamlet verliert sich zwischen Spiegeln und Vorhängen. Was steckt hinter den Dingen? Das ist eine Frage für Paranoiker, aber auch jene, die sich mit der ideologischen Oberfläche der Gesellschaft nicht abspeisen lassen. Die Unterscheidung von Wesen und Erscheinung führt auf einem Wege über Hegel zu Marx, auf dem anderen über Wahngebilde in die Klapse. Nun ist das in ideologischer Übereinstimmung lebende Gegenteil nicht weniger bekloppt, wird dafür aber zu Maischberger und Co. eingeladen. Im Irrenhaus namens Gesellschaft ist es schwer, keine Macke zu bekommen. Und Hamlet, als Intellektueller auf den Thron nicht scharf, hat einen heftigen Schlag weg. Bei Preuss landet er am Ende, wo er am Anfang war: Murmeltiertag im Shakespeare-Land.

Das Publikum wird auf den Rang verfrachtet, der Blick in die Tiefe der Bühne ist optisch aufregend. Zum Publikumsrenner avancierte der verrätselte und verspulte »Hamlet« in Dessau trotzdem nicht. Als die Einladung zur Bestenschau in die Hauptstadt kam, war die Inszenierung bereits abgespielt, parallel zur Eröffnung des Theatertreffens gab es eine einmalige Wiederaufnahme. Zweimal wird der Abend in Berlin gezeigt, und ist am richtigen Ort. Aber nicht, weil man dort die Rätselästhetik so sehr liebte – die diesjährige Auswahl ist im Gegenteil grotesk boulevardesk –, sondern weil ein Hauch von Helsingør das Theatertreffen umgibt. Vorm Haus der Berliner Festspiele hüpft eine Performerin im blau-gelben Kostüm grenzdebil auf und ab – für den ukrainischen Endsieg. Eine andere schreit herum. Putin wird der Prozess gemacht. Wahnsinn.

Ein Überschuss von »Narrativen« bei grundlegendem Wirklichkeitsverlust ist kennzeichnend für geschlossene Systeme. Zum Beispiel Hamlet: Er stürzt sich in sein Theaterstück, die berühmte »Mausefalle«, während der Staat im außenpolitischen Kräfteringen zerschellt. Zum Beispiel Theatertreffen? Eine höfische Kultur ist hier längst etabliert, die das »Zeitenwende«-Engagement gegen die Russenkultur mit einem postmodernen Achtsamkeitskult verbindet. Einsatz für Verständigung? Oder für Verständnis jener Welt, die zur – wieder im Kommen: kriegerischen – Trennung der Spreu vom Weizen aufruft? Wie Hamlet bastelt man sich eine psychotische Phantasiewelt, in der jeder Claudius als oberböser Endgegner der eigenen Mission imaginiert wird. So wenig sympathisch Claudius ist, erst mit Hamlets Treiben gerät die Welt wirklich aus den Fugen.

Das Theatertreffen hat sich mit der neuen Leitung Osteuropa als kulturelles Protektorat erwählt. Das ideologische Einverständnis solcher Events ist inzwischen so gefestigt, dass es nicht einmal Mühe und Aufwand benötigt, um auf Regierungslinie zu landen. Die Banalität des Guten als Milieu, das sich nicht nur die besten Posten sichert, sondern auch die Simulation von Kritik mit Konformismus verbindet: feministische Außenpolitik im Kulturbetrieb. Der berühmte Theaterkritiker Herbert Jhering beobachtete ein ähnliches Phänomen in den 1920er Jahren, einen Linksliberalismus, der die edlen Worte von einst benutzt, aber bereits die barbarische Politik von morgen vorbereitet. Jhering konnte sich immerhin noch an jemanden wie Brecht halten, davon heute keine Spur.

Was die Zukunft geschlossener Wahnsysteme betrifft, ist »Hamlet« wenig optimistisch, das ist bei Preuss nicht anders. Äußerer Zusammenbruch ist noch die wahrscheinlichste Möglichkeit. Der Wiederholungszwang verhindert, die Zeichen des drohenden Kollapses wahrzunehmen. Der Wahn steigert sich, und je ferner der Wirklichkeit, desto stärker. Immer noch mehr investieren in die eigenen »Narrative«. Noch weniger an sich zweifeln, alles verdächtigen. Die grausame Welt des Psychotikers, die Preuss mit seinem »Hamlet« zeigt, ist diese, unsere Welt. Und vor der kann man, anders als im Theater, nicht mitten in der Vorstellung davonlaufen; das ist das Gruselige.

»Hamlet« zum Abschluss des diesjährigen Theatertreffens am 28. und 29.5. im Haus der Berliner Festspiele

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christa K. (29. Mai 2023 um 18:49 Uhr)
    Muss eine großartige Inszenierung sein – schade, dass ich leider keine Möglichkeit habe, diese Aufführung zu sehen – wohne im »Zentrum der Peripherie = im nördlichsten Eck von Österreich (bin 70 plus und nicht mehr mobil) … Eben diese Muster erkennen, die Shakespeare schon so großartig in seinen Dramen verarbeitet hat und die notwendige Transposition in die Gegenwart – dass »der Mensch ein schwindlich Ding ist« (König Lear), was sich immer wieder in schwersten psychischen Störungen manifestiert – das ändert sich nicht so schnell, die Psychopathen sind die Sieger …
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Simon B. aus Amsterdam (27. Mai 2023 um 14:54 Uhr)
    Lieber Herr Hecht, diese Kritik ist schlecht. Denn der Leser erfährt nichts über das Theater, oder allenfalls ein paar Häppchen, die zu Dekorationszwecken im Text verteilt wurden; einem Text, der wohl eigentlich davon berichten soll, dass der Verfasser ein toller Hecht ist. Na ja. Beim nächsten Mal bitte besser, schöne Grüße.

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