3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Mittwoch, 31. Mai 2023, Nr. 124
Die junge Welt wird von 2709 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 04.05.2023, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Internationale Energiepolitik

Pipelines mit Lecks

Nigeria: Britischer Ölkonzern Shell will Anteile an Anlagen veräußern – Niederlage vor Gericht könnte Vorhaben durchkreuzen
Von Gerrit Hoekman
09.jpg
Petroleum: Lukrativer und hochexplosiver Rohstoff (Lagos, 24.12.2021)

Der britische Ölkonzern Shell würde liebend gerne seinen Anteil an den Anlagen des Joint Ventures »Shell Petroleum Development Company of Nigeria« (SPDC) auf dem Festland veräußern und in Zukunft vor der Küste des westafrikanischen Staaten Öl und Gas fördern. Aber ein Gericht in Nigeria hat den Verkauf vorerst untersagt. Shell hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Wann darüber verhandelt wird, steht noch nicht fest.

55 Prozent am SPDC Joint Venture besitzt der Staat Nigeria, Shell gehören 30 Prozent, zehn Prozent dem französische Konzern Total Energies und fünf Prozent dem italienischen Unternehmen ENI. Fünf private nigerianische Firmen, darunter die Sahara Group, Famfa und Seplat, bekundeten offenbar Anfang vergangenen Jahres Interesse am Kauf der Shell-Anteile. Bis zu drei Milliarden Euro müssten sie dafür wohl überweisen, berichtete Reuters im Januar 2022. Manche Finanzfachleute würden sich allerdings wundern, woher die Interessenten das nötige Geld bekommen sollten. Viele internationale Banken und Investoren würden inzwischen aus Umweltschutzgründen und wegen der in Nigeria allgegenwärtigen Korruption davor zurückschrecken, weitere Kredite für die Ausbeutung von Lagerstätten zu gewähren.

Shell unterhält in Nigeria 263 Förderanlagen und rund 3.000 Kilometer Pipelines, berichtete das niederländische NRC Handelsblad am Montag. 2021 pumpte der Konzern demnach täglich 480.000 Barrel Öl und Erdgas aus dem nigerianischen Boden und erzielte damit 2021 einen Gewinn von 2,1 Milliarden Euro. Das Ergebnis könnte nach Meinung von Shell noch besser sein, wenn die Pipelines nicht ständig von Unbekannten angezapft würden. Im vergangenen Jahr gab es laut Shell 66 solcher Vorfälle, bei denen 600.000 Barrel Rohöl unkontrolliert ausströmten. Mit desaströsen Folgen für die Umwelt. Das Nigerdelta ist eine der am meist verschmutzten Regionen auf der Welt. In den ersten drei Monaten 2023 verzeichnete Shell auch schon wieder 43 Zwischenfälle an den Pipelines. Zuletzt starben Reuters zufolge am 3. März bei einer Explosion in der Ortschaft Emohua in der Nähe von Port Harcourt mindestens zwölf Personen.

Es sind aber nicht nur Dritte für die Lecks verantwortlich, aus denen in großen Mengen Öl ausläuft. »Shell-Pipelines in Ländern wie Großbritannien verfügen über Mechanismen, die den Ölfluss automatisch stoppen, wenn es irgendwo ein Leck gibt, wenn der Öldruck auch nur geringfügig abfällt«, wies der Anwalt Matthew Renshaw von der britischen Kanzlei Leigh Day im NRC auf durchaus vorhandene Technik hin, um Umweltkatastrophen zu vermeiden. In Nigeria gäbe es solche Systeme aber kaum.

Renshaw bemängelt außerdem, dass die Pipelines in anderen Ländern viel tiefer in die Erde verlegt werden als in Nigeria. Das mache es Dieben und Saboteuren leicht. Renshaw vertritt 13.652 Bauern und Fischer aus den Volksgruppen der Ogale und Bille bei ihrer im Februar bei einem Gericht im Vereinigten Königreich eingereichten Klage gegen Shell. Das Verfahren wird aber nach Ansicht von Renshaw nicht vor Ende 2024 beginnen. Shell werde alles versuchen, seine Anteile bis dahin verkauft zu haben.

Der Konzern weiß nämlich: Die Möglichkeit einer Niederlage vor Gericht ist mittlerweile real. Bereits Ende Januar 2021 entschied ein niederländisches Gericht, Shell sei direkt verantwortlich für die Verschmutzung im Nigerdelta. Das Unternehmen einigte sich am Ende außergerichtlich auf eine »freiwillige« Zahlung von 15 Millionen Euro an die Kläger, vier Bauern aus dem Nigerdelta. Das Urteil gilt als Präzedenzfall, weil erstmals ein multinationales Unternehmen in seinem Heimatland für im Ausland angerichteten Schaden zur Rechenschaft gezogen wurde.

»Dass Shell das Festland verlassen will, hat nichts mit Sorge um die Umwelt oder dem Öldiebstahl zu tun. Die Hauptgründe sind die Klagen«, war Chima Williams am Montag im NRC überzeugt. Der Anwalt aus Nigeria vertrat die vier Bauern vor dem Gericht in Den Haag. Außerdem ist er Direktor der nigerianischen Umweltschutzorganisation Environmental Rights Action (ERA). Die Richter in Nigeria zeigten schon mehr Mut. Im November 2020 verurteilte ein Gericht die SPDC zur Zahlung einer Rekordsumme in Höhe von 1,63 Milliarden Euro an 88 Klägerinnen und Kläger aus dem Nigerdelta. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. »Wenn wir nicht aufpassen, bleiben die Anwohner auf der Verschmutzung sitzen«, warnte Chima Williams deshalb.

Onlineaktionsabo

Das Onlineaktionsabo der Tageszeitung junge Welt bietet alle Vorteile der gedruckten Ausgabe zum unschlagbaren Preis von 18 Euro für drei Monate. Das Abo endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Jetzt Abo abschließen und gleich loslesen!

Ähnliche:

  • Verschmutzter Fluss in Ogoniland (18.9.2020)
    01.02.2021

    Zerstörte Lebensgrundlage

    Niederländisches Gericht verurteilt Shell wegen Ölverseuchung des Nigerdeltas. Konzernen droht nun Klagewelle
  • Protest vor dem Shell-Unternehmenssitz in Mumbai gegen die Hinri...
    09.01.2020

    Konzerninteressen vor Leben

    Freigegebene Dokumente zeigen Londons Reaktion auf Hinrichtung von Saro-Wiwa 1995 in Nigeria
  • Fischfang in Öllache: Luftaufnahme eines Dorfes im Nige...
    13.04.2012

    Die Davids vom Niger

    Dauerwiderstand gegen Konzernmacht: Volksgruppe in Nigeria will Ölmulti Shell wegen Umweltkatastrophe in London vor Gericht bringen

Mehr aus: Kapital & Arbeit

Startseite Probeabo