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Aus: Ausgabe vom 26.01.2023, Seite 10 / Feuilleton
Naturwissenschaft

Teilchenphysik in der Warteschleife

Der Krieg in der Ukraine behindert die Publikation wissenschaftlicher Studien
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In die Röhre geschaut: LHC-Teilchenbeschleuniger am CERN

Ein Streit um die Nennung russischer Institute bei wissenschaftlichen Studien sorgt in der Teilchenphysik für einen einzigartigen Publikationsstau. Tausende Physikerinnen und Physiker, die an Experimenten beim Teilchenbeschleuniger »Large Hadron Collider« (LHC) der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) in Genf beteiligt waren, sehen die Ergebnisse ihrer Arbeiten seit Monaten nicht in Fachjournalen veröffentlicht, wie CERN-Forschungsdirektor Joachim Mnich der dpa sagte. Es gehe inzwischen um rund 200 Studien, die Hälfte davon bereits von unabhängigen Gutachtern beurteilt (»peer-reviewed«) und theoretisch zur Publikation freigegeben.

Fachjournale bestehen darauf, dass Autoren eindeutig identifiziert werden. Das passiert in der Regel über die Nennung ihrer Institute. Einige CERN-Kooperationspartner blockieren dies aber im Fall russischer Institute, wie Mnich mitteilte. Stein des Anstoßes sei unter anderem, dass sich die Leitungsgremien einiger dieser Institute hinter den russischen Krieg gegen die Ukraine gestellt haben.

»Publikationen sind die harte Währung der Wissenschaft, sowohl für die Karriere junger Leute als auch für Anträge auf Fördergelder«, merkte Mnich an. Der Druck, zu einer Lösung zu kommen, steige. Die CERN-Studien werden zwar mit der Einreichung bei Fachjournalen bereits als vorläufige Arbeiten veröffentlicht. Aber in manchen Ländern könnten Doktorarbeiten nur abgeschlossen werden, wenn die Autoren in Fachjournalen veröffentlicht haben. In Deutschland sei das nicht der Fall.

Es gehe nicht darum, Autoren, die zu einer Studie beigetragen haben, nicht zu nennen, betonte Mnich. Es gehe um die Institute. Eine Alternative könne sein, die Beteiligten anhand ihrer »ORCID«-Nummer zu identifizieren. So eine Kennung, die für »Open Researcher and Contributor ID« steht, hat jeder Wissenschaftler, um seine Beiträge etwa bei Namensgleichheit mit anderen oder bei unterschiedlichen Schreibweisen eindeutig zuordnen zu können. Nach Angaben von Mnich umfasst die Autorenliste bei CERN-Experimenten oft bis zu 3.000 Namen.

Die CERN-Experimente werden jeweils von einem Kollaborationsausschuss begleitet, in dem alle beitragenden Institute je eine Stimme haben. Dort konnte bislang keine Einigung gefunden werden. Das CERN hat die Kooperationen mit Russland und Belarus zwar gekündigt. Sie laufen aber noch bis 2024. »Das ist ein sehr emotionales Thema, das macht die Findung eines annehmbaren Kompromisses schwierig«, fügte Mnich hinzu. (dpa/jW)

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