3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Sa. / So., 4. / 5. Februar 2023, Nr. 30
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 26.01.2023, Seite 8 / Ansichten

Fischers Fru

Hochrüstung der Ukraine
Von Reinhard Lauterbach
imago0198669139h.jpg
Wolodimir Selenskij trifft die Präsidenten Polens und Litauens (Lwiw, 11.1.2023)

Jemanden wie Wolodimir Selenskij möchte man nicht als Nachbarn haben: Man leiht ihm den Rasenmäher, und er verlangt die Bohrmaschine, und wenn er die hat, ruft er nach der Kettensäge. Jemand, der so erkennbar den Hals nicht vollbekommt, ist seine Freunde schnell los. Aber natürlich, Selenskij interessiert hier nicht als Person, sondern als Charaktermaske seines Staates. Als derjenige, der zunächst um Panzerfäuste bettelte, dann nach Panzern schrie und schon anfängt, Flugzeuge und Kriegsschiffe zu verlangen. Als diese Charaktermaske ist er tatsächlich nicht schlecht besetzt. Er ist ja eigentlich auch Schauspieler.

Selenskij verkörpert äußerst glaubwürdig ein Grunddilemma der Rolle der Ukraine in diesem Krieg: ihn für eigene Absichten, aber auf fremde Kosten zu führen. Und damit objektiv für die Zwecke derer, die die Kosten übernehmen. Der ukrainische Nationalismus, vorgetragen als »Selbstbehauptungswillen der Ukrainer«, argumentiert wie alle seinesgleichen mit der vom »Euromaidan« bekannten Parole »Ukraine über alles« (Ukraina ponad use). Parallelen zu einer heute nicht mehr deklamierten Strophe des Deutschlandliedes sind so evident wie an dieser Stelle zweitrangig. Unter dem Strich bleibt, dass der Ukraine die Mittel fehlen, ihren Nationalismus gegenüber Russland durchzusetzen. Wenn sie doch welche bekommt, dann dafür, dass sie eine Auseinandersetzung ausficht, in deren Rahmen sie eine Spielfigur darstellt.

Die westlichen Auftraggeber der Ukraine für ihren Krieg gegen Russland sind einerseits heilfroh, dass sie den Kampf nur mit eigenem Gut, aber nicht mit eigenem Blut zu führen haben. Deshalb ermutigen sie die Ukraine, ihre Vorstellungen von einem Siegfrieden zum Kriterium von Verhandlungen zu machen – denn der Westen ist noch nicht satt, sieht Russland noch nicht geschwächt genug. Deshalb fließen aktuell Waffen und Geld nach Kiew. Andererseits ist natürlich jede dieser Äußerungen aus Berlin, Brüssel und Washington, es sei Sache der Ukraine, zu entscheiden, wann sie verhandeln wolle, in ihrer vermeintlichen Großzügigkeit ein diskreter Hinweis darauf, dass im Zweifelsfall dort und nicht in Kiew entschieden wird, wie lange es mit dem Krieg noch weitergeht. Die Gefährlichkeit dieser Situation hängt auf westlicher Seite daran, ob man rechtzeitig die Kurve kriegt.

Es gibt ein in ganz Europa bekanntes Märchen über jemanden, der den Hals nicht voll bekommt: Im Deutschen handelt es vom Fischer und seiner Frau. Die bekam vom goldenen Fisch jeden Wunsch erfüllt, bis sie sich einmal übernahm und zuviel verlangte: »Und als sie aufwachte, steckte sie wieder im Pisspott.« Da kann die Ukraine auch sehr schnell landen: mit einem zerstörten Land, total abhängig von fremdem Wohlwollen und hoffend auf einen EU-Beitritt, von dem ein anderes Land im Südosten Europas schon erfahren durfte, dass er kein Zuckerschlecken bedeutet.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Volker Wirth aus Berlin (27. Januar 2023 um 11:43 Uhr)
    Ja, das Märchen von »Fischers Fru«, die am Ende »der liebe Gott« werden wollte, trifft es genau. Selenskij will grundsätzlich das gesamte Waffenarsenal des Westens. Der »Focus« schreibt dazu am 26.1.: »Es sei wichtig, dass der Westen auch ›die Lieferung von Langstreckenraketen auf den Weg‹ bringe.« D. h. die Kiewer Führung will weiterhin auch Moskau, Tscheljabinsk, Jekaterinburg, Saratow und St. Petersburg beschießen können, mit westlichen Waffensystemen - also die volle Palette eines modernen Krieges! »Kiew und seine Verbündeten müssten zudem ›unsere Zusammenarbeit bei der Artillerie ausweiten‹ und die ›Entsendung von Kampfflugzeugen‹ ermöglichen.« Letzteres wird aber ohne ein Ende der nunmehrigen russischen Luftüberlegenheit nicht möglich sein, da sie ja sonst gleich zerstört werden dürften. Womit man wieder bei der berühmt-berüchtigten »Flugverbotszone« wäre, die den Einstieg in den dritten Weltkrieg markiert. Dasselbe gilt bei der Lieferung von - hier nicht erwähnten - Kriegsschiffen, denn gegenwärtig beherrscht die russische Flotte das Schwarze Meer und würde westliche Kriegsschifflieferungen sofort bekämpfen müssen. Nur in einem irrt sich der Autor: Die Ukraine würde sich nicht mit der Krim zufriedengeben, sondern beansprucht auch Woronesch, Rostow und das Kubangebiet - »wo Kosaken wohnen, da ist die Ukraine« - so das Russland komplett vom Schwarzen Meer abgeschnitten würde. 1918 hätten das die ukrainischen Nationalisten mit kaiserlich-deutscher Hilfe beinahe erreicht …
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael M. aus Berlin (26. Januar 2023 um 16:48 Uhr)
    »Die Phrase vom ›einigen Deutschland‹ ist eben doch kein leeres Geschwätz. Niemand bemüht sich so sehr wie die Sozialdemokratie, die Illusion eines völligen Aufgehens aller Parteien in der chauvinistischen Ekstase zu schaffen.« Alexandra Kollontai, Sommer 1914
  • Leserbrief von Bob Metzger aus Dornburg-Camburg (26. Januar 2023 um 02:08 Uhr)
    Reinhard Lauterbach gilt ausdrücklicher Dank für diese Perle ausgesprochener und ausformulierter Dialektik. Komprimiert ist in diesem Artikel (fast) alles gesagt, was die Motivation der regierenden ukrainischen Seite und ihren Verbündeten betrifft. Aber sind es ihre »Verbündeten«? Andere weniger schmeichelhafte und dennoch klarer benennende Substantive wären wohl passender, um einen geleugneten Stellvertreterkrieg als genau das zu benennen, was er ist. Um Stimmungen zu erkennen, werden gewöhnlich Umfragen gemacht. Wie steht es um die so banale Frage »Frieden und Krieg« in der Ukraine, in der Russischen Föderation oder in der Bundesrepublik? Irgendwie nicht gestellte Fragen, sie passen wohl gerade nicht in die »Zeitenwende«. Aber Propaganda betreiben ja immer nur die anderen. Zu wünschen wäre, diese eigentlich so naheliegenden Erkenntnisse Lauterbachs würden »materielle Gewalt, wenn sie das Bewusstsein der Massen ergriffen«. Leider wird dies wohl nur ein Wunsch bleiben, und ich befürchte, im medialen Trommelfeuer werden imperiale Sichtweisen weiterhin die Dominanz behalten. Nur wie lange? Welche Stufe der Eskalationsstufe wird noch erreicht? Sogar die letzte? Ist Frieden noch ein Wert für sich? Inzwischen bin ich diesbezüglich recht pessimistisch. Für mich ist schon lange klar, dass Rosa Luxemburg mit ihrem »Sozialismus oder Barbarei« und Jean Jaurès mit »Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen« vollkommen recht haben. Und damit ist die Antwort gegeben, wie die letzte Eskalationsstufe verhindert werden kann.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (25. Januar 2023 um 23:30 Uhr)
    Herr Lauterbach: vielen Dank wie immer wieder. Doch ich meine, dass nicht die Ukraine, sondern eine seit spätestens der Intervention dieser Victoria »Fuck the EU« Nuland erzogene zum NATO-Pakt passende neue Elite in Kiew hofiert und finanziert wird. Was aber bereits beispielhaft in diesen drei Ostseeprovinzen E Le Li ab 1991/1992 an Russophobie ins Unerträgliche getrieben wurde. Wie gesagt: Dahinter steckt die Erkenntnis des Sicherheitsberaters der Regierungen der U. S. A., Zbigniew Brzezinski, der eben diese Entwicklung nicht nur vorhersagte, sondern forderte, um die Machtposition der USA zu erhalten. Auch der zweite Schritt - die Zerlegung der VR China - ist inbegriffen. So liest sich das neue SPD-Papier eher abgekupfert. Hätte Heinz Kissinger nicht schlechter gekonnt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (25. Januar 2023 um 22:33 Uhr)
    Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Frau Baerbock hat explizit und öffentlich Russland den Krieg erklärt (»Wir führen einen Krieg gegen Russland und nicht gegeneinander«, Zitat des Tages, jW vom 26.1.2023). »Die westlichen Auftraggeber der Ukraine«, jedenfalls aus Deutschland, haben sich verabschiedet und sind nun erklärtermaßen selber Akteure. Dieses Faktum lässt Zweifel daran aufkommen, ob das Außenministerium den Radius der Kurve, die zu kriegen ist, nicht zu groß einschätzt. Putin vor einiger Zeit: Ich bluffe nicht. Bei Putin gehe ich davon aus, dass er weiß, was er sagt, bei der Dame im Auswärtigen Amt bin ich mir nicht so sicher. Ob Herr Scholz das auch so sieht? Der positiven Perspektive von Herrn Lauterbach für die Ukraine (»… steckte sie wieder im Pisspott«) kann ich mich nicht anschließen, den wenn (falls?) sie aufwacht, wird sie sich an einem schlimmeren Ort finden, möglicherweise nicht alleine.
  • Leserbrief von Holger K. aus Frankfurt (25. Januar 2023 um 20:59 Uhr)
    Der widerliche und gemeingefährliche Kiewer Clown ist zusehends vom Größenwahn befallen, wähnt sich als Superstar auf der Weltenbühne, was ihm auf der Theaterbühne misslang. Dabei ist er lediglich ein bloßes Werkzeug Washingtons, so wie einst Mussolini eines von Berlin war. Auch der Duce blies sich auf, solange er den Nazischirm in Anspruch nehmen konnte. Es wird sich zeigen, wie lange dieser Selenskij als Schwanz mit dem US-Hund wedeln darf. Nun ja, es kommt in der Geschichte ja immer mal wieder vor, dass Diener vorlaut gegenüber ihren Herren sich aufpusten. Schau mer ma, wie lange der Kiewer Schmierenkomödiant noch weiterhin Narrenfreiheit genießt und sich aufspielen darf.

Ähnliche:

Mehr aus: Ansichten

Startseite Probeabo