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Aus: Ausgabe vom 24.01.2023, Seite 12 / Thema
Antikommunismus

Spur der Gewalt

Vorabdruck. Massenverbrechen des »Kalten Krieges«. Der Feldzug der USA gegen den Kommunismus kannte keine Grenzen
Von Vincent Bevins
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»Sie mussten die Kommunisten töten, damit ausländische Investoren ihr Kapital hier anlegen konnten.« Am Strand von Seminyak auf Bali wurden in den Jahren 1965 und 1966 Tausende Menschen getötet

In diesen Tagen erscheint im Kölner Papy Rossa-Verlag Vincent Bevins Buch »Die Jakarta-Methode«. Bevins zeigt, wie die USA während des Kalten Krieges, ausgehend von den Massenmorden an den indonesischen Kommunisten im Jahr 1965, weltweit mit allen Mitteln gegen kommunistische und fortschrittliche Bewegungen vorgingen. Wir dokumentieren im folgenden das leicht gekürzte Schlusskapitel, in dem Bevins noch einmal einige der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aufsucht, mit denen er bei der Recherche zu dem Buch gesprochen hat. Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Wayan Badra, der Hindupriester, lebt noch in der gleichen Straße, in der er aufwuchs, in Seminyak im Südwesten Balis. Doch die Gegend hat sich drastisch verändert. Der Strand, den er früher jeden Morgen auf dem Weg zur Schule in Kuta vierzig Minuten lang hinunterlief, ist nicht mehr menschenleer. Er ist voller Luxusresorts und »Beach Clubs«, einem auf der Insel weit verbreiteten Business: Ausländische Touristen können hier den ganzen Tag über Cocktails schlürfen und ein Bad im Pool nehmen, direkt am Strand.

Auf diesen Strand verbrachte das Militär einst Menschen aus Kerobokan, nur ein paar Kilometer weiter östlich gelegen, um sie nachts zu töten. Direkt am Meer, nur wenige Meter von Badras Haus entfernt, befindet sich einer der größeren, nobleren Beach Clubs auf Bali. Seminyak ist zu einem der teureren Orte auf der Insel geworden, wo sich der Tourismus in der Regel um Wellness, Spa und »Mindfulness«, Meditation und Massagen oder einfach nur um Sonne und Surfen dreht.

Schädel im Sand

Wenn Außerirdische auf Bali landen würden, kämen sie sofort zu dem Schluss, dass es auf unserem Planeten rassistische Hierarchien gibt. Die Weißen, die hier Urlaub machen, sind um Längen reicher als die Einheimischen, die sie bedienen. Das wird einfach hingenommen – als natürlicher Teil des Lebens. Fast überall in Südostasien verfügen Weiße über das nötige Kleingeld, um sich von den Einheimischen großzügige Gastfreundschaft oder auch Sex zu erkaufen. Sie kamen mit diesem Reichtum zur Welt. Im Vergleich zum übrigen Indonesien hat sich Bali durch den Tourismus wirtschaftlich gut entwickelt, und die Balinesinnen und Balinesen setzen oft folgsam das »Bali-Lächeln« auf, wenn sie australischen Surfern Eier servieren oder russischen Instagram-Models ihre Kokosnüsse bringen.

Kaum ein Tourist, egal, wie wohlmeinend oder gut gebildet, weiß, was hier passiert ist, sagt Ngurah Termana, der Neffe von Agung Alit, jenem Mann, der seinerzeit einen düster-makabren Nachmittag damit verbrachte, Schädel zu durchwühlen – auf der Suche nach der Leiche seines Vaters. Anders als in Kambodscha, wo westliche Rucksacktouristen gewissenhaft (oder krankhaft) das Museum bei den Killing Fields außerhalb von Phnom Penh besuchen, sind sich nur wenige Bali-Besucher bewusst, dass auf dem feinen Sand unter ihren Liegestühlen ein großer Teil der lokalen Bevölkerung abgeschlachtet wurde.

»Selbst wenn wir uns mit NGOs treffen, mit Leuten, die international bestens informiert sind, die über alles Mögliche Bescheid wissen, über Ruanda, Pol Pot und so weiter: Niemand von denen hat eine Ahnung davon, was hier passiert ist«, sagt Ngurah Termana, Gründungsmitglied von Taman 65 (Park 1965), einem Kollektiv, das sich für Erinnerung und Aussöhnung auf der Insel einsetzt. Die Gruppe hat ein Buch über die Morde auf Bali wie auch eine CD mit Liedern herausgegeben, die Gefangene in den dortigen Lagern sangen.

Die Mitglieder von Taman 65 wissen, warum die Touristen nichts über die Gewalt erfahren, die so viele das Leben kostete. Die Regierung hat diese Geschichte tief vergraben, noch tiefer gar als auf der Insel Java. Der Tourismusboom, der in den späten 1960er Jahren einsetzte, machte dies erforderlich. Vor der Ära Suharto war ein großer Teil des Bodens von Bali in öffentlicher Hand und oftmals Gegenstand von Streitfragen. »Sie mussten die Kommunisten töten, damit ausländische Investoren ihr Kapital hier anlegen konnten«, so Ngurah Termana. »Wer heute hierherkommt, sieht nur noch unser berühmtes Lächeln«, fuhr er fort. »Sie ahnen nichts von der Finsternis und dem Feuer darunter.«

Der luxuriöse Beach Club, der nur wenige Schritte von Wayan Badras Haus entfernt liegt, hat einen Namen, der etwas skurril klingt. Er heißt KU DE TA, also »Coup d’État« auf Bahasa Indonesia. Ich fragte das Personal, ob sie um die mögliche Ironie wüssten. Sie wussten es nicht. Im Laufe der Jahre haben Wayan Badra und seine Nachbarn Gebeine und Schädel im Sand rund um KU DE TA gefunden. Als ältester Priester des Dorfes nimmt er es auf sich, die Leichen nach einem ordentlichen hinduistischen Begräbnis zu bestatten.

Linke töten

Mit Ing Giok Tan traf ich mich in der Nähe von São Paulos Praça da República, dem Platz der Republik, direkt unterhalb meines Appartments in der größten Stadt Brasiliens. Das Treffen war für sie günstig gelegen. Es war Oktober 2018, und sie nahm dort gerade an einer Kundgebung gegen die Wahl Jair Bolsonaros teil.

58 Jahre alt, rot gekleidet und mit strahlendem Ausdruck, war sie zusammen mit Freundinnen auf dem Platz, schwenkte Fahnen und verteilte Flugblätter. Dies war keine der ganz großen Bündnisdemonstrationen gegen Bolsonaro, an denen alle möglichen Leute teilnahmen. Vielmehr handelte es sich um eine Gruppe engagierter Aktivistinnen und Aktivisten, die ein paar Mal pro Woche auf der Straße waren.

Doch sie sollten verlieren. Das wurde immer deutlicher. Just dieser Moment, als Bolsonaro im Sturmlauf den zweiten Wahlgang erreichte, ohne auch nur zu einer einzigen Debatte mit seinem Gegner von der linken Arbeiterpartei (PT) zu erscheinen, markierte womöglich den Tiefpunkt der brasilianischen Linken, seit die Demokratie zurückgekehrt war. Doch Ing Giok war mit fünf oder sechs Frauen vor Ort und verteidigte unerschrocken Lula, den beliebten ehemaligen Präsidenten, den ersten Linken, der seit dem Fall der Diktatur das Land geführt hatte. Sie unterstützte die PT, seine Partei, seit sie 1989 erstmals für ihn gestimmt hatte (bei der damaligen Wahl manipulierte der brasilianische Fernsehsender TV Globo das Bildmaterial einer wichtigen Debatte zwischen Lula und Fernando Collor, der später gewann und dann wegen Korruption angeklagt wurde). Besonders aktiv wurde sie jedoch 2016, als sich rechte Kräfte aufbauten, um Dilma Rousseff zu entmachten. Sie glaubte nicht, dass das gut ausgehen würde. Und sie hatte recht.

Müsste man die politische Laufbahn von Jair Bolsonaro in zwei Worten zusammenfassen, so wäre »gewalttätiger Antikommunismus« eine ziemlich gute Wahl. Er war ein unscheinbarer Soldat und ein ebenso unauffälliger Politiker, der im Laufe von zwei Jahrzehnten als Abgeordneter zwischen neun Parteien wechselte. Das einzig Bemerkenswerte an ihm war, dass er manchmal herausschrie – sei es in leeren Kongresssälen oder im Spätfernsehen –, dass jeder ein Kommunist sei oder dass der Staat mehr Linke hätte töten sollen. Einmal offenbarte er: »Wahlen werden in diesem Land nichts ändern. Nichts! Es wird sich leider erst mit Beginn eines Bürgerkriegs etwas ändern, wenn wir erledigen, was die Diktatur nicht getan hat. Wenn wir rund 30.000 Menschen töten, angefangen mit FHC (gemeint war der damalige Präsident Fernando Henrique Cardoso von der sozialdemokratischen Partei PSDB, jW). Wenn ein paar Unschuldige sterben, ist das nur gut so.«

Im Laufe der Jahre erschütterte und konsternierte sein vehementes Eintreten für die Diktatur samt deren abstoßendsten Praktiken sogar das militärische Oberkommando, das es vorzog, die Geschichte auf sich beruhen zu lassen. Bolsonaros ideologische Haltung lässt sich direkt auf das Jahr 1975 und die Tage der Operação Jacarta zurückführen. Damals gab es eine Spaltung innerhalb des Militärs. General Geisel trat für eine allmähliche demokratische Öffnung (portugiesisch: abertura) ein, während eine rigoros auftretende Gruppierung innerhalb des Militärs, deren Macht auf Terror beruhte, die Abertura ablehnte. Diese gewalttätige, ultrarechte Fraktion wurde von Brilhante Ustra angeführt, jenem Mann, den Bolsonaro bei der Abstimmung über die Amtsenthebung von Dilma Rousseff lobte – an besagtem Tag, als ich ihm auf den Fluren des Kongresses in Brasília begegnete.

»Bolsonaro repräsentiert die Fraktion der Streitkräfte, die an Macht gewann, als die Folter ein wichtiger Bestandteil des Militärregimes wurde«, schrieb Celso Rocha de Barros in der Tageszeitung Folha de S. Paulo. Mit anderen Worten: Mit seiner Präsidentschaft kehrten genau jene Triebkräfte zurück, die im 20. Jahrhundert zum antikommunistischen Massenmord geführt hatten.

Ing Giok ist nun in jeder Hinsicht Brasilianerin, und zwar in dem Maße, wie sie nur noch »Ing« heißt, was landestypisch »Ing-ee« ausgesprochen wird (die Aussprache der Wörter im brasilianischen Portugiesisch kann nicht auf einen Konsonanten enden). Ich lernte auch einen Großteil der indonesischen Community in Brasilien kennen. Fast alle von ihnen sind chinesischer Abstammung. Einige waren konservativ, andere waren politisch in der linken Mitte anzusiedeln. Niemand von ihnen wusste, dass die ursprünglichen antichinesischen Unruhen in Indonesien das Ergebnis der US-Politik in der Region waren. Einige von ihnen wussten gar nicht, warum sie überhaupt nach Brasilien gekommen waren. Andere, wie Hediandi Lesmana oder Hendra Winardi, wanderten erst nach 1965/66 aus, als die antichinesische Stimmung in der Studentengemeinde von Jakarta ihnen das Leben sehr schwermachte. Hendra wurde als Ingenieur sehr erfolgreich und erschuf buchstäblich einige der bedeutendsten architektonischen Wahrzeichen Brasiliens. Sein Unternehmen half beim Bau von fünf Stadien für die Fußball-WM 2014 – ein Ereignis, das heute gefühlt in einer anderen, viel besseren Welt stattfand.

Ing Giok und ich haben oft miteinander gesprochen. Als ich nach einer unserer Unterhaltungen an den Schreibtisch zurückkehrte und erst einmal einige Twitter-Nachrichten checkte, sprang mir etwas ins Auge. Bolsonaro-Anhänger hatten schon seit Wochen internationale Pressevertreter als »kommunistisch« bezeichnet – mit Blick auf unsere kritische Berichterstattung. Doch dieses Mal kam der Anwurf mit einer Illustration daher, die eindeutig älteren Datums war. Abgebildet war eine rote, teuflische Hand, die einen langen Zacken hielt, als wollte sie damit ins Herz Brasiliens stechen. Zurückgehalten wurde sie von einer anderen, einer grünen Hand. Es war klar, was das bedeutete: Die Kommunisten wollten das Land zerstören, aber die Armee würde zur Rettung eilen. Ich erkannte dieses Bild und schlug in meinen Geschichtsbüchern nach. Die Illustration stammte aus den 1930er Jahren und basierte auf der Legende von den Kommunisten, die mitten in der Nacht Generäle ermordeten – der Mythos, der um die »Intentona Comunista« rankt.

Bolsonaro gewann die Präsidentschaftswahlen vom 28. Oktober 2018. Ich war in Rio und schrieb fieberhaft an einem Artikel, als die endgültigen Ergebnisse eintrafen. Unter mir, in den Straßen von Leme – der Stadtteil ist nur ein paar Blocks vom Copacabana-Strand entfernt –, hörte ich Schreie und lief zum Fenster, um Zeuge einer kurzen, frühen Explosion politischer Gewalt zu werden. An diesem Tag hatten viele Menschen in der Nachbarschaft Sticker getragen, die zur Unterstützung von Haddad aufriefen, dem Kandidaten der Linken. »Comunistas! Comunistas!« schrie eine Gruppe wuchtiger Männer sie an, »Faschisten!« schrien ein paar Frauen zurück. Doch sie waren verängstigt. Diese Typen waren viel größer als sie, und so zogen sie schnell von dannen, die Sticker entfernend.

Nach den Ergebnissen sprach ich mit Ivo Herzog, dem Sohn des Journalisten Vladimir Herzog, der bei der mutmaßlichen Operação Jacarta getötet worden war. »Ich glaube, wir machen einen riesigen Schritt zurück. Ich habe große Angst«, sagte er. »Die politische Situation belastet mich enorm. Ohne Medikamente kann ich nicht schlafen. Aber ich habe beschlossen, dass es jetzt nicht an der Zeit ist, klein beizugeben.«

Ein Leben lang gezeichnet

Magdalena war ihr ganzes Leben lang schön. Während ihrer gesamten Zeit im Gefängnis versuchten Wärter, sie zu heiraten. Sie widerstand dem, obwohl sie wusste, dass es ihre Situation verbessert hätte und sie wohl früher freigekommen wäre. Derlei Beziehung wollte sie nicht. Als Magdalena entlassen wurde, versuchten weitere Herrschaften, sie zu heiraten. Sie verwahrte sich. Sie fühlte sich bei keinem Mann sicher, der nicht selbst inhaftiert gewesen war. Sie wusste, dass sie als Kommunistin, ja: als Hexe, lebenslang gezeichnet war. Sie befürchtete, jeder gewöhnliche Mann würde sie zurückweisen und wie Dreck behandeln, wenn ihm danach war.

»Wie sollte ich einem normalen Mann als Ehemann vertrauen?« fragte sie mich. »Was, wenn er wütend wird? Wenn er mich einfach schlägt, mich eine Kommunistin nennt? Wer würde mir helfen?«

Den Familien von Kommunistinnen und Kommunisten – oder solchen, die beschuldigt wurden, welche zu sein – ist noch viel Schlimmeres passiert als das. Wer in Indonesien als Kommunist verrufen ist, gilt ein Leben lang als teuflisch, und vielfach wird dies als etwas angesehen, was vererbt würde, als wäre es eine genetische Missbildung. Wessen Eltern unter Kommunismusverdacht standen, wurde mitunter gefoltert oder getötet. Manche Frauen wurden allein deshalb verfolgt, weil sie ein Waisenhaus für Kinder kommunistischer Opfer eingerichtet hatten. Ein indonesischer Geschäftsmann aus dem Dunstkreis Washingtons warnte US-Stellen noch Jahre nach den Morden, ein starkes Militär sei notwendig, weil die Nachkommen der Kommunisten heranwüchsen.

Magdalena ist mit ihren 71 Jahren heiter und strahlend, zugleich aber schüchtern und zurückhaltend. Sie lebt allein in einer winzigen Behausung mit einem Schlafzimmer, gelegen in einer Gasse der Stadt Solo in Zentraljava.

Sie lebt von 200.000 Rupiah im Monat, etwa 14 US-Dollar. Ein wenig Hilfe erhält sie von der örtlichen Kirche, die sie monatlich mit fünf Kilo Reis unterstützt. Aber sie hat keine Familie und keine jener traditionellen Bindungen zu ihrer Gemeinde, durch die die meisten Frauen in ihrem Alter Unterstützung erfahren. Diese Art von Beziehungen wurden gekappt, als man sie beschuldigte, Kommunistin zu sein. Als ich das erste Mal mit meinem Motorrad die kleine Straße zu ihr hinunterfuhr und schließlich ihr Wohnzimmer betrat, traute ich meinen Augen nicht. Sollte so etwa leben, wer in Indonesien in die Jahre kommt? Lebte man nicht in Häusern mit großen Familien? Und wer keine Verwandtschaft um sich herum hat: Würde sich dann nicht die Nachbarschaft kümmern? Als ich bei ihr auf der Schwelle stand, grüßte uns niemand auf ihrer Straße. Sie lag nicht falsch, als sie meinte, ein Leben lang gezeichnet zu sein.

Mit solchen Situationen sind Überlebende der Gewalt und Repression von 1965 nur allzu vertraut. In Indonesien leben geschätzt noch mehrere zehn Millionen Opfer oder Angehörige von Opfern, und fast alle leben in Verhältnissen, die sie nicht verdient haben. Das reicht von bitterer Armut und sozialer Isolation bis hin zur Verwehrung des einfachen Zugeständnisses, dass ein Eltern- oder Großelternteil zu Unrecht ermordet wurde – und dass auch sie sich nicht schuldig gemacht haben.

Die kleine Organisation, die sich für die Überlebenden in dieser Region einsetzt, das Sekretariat Bersama ’65, kämpft seit Jahrzehnten für die Anerkennung der Verbrechen, die an Menschen wie Magdalena begangen wurden. Die Überlebenden dachten, es hätte eine Art Wahrheitskommission oder einen Prozess der nationalen Aussöhnung geben können; sie dachten, die Opfer hätten Entschädigungen erhalten sollen; sie dachten, es hätte zumindest eine öffentliche Entschuldigung für das geben sollen, was ihnen widerfahren war; ja, sie dachten, es hätte zumindest ein Bekenntnis dazu geben können, dass sie Menschen sind, die auch als solche zu behandeln sind. Nichts von alldem geschah.

Als ich es 2017 zum ersten Mal arrangierte, mich mit Überlebenden zu treffen, warnte mich Baskara Wardaya, ein katholischer Jesuitenpater und Historiker, der sich auf die Zeit von 1965 spezialisiert hat: »Viele Überlebende sind es müde zu reden, müde zu kämpfen. Die Sache ist schon so lange her, und sie haben absolut nichts erreicht.«

Utomo Ramelan war 1965 Bürgermeister von Solo und zugleich Mitglied der Kommunistischen Partei (PKI). Im Laufe der Jahre, in denen ich Solo besuchte und mit Überlebenden zusammentraf, begegnete ich einigen Leuten aus seiner damaligen Verwaltung, die sich als junge Indonesier über eine offizielle Stelle im Rathaus freuten. Nachdem Suharto die Macht übernommen hatte, wurde Ramelan verhaftet und zum Tode verurteilt.

Keine Entschuldigung

Im Jahr 2005 wurde ein ehemaliger Geschäftsmann aus der Möbelindustrie namens Joko »Jokowi« Widodo zum Bürgermeister von Solo gewählt. 2014 schaffte er es zum Präsidenten Indonesiens. Seine Kandidatur wurde von einer Reihe von Menschenrechtsgruppen unterstützt, von denen viele dachten, er würde als erstes Staatsoberhaupt, das nicht aus Suhartos militärisch-oligarchischem Zusammenhang kam, die Verbrechen von 1965 anerkennen und sich dafür entschuldigen oder anlässlich des 50. Jahrestags der Morde eine Untersuchung einleiten.

Sie lagen falsch. Nicht lange nach seinem Amtsantritt setzte er ein Lächeln auf und erklärte den Medien, er »denke nicht daran, sich zu entschuldigen«. 2017, in jenem Jahr, in dem meine Mitbewohnerin in Jakarta wegen der Teilnahme an einer Konferenz zu 1965 terrorisiert wurde, nahm Widodo, der einst selbst beschuldigt worden war, Kommunist zu sein, eine härtere Position ein: »Wenn die PKI zurückkommt, so verprügelt sie einfach«, sagte er. 2019 wurde er für eine weitere fünfjährige Amtszeit wiedergewählt.

Meine Zeit in Solo war nicht einfach. Diese Interviews waren schwer zu führen, ich musste es langsam angehen lassen, und die Wochen wurden lang und länger. Zunächst nahm ich an, ich könnte mit Hilfe eines Dolmetschers mit Betroffenen sprechen; doch schnell zeigte sich, dass viele Menschen immer noch viel zu traumatisiert sind und zu viel Angst vor dem Stigma haben, das ihnen im Alter immer noch anhaftet, um vor Landsleuten frei zu sprechen, die sie nicht kennen oder denen sie nicht vertrauen. Selbst für diejenigen, die doch über einen Dolmetscher mit mir sprachen, war die Befragung viel zu heikel, um die Verantwortung für die konkreten Formulierungen an jemanden zu übertragen. Also verbesserte ich meine Sprachkenntnisse so weit, dass ich Einzelgespräche führen und langsam Vertrauen gewinnen konnte. Ich sprach mit sehr vielen Menschen, deren Erinnerungen ich hier nicht explizit berücksichtigen konnte. Einige, so wurde mir klar, fühlten sich nicht wirklich wohl dabei, ihre ganze Geschichte zu erzählen; viele andere schlugen sich tapfer und halfen mir dabei, die Ereignisse besser zu begreifen, während ich die wenigen Geschichten auswählen musste, die ich für ein Buch wie dieses aufnehmen konnte. Offen gesagt: Ich fühle mich etwas schuldig einzugestehen, dass dieser Prozess für mich psychologisch nicht einfach war, verblasst doch mein kleines Martyrium verglichen mit den Erfahrungen derer, die ich traf – zumal ich jederzeit zurückgehen und ein angenehmes Leben in den Vereinigten Staaten führen konnte.

In Solo musste ich viel Zeit in der neuen Megamall der Stadt verbringen, wo alle wichtigen Firmen vertreten sind. In gewisser Weise fungieren solche Konsumtempel heute als kulturelle Zentren der indonesischen Städte, samt Kinderkonzerten im Foyer. Die Leute können ziellos umherschlendern und sich mit Eiskaffee und Donuts versorgen. Oft ist man auf den Rolltreppen in den oberen Etagen regelrecht gefangen, so dass man weiterbummelt und noch etwas kauft. Und in welche Mall man auch geht: Aus den Lautsprechern erschallt fast immer American Pop. Keine indonesische Musik. Keine japanischen Klänge. Noch nicht einmal K-Pop, der in einer koreanischen Welle um die Welt ging. Auch sonst nichts aus Asien. Keine europäische oder lateinamerikanische Musik. Alles made in USA.

Auch Sakono lebt in der Nähe von Solo. Er ist noch immer sehr quirlig und analysiert gegenwärtige Geschehnisse mit scharfem politischem Blick. Anders als Magdalena kann er über die alten Zeiten sprechen, ohne plötzlich die Stimme zu verlieren, ohne in die Ferne zu starren oder in Tränen auszubrechen. Wie Magdalena, so ist auch er während seiner Gefangenschaft zum Christentum konvertiert.

Auch das ist unter den Überlebenden weit verbreitet, vor allem unter jenen Opfern von 1965, die mit der javanischen Form des Islam aufwuchsen. Des Atheismus bezichtigt, wurde, wer unter Kommunismusverdacht stand, von den großen muslimischen Institutionen in Java, die oft in die Morde verwickelt waren, abgewiesen; doch an Gott glaubten die meisten weiterhin und suchten seelischen Trost vor den materiellen Schrecken ihres Lebens.

Worüber Sakono noch lieber spricht als über Marxismus, sind Gnade und Vergebung. Worauf er besteht: Weder jenen, die ihn gefangennahmen, noch jenen, die seine Freunde umbrachten, habe er etwas vorzuwerfen. Er will keine Vergeltung und hat mit seiner Vergangenheit Frieden geschlossen. Worauf er indes auch besteht: Sein Land habe keinen Frieden mit dieser Geschichte geschlossen.

»Die Lösung besteht darin, dass dieses Land seine Sünden anerkennt und Buße tut. Ich schätze selbst die schwierigsten Erfahrungen, die ich gemacht habe, denn sie haben mich gelehrt, allen Menschen mit Liebe zu begegnen«, sagte er. »Wenn wir anerkennen, was unsere Nation getan hat, und um Vergebung bitten, können wir vorankommen.«

»Kommunistischer Verrat«

Im Zentrum der indonesischen Hauptstadt steht ein Bauwerk namens Monumen Pancasila Sakti. Mein Weg dorthin führt mich, wie jede Fahrt innerhalb Jakartas, durch stockenden Verkehr, langsam geht es durch überfüllte, verschmutzte Straßen.

Aus schwer erfindlichen Gründen wird man in vielen Teilen Indonesiens als weißer Ausländer um ein Selfie gebeten. Mir kommt das zutiefst befremdlich vor, ja beunruhigend, aber meist komme ich dem nach. Am Pancasila-Monument tue ich das lieber nicht, denn ich habe mich wohl mehr oder weniger auf das Gelände geschlichen. Seit einiger Zeit hat das indonesische Militär Ausländern den Zutritt zu diesem Komplex von Gedenkstätten und Museen verboten – offenbar wollen die Behörden internationale Begutachtungen des Ortes vermeiden. Nach meinem Besuch verstehe ich, warum.

Das Monumen Pancasila Sakti besteht aus einer großen weißen Marmorwand, vor der lebensgroße Figuren stehen, die die Opfer der Bewegung 30. September darstellen. Es befindet sich nur wenige Schritte von Lubang Buaya entfernt, jenem Brunnen, in dem damals die Leichen der Generäle gefunden wurden.

Doch für all die anderen, die ermordet wurden, gibt es keine Gedenkstätte. Es gibt ein ganzes Museum, das Museum Pengkhianatan PKI (Komunis) – das »Museum des kommunistischen Verrats« –, um das Narrativ von der verräterischen Partei zu bekräftigen, die es nur verdient gehabt hätte, eliminiert zu werden. Man läuft durch eine Reihe skurriler, abgedunkelter Säle, vorbei an Installationen mit modellhaft nachgestellten Szenen und soll so durch die Geschichte der Partei geführt werden: eine Erzählung vom Verrat an der Nation, vom Angriff auf das Militär, vom Komplott zur Zerstörung Indonesiens – bis hin zur Wiedergabe von Suhartos Propaganda über die Ereignisse vom Oktober 1965. Es gibt keinerlei Hinweise auf die rund eine Million Menschen, die infolgedessen getötet wurden.

Am Ausgang posieren Kinder für Fotos vor einem großen Schild mit der Aufschrift: »Danke, dass Sie einige unserer Exponate über die Grausamkeiten besichtigt haben, die von der Kommunistischen Partei Indonesiens begangen wurden. Lassen Sie nicht zu, dass so etwas jemals wieder passiert.«

Vincent Bevins: Die Jakarta-Methode: Wie ein mörderisches Programm Washingtons unsere Welt bis heute prägt, Köln: Papy Rossa 2023, 427 S., 28 Euro

Vincent Bevins ist Journalist und Autor. Er arbeitete von 2011 bis 2016 als Korrespondent für die Los Angeles Times in Brasilien und 2017 für die Washington Post in Jakarta.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (24. Januar 2023 um 15:16 Uhr)
    Solche Artikel sind unendlich wichtig, erinnern sie doch daran, auf welchem Fundament die heutige »demokratische Wertegemeinschaft« ruht. Dort finden sich riesige Leichenberge, aufgehäuft bei der Vernichtung der Ureinwohner Amerikas über die großen und kleinen Kriege mehrerer Jahrhunderte bis hin zu den Massakern, die angerichtet wurden, um die Befreiung der Völker vom Kolonialismus zu verhindern. Ein Meer von Blut hat die Erde getränkt und tränkt sie immer noch, aus dem sich diese Gesellschaft nährt. Man darf nicht aufhören, daran zu erinnern, wieviele Leben sie gefressen hat und weiter frisst, wenn sie von jenen Menschenrechten faselt, die ihr immer egal waren …
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Martin M. aus Paris (23. Januar 2023 um 23:22 Uhr)
    Aggressionen, abscheuliche Kriege, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen – alle direkt oder indirekt von den USA begangen, sind für diejenigen, die sich interessieren, meist gut dokumentiert. Die Massenmorde in Indonesien sind jedoch immer noch ein Bereich, der leider weniger bekannt ist und der den Lauf der Geschichte des Landes verändert hat. Selbst in Indonesien weiß man wenig über die Massaker, die von der Armee und der Polizei mit aktiver Unterstützung der USA begangen wurden. Und die sogenannten westlichen »Demokratien« haben entweder weggeschaut oder schlimmer noch, diese Massaker unterstützt. Ich empfehle allen, die mehr über dieses Verbrechen erfahren wollen, drei Filme:

    1. The Act of Killing (Der Akt des Tötens (von Joshua Oppenheimer) – Der Grund, warum diese Morde ungestraft bleiben, ist die Straffreiheit. Keiner dieser Mörder wurde jemals belästigt, geschweige vor Gericht gestellt. Der indonesische Präsident hat sich kürzlich für das »Fehlverhalten und die Leiden entschuldigt«, aber die Ermordung von etwa einer Million Menschen hat das Land für immer verändert. http://theactofkilling.com
    https://www.youtube.com/watch?v=Q3FcB1UZHlg
    https://www.youtube.com/watch?v=M2TI2EmAn7Y
    2. The look of silence (von Joshua Oppenheimer)
    http://thelookofsilence.com
    https://www.youtube.com/watch?v=aA_ZHAs4M9k&t=1s
    https://www.youtube.com/watch?v=M1UOYvE9U7U
    https://www.youtube.com/watch?v=n9O_5Hjehqo
    3. The Year of Living Dangerously (von Peter Weir)

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