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Aus: Ausgabe vom 24.01.2023, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Kulturpreis »Skyline«

Demo bei der Preisverleihung

Belegschaft der Frankfurter Binding-Brauerei kämpft um Arbeitsplätze. Dafür ehrt sie sogar die SPD
Von Gert Hautsch
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Tosender Beifall im Saal, als die Kolleginnen und Kollegen die Preisverleihung zur Demonstration werden ließen (Frankfurt am Main, 15.1.2023)

Die Frage, ob der Name des Ortes Zufall war, blieb unbeantwortet. Passend war er auf jeden Fall. Im Saal der Freimaurer-Loge »Zur Einigkeit« in Frankfurt am Main hat die SPD am 15. Januar vor rund 150 Teilnehmern ihren Kulturpreis »Skyline« verliehen. Er ging an die Belegschaft der Traditionsbrauerei Binding. Von dort waren viele Kolleginnen und Kollegen gekommen, aber ihre Gefühle waren zwiegespalten: Einerseits freuten sie sich über die Ehrung, andererseits war der Anlass bedrückend. Sie sollen ihre Arbeit verlieren.

Spätestens im Oktober 2023 ist Schluss an der Darmstädter Landstraße. So will es die Radeberger Gruppe KG in Frankfurt am Main. Radeberger gehört der Dr. August Oetker KG in Bielefeld. Mit dem eins­tigen Premiumbier der DDR aus der Nähe von Dresden hat das Unternehmen nur noch den Namen gemeinsam.

Vermutlich hat man sich in Bielefeld alles recht einfach vorgestellt: Bier gibt’s genug in Deutschland, der Konsum sinkt außerdem, wen soll es da schon kümmern, wenn Binding-Bier nur noch eine Marke wird und von irgendwoher kommt? Aber die Belegschaft will sich nicht einfach abservieren lassen. Der Betriebsrat, unterstützt von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), hat seit dem Oktober 2022, als der Beschluss bekannt wurde, eine lautstarke und einfallsreiche Kampagne in Gang gesetzt. Mit Wirkung, wie z. B. der SPD-Kulturpreis zeigt.

In der Frankfurter Stadtgesellschaft gibt es breite Solidarität. Wie es der Zufall will, finden im März 2023 Neuwahlen zum Oberbürgermeister statt. Wer möchte sich da im Kandidatenkreis schon nachsagen lassen, er oder sie habe kein Herz für die Beschäftigten der Traditionsbrauerei. Und so finden sich auf der Liste des jüngst gegründeten Unterstützerkreises nicht nur die Namen der Bewerberin von Die Linke und des Kandidaten der Sozialdemokraten, sondern auch die des CDU- und FDP-Bewerbers. Die Grünen-Kandidatin fehlt noch.

Die »Skyline«-Preisverleihung geriet zur Solidaritätsveranstaltung. Stellvertretend für die rund 150 Beschäftigten nahmen der Betriebsratsvorsitzende Christian Schipniewski und seine Stellvertreterin Ilona Traband die Auszeichnung entgegen. Die Kulturdezernentin Ina Hartwig betonte dabei, wie wichtig es für die Stadt Frankfurt sei, Industriearbeitsplätze zu erhalten. Zumal der Brauereibetrieb auch ein Kulturträger sei, wie der alljährlich ausgelobte Binding-Kulturpreis zeige.

Schipniewski und Traband berichteten von großer Unterstützung. Sie reiche von rund 20.000 Unterschriften über eine Geldsammlung bei der IG Metall bis zu spontanem Beifall aus vorbeifahrenden Autos während einer Kundgebung vorm Betriebsgelände. Beispielhaft auch: Zur Preisverleihung in Frankfurt war eine Delegation der Brauerei »Becks« aus Bremen gekommen – auch ein Radeberger-Betrieb. Das seien bewegende Momente, so Schipniewski. Als nächstes werde man ins Fußballstadion zur Frankfurter »Eintracht« in die Fankurve gehen; Binding sei schließlich das »Eintracht«-Bier. Dort wird es viel Zustimmung geben, da sind sich die Kolleginnen und Kollegen sicher. Und so zogen sie zum Schluss der Preisverleihung ein Transparent auf: »Binding-Brauerei bleibt – Bier braucht Heimat.« Das Publikum war begeistert.

Für die kommende Zeit ist noch viel geplant. Bei einer Podiumsdiskussion zu Industriearbeitsplätzen in Frankfurt soll das Beispiel Binding im Mittelpunkt stehen. Die rund 800 Restaurants, Kneipen und »Wasserhäuschen«, die Binding-Bier anbieten, will man kontaktieren. Eine Mahnwache vor der nächsten Sitzung der Stadtverordneten soll das Thema in Erinnerung halten. Der Unterstützerkreis, bei dem schon viele bekannte Namen aus der Stadtgesellschaft zu finden sind, wird sich ebenfalls mit Ideen einbringen.

Entscheidend wird sein, wieviel Druck auf die Konzernführung erzeugt wird. Der Ruf »Nach Bielefeld!« ertönte deshalb mehrfach während der Preisverleihung. Auf das erste Quartal 2023 wird es ankommen.

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