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Aus: Ausgabe vom 25.01.2023, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Mit Elon Musk in der Vorhölle

Ohrenbetäubend: Das ideenreiche Stück »Black Flame« im Wiener Volkstheater
Von Eileen Heerdegen
BLACK FLAME von Manuela Infante (1).jpg
Auch am Wiener Volkstheater soll man aufhören, wenn es am schönsten ist

Dumpfe Schläge in den Magen. Ohrenbetäubendes Zisch, Wumms, Prrr. Der alte Herr zur Rechten nestelt hilflos am Hörgerät. Kein Entrinnen. Vorhölle oder Fegefeuer? Die katholische Kirche ist sich da nicht ganz einig, wer wohin gehört. Interessant, dass sich just zu jener Stunde (am 31.12.) in Rom einer aufmacht, der wie kein anderer dazu bestimmt ist, hier Gewissheit zu erlangen. Gut, dass wir mit gleich zwei Stellvertretern Gottes auf Erden trotzdem in kein schwarzes Loch fallen, vielleicht gar in eins, aus dem (noch) schwarzes Gold sprudelt.

Es geht um Öl, und die »Black ­Flame« ist ganz und gar kein ewiges Licht. Das Loch auf der Bühne im Wiener Volkstheater ist beinahe leer, da grinst uns nur leuchtendes Magma entgegen, während oben auf einem kalten Gerüst ein senfgelbes Wesen kichert. Eben noch hat es uns mit Mikro und (technisch verfremdetem) Pusten, Atmen und Sonstwas voll auf die Ohren gegeben, jetzt gibt es den selbstgefälligen Sonnyboy. Elon Musk, gewohnt zu tun, was er will und dennoch von vielen als gottgleich verehrt. Wie mag es fürs Sünde-/Reuekonto sein, wenn man aus der Portokasse Millionen Menschen vor dem Hungertod bewahren könnte, sich aber lieber Twitter kauft? Noch ist Elon mopsfidel. An den Bühnenhintergrund projizierte Fragen eines »Mediums« aus dem Off beantwortet er gewohnt launig. »Du bist tot«, provoziert das Medium plötzlich, und hier wird es ernst, selbst für den reichsten Menschen der Welt.

Es sind atmosphärische bis gewaltige Bilder- und Klangwelten, die das Team um die Chilenin Manuela Infante (Text und Regie) und ihren Landsmann Diego Noguera (Musik und Sound) auf der Bühne entstehen lässt. Als einzige Darstellerin verwandelt sich die gebürtige Salzburgerin Anna Rieser von Elon Musk in einen erschöpften Wissenschaftler in einen verstorbenen Formel-1-Fahrer in einen Entschuldigungscoach. Dabei bespielt und beklettert sie das Metallgerüst, während sie mit vielfach verzerrter Stimme spricht und musiziert. Bis zur Erschöpfung – auch des Publikums. Eine grandiose Leistung.

»A Noise Essay« lautet der Untertitel. Noise, oh ja, und auch die Grundidee des Essays, Probleme anzureißen, Fragen aufzuwerfen, wird umgesetzt. Erdöl als Sinnbild kapitalistischer Ausbeutung und Verschwendung, der Tod als einzige Begrenzung der Gier. In diesem Fall ein echter Warenkreislauf, denn auch das Öl ist schließlich in Millionen von Jahren aus Abermillionen toter Lebewesen entstanden.

Infante lässt gute Bilder entstehen, vom verantwortungslosen Spiel des selbsternannten Heilsbringers Musk mit der Welt bis zur absoluten Sinnlosigkeit einer Vernichtung kostbarer Ressourcen, manifestiert im Runden drehenden Bolidenpiloten. Visuell lässt das Metallgerüst (Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch) dem Lichtdesign (Voxi Bärenklau) und der Video Art (Max Hammel) genügend Raum, eindrucksvolle Bilder – von bedrohlich bis poetisch – zu erzeugen. Zusammen mit dem sehr intensiven Klangkonzept erinnert die Inszenierung in ihren besten Momenten an Dantes Reise in der Göttlichen Komödie.

Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Das wäre der Moment gewesen, als die Schauspielerin auf einem sich sehr langsam nach oben bewegenden Gerüstteil gegen den gesamten Text mit Echo und Loops ansprechen musste, der versetzt zu ihrem Aufstieg in einer Abwärtsbewegung auf die gesamte Bühne projiziert wurde – eine magische, verwirrende und bewegende Szene.

Leider findet das Konzept keine Klammer, um die vielen Ideen zum Ganzen zu schließen. Die angerissenen Fragen sind zu diffus, um zu bleiben und zu wirken. Das Abschlusskapitel gerät belanglos bis langweilig. Sehr schade, denn es gab Augenblicke, in denen deutlich wurde, wie aufregend modernes Theater sein kann.

Nächste Aufführungen: 1. und 25.2.

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