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Aus: Ausgabe vom 23.01.2023, Seite 8 / Ausland
Soziale Revolution

»Der kommunale Feminismus kann die Grundlage schaffen«

Venezuela: Gleichstellung der Frauen geht mit Kampf für sozialistische Gesellschaft einher. Ein Gespräch mit Diana Scheifes
Interview: Elias Korte
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Frauen demonstrieren in Caracas (28.9.2022)

Im vergangenen Jahr haben Sie ein Programm für feministische Basisarbeit in Venezuela veröffentlicht. Wie sieht der Ansatz aus, mit dem Sie in Ihrer Kommune tätig sind?

Wir setzen vor allem auf die soziale Organisation der Menschen und haben dafür die sogenannte Blumenroute aufgebaut, die verschiedene feministische Ansätze enthält. Einer zielt auf die sexuelle und reproduktive Gesundheitsfürsorge von Frauen. In diesem Rahmen ist es uns zum Beispiel gelungen, mehr als 150 Verhütungsmittel an junge Frauen zu verteilen. Zurzeit nehmen wir an einem Krankenhausprojekt mit 100 Frauen aus der Gemeinde teil, um Gebärmutterkrebs vorzubeugen. Der zweite Aspekt: Streetworkerinnen und Kulturschaffende legen Wert auf die Förderung der feministischen Ökonomie, ein Schwerpunkt ist die gemeinschaftliche Textilproduktion. Drittens: Rund 30 Genossinnen sind Ansprechpartnerinnen für Frauen, Mädchen und Jugendliche, die sich in einem gewalttätigen Umfeld befinden. Sie hören zu, begleiten und fangen auf. Diese drei Ansätze mögen vielleicht sehr spezifisch erscheinen, aber unsere Überzeugung ist, dass sie einen großen Teil der Frauen der Kommune zusammenbringen.

Zwischen welchen Feminismen würden Sie in Venezuela unterscheiden?

Der kommunale Feminismus setzt auf den Aufbau von sozialistischen Kommunen und auf die Neuverteilung der Reproduktionsarbeit. Dann gibt es einen Feminismus, der auf der finanziellen Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen beruht. Dort stellt sich die Frage der Selbstbestimmung – wie immer, wenn man finanziell abhängig ist. Außerdem würde ich noch von einem institutionellen Feminismus sprechen, der getragen wird von Genossinnen, die aus den staatlichen Institutionen kommen.

Von einer vereinten feministischen Bewegung in Venezuela kann keine Rede sein. Die Mobilisierungen – wie zum 8. März oder zum 25. November (Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen, jW) – sind heute stärker als noch vor Jahren, aber es bleibt sehr viel zu tun. Es gibt eine Vielfalt an Organisationen, aber viele von ihnen haben keine strukturellen Ansätze.

Welche Rolle spielen die Frauen und der Feminismus in Hugo Chavez’ Konzept des kommunalen Staates?

Chávez hat öffentlich anerkannt, dass die Frauen die treibende Kraft und der Schlüssel zu den sozialen Prozessen sind. Feminismus ist für uns der Kampf um Gleichheit und Gleichberechtigung, das Ziel ist der kommunale Staat. Die Kommunen sind eine alternative Organisationsform und die Zelle dieser neuen Gesellschaft. Der Feminismus ist notwendig, weil die herrschende Ordnung nicht nur kapitalistisch, sondern auch patriarchal ist. Frauen sind meist diejenigen, von denen erwartet wird, dass sie immer einspringen und das machen, was sonst keiner tun will.

Inwieweit haben sich die Zugeständnisse der Regierung Maduro an Kirchen auf die Rechte der Frau ausgewirkt, beispielsweise, wenn es um Abtreibung geht?

Abtreibung ist ein sehr heikles Thema in der Bevölkerung. Die meisten Frauen sind dagegen, in weiten Teilen der Gesellschaft spricht man von Mord. Kirchen reproduzieren die traditionelle Ordnung. Es werden starke Vorurteile gegenüber dem Feminismus aufgebaut. Beim Thema Abtreibung wird verschwiegen, dass es eigentlich um den öffentlichen Zugang aller zu sexueller und reproduktiver Gesundheit und Selbstbestimmung geht, die eine andere Gesellschaft erfordert.

Welche Probleme begegnen Ihnen auch mit Blick auf den Machismo?

Es gibt in der eigenen Bewegung immer noch diejenigen, die glauben, dass wir den Kampf spalten. Andere haben bei uns erst ihr politisches Zuhause gefunden. Wir müssen unsere Arbeit der Bewusstseinsbildung weiter vorantreiben, um Vorurteile abzubauen. Der kommunale Feminismus kann die Grundlage schaffen, um die Revolution auf einem kleinen Gebiet zu leben, von dem aus sie ausgeweitet werden kann. Es geht also immer darum, zu zeigen, dass wir nicht hier sind, um zu spalten, sondern um die Würde von uns allen sicherzustellen.

Diana Scheifes ist Psychologin und Sprecherin des Ausschusses für Frauenmanagement und Geschlechtergleichstellung der »Comuna 5 de ­Marzo – Comandante Eterno« in Caracas

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