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Aus: Ausgabe vom 21.01.2023, Seite 12 / Thema
Leben im Kapitalismus

Ungesellige Geselligkeit

Soziale Isolation und Einsamkeit zwischen Schicksal und Politik
Von Hans Otto Rößer
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Wo Vereinzelung im Spätkapitalismus als anthropologische Konstante festgeschrieben wird, empfiehlt die bürgerliche Soziologie »Einsamkeitsfähigkeit«

Zu den kulturellen Merkmalen entwickelter kapitalistischer Gesellschaften gehört seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Aufstieg der Ratgeberliteratur. Wissenschaftlich-technische Fortschritte der Produktionsmethoden, Produktinnovationen und der soziale Wandel erzeugen bis heute Orientierungsbedürfnisse, denen Menschen in diesen Gesellschaften schon lange nicht mehr allein mit lebensgeschichtlichen Erfahrungen beikommen können. Ratgeber für die verschiedenen Bereiche der Daseinsbewältigung nehmen immer mehr Platz in den Regalen der Buchhandlungen ein. Sie bezeugen die Notwendigkeit lebenslangen Lernens im Dschungel der Warenwelt und unter dem Diktat der Selbstoptimierung.

In diesem Segment hat Literatur zur Einsamkeitsbewältigung einen festen Platz. Die Mobilitätsbeschränkungen in den ersten zwei Jahren der Covid-19-Pandemie haben dem Thema Einsamkeit einen zusätzlichen Auftrieb gegeben. Eine Metaanalyse des Joint Research Centre bei der EU-Kommission kommt zu dem Ergebnis, dass sich im ersten Jahr der Pandemie die Zahl erwachsener Europäer, die sich über längere Zeitabschnitte einsam fühlen, von zwölf auf etwa 25 Prozent verdoppelt habe.¹ Für die Jahre 2020 bis 2022 gibt die Deutsche Nationalbibliothek 197 Treffer für das Stichwort »Alleinsein« an, für die drei Jahre davor verzeichnet sie 123 Treffer.

Definitionen

Darunter befinden sich populäre und wissenschaftliche Abhandlungen. Eine neuere Publikation sieht den Beginn der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Einsamkeit in den USA in der Etablierung von »Loneliness studies« Mitte der 1970er Jahre. Die wichtigsten Beiträge zu diesem interdisziplinären Projekt kommen aus Psychologie und Soziologie. Einer aktuellen informativen Darstellung² psychologischer Theoriebildung und psychologischer Interventionsmöglichkeiten kommt das Verdienst zu, für definitorische Klarheit zu sorgen. Dazu gehört zunächst die Unterscheidung von Alleinsein und Einsamkeit, zumal wenn Alleinsein reduziert wird auf Alleinwohnen. Wenn populäre Darstellungen darin bereits einen objektiven Indikator wachsender Vereinsamung in modernen Gesellschaften sehen, ignorieren sie zum Beispiel, dass die skandinavischen Länder seit Jahren unter den ersten zehn Ländern auf der Glücksskala des »World Happiness Reports« rangieren, obwohl dort die Einpersonenhaushalte Spitzenwerte von 40 bis 45 Prozent aller Haushalte belegen. Dieses scheinbare Paradox löst sich deshalb auf, weil diese Alleinwohnenden in einem (noch) relativ starken Sozialstaat und oft in stabilen Bindungen leben. Mehr noch: Alleinlebende werden durch ihre Lebensweise dazu genötigt, Experten in der Bildung und Pflege von Freundesnetzwerken und Unterstützungsstrukturen in ihrer Nachbarschaft zu werden.³

Nichts mit Einsamkeit zu tun hat der temporäre, gleichwohl auch länger andauernde Rückzug in die Klausur des Arbeitszimmers, um intellektuelle bzw. kreative Arbeiten zu verrichten. Stille und Ungestörtheit sind hier Produktionsbedingungen. Bereits Michel de Montaigne hat diesen Tätigkeiten den Nimbus der Einsamkeit abgesprochen: Wer die Ruhe sucht, um für einzelne oder ein Publikum zu schreiben, hat »nur die Beine und Arme aus dem Gedränge des Gesellschaftslebens gezogen«, seine Seele und seine Absicht »bleiben mehr als jemals darinnen verwickelt«.⁴ Das gilt ebenso für die »Lesesucht«, die das bürgerliche Zeitalter mit der Entstehung eines literarischen Marktes und mit der Karriere des Romans entzündet hat, nur dass diese nicht dem bekannten, sondern dem fremden Leben gilt, das sich die Leser an stillen Orten einverleiben, in beliebiger Auswahl und ohne direkten Zugriff der Ordnungsmächte und Autoritäten.

Alleinsein ist in der Regel eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Einsamkeit. Unstrittig kann es Einsamkeit auch in Paarbeziehungen oder in der Menge geben, aber meistens entsteht sie aus dem Alleinsein, wenn dieses ungewollt ist und länger andauert als gewünscht und wenn dem einzelnen durch seine Rückzüge oder seine sozial produzierte Isolation Bindungen und schließlich Bindungsfähigkeit verloren gehen. Anders gesagt: Einsamkeit als negatives Gefühl kann entstehen, wenn Menschen den Umfang ihrer sozialen Beziehungen oder die Qualität dieser Beziehungen als defizitär erfahren, und dies nicht temporär wie zum Beipiel in den Phasen der »Pubertätseinsamkeit«, sondern andauernd und chronisch. Einsamkeit ist keine Krankheit, sondern ein Leiden: eine Weise, den Ausschluss von Nahbeziehungen und von gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen innerlich zu reproduzieren. Sie kann Krankheiten erzeugen und verschlimmern und den Weg vom sozialen zum physischen Tod verkürzen.

Reduktionistische Erklärungen

Krieger und Seewer reden verschiedentlich von »sozialer Isolation« und räumen ein, dass gesellschaftliche »Faktoren« Einsamkeit »mitverursachen« und verstärken können. In solchen Hinweisen könnte man eine zaghafte Annäherung an schon ältere Erkenntnisse der Kritischen Psychologie vermuten. Doch dieser Eindruck täuscht. Während kritische Psychologen und Psychologinnen nicht nur die Isolation als Störung der Aneignung gesellschaftlicher Anforderungsstrukturen, sondern auch die isolierenden Bedingungen in den Blick nehmen, um in der Auseinandersetzung damit eine erhöhte Realitätskontrolle ihrer »Klienten« zu erreichen, klammern die beiden Autoren diese zunächst eingeräumten Bedingungen begründungslos aus ihren Interventionsangeboten aus und konzentrieren sich allein auf »individuelle Ansatzpunkte«. Ergebnis einer derart verengten Intervention ist bestenfalls eine eingeschränkte Handlungsfähigkeit. Die Angebote, die sie in ihren Fallbearbeitungen zusammen mit ihren Klienten »explorieren« wollen, um neue soziale Kontakte aufzubauen, sind nicht nur harmlos-schlicht, sondern erübrigen sich von vornherein, wenn ihre Klienten als Arbeitslose oder Ältere von Armut bedroht sind. Vereinen beizutreten, in Restaurants oder Bars zu gehen, Einladungen auszusprechen oder anzunehmen oder in Onlinekontaktbörsen aktiv zu werden dürfte in nicht wenigen Fällen schon an finanziellen Hürden scheitern. Welchen Nutzen sollen Ermunterungen haben, Freunde und Freundinnen öfter zu besuchen, wenn öffentliche Verkehrsmittel zu teuer sind oder in ländlichen Räumen, wenn überhaupt, nur mit großen Zeitabständen fahren? Wer solche Fragen an den »Rand« drängt, klammert damit gerade die Dimensionen der Vereinsamung aus, die überhaupt einer politischen Bearbeitung zugänglich sind.⁵

Wer nun von den soziologischen Beiträgen zur Einsamkeitsforschung eine Korrektur des mainstreampsychologischen Reduktionismus erwartet, dürfte in den meisten Fällen enttäuscht werden. Sie beziehen sich zum großen Teil auf die hegemoniale Modernisierungstheorie und ihre Varianten. Folgt man den ausführlichen Referaten dieser Varianten bei Denis Newiak und einem seiner Theoriementoren, Andreas Reckwitz, ergibt sich folgendes Bild:⁶ Es hat einmal eine Geschichte gegeben, nämlich die des Übergangs von den vielen lokalen Gemeinschaften der Vormoderne in die Gesellschaft der Moderne. Ihr zugrunde liegt der Prozess einer alle Lebensbereiche erfassenden und beschleunigt durchdringenden Rationalisierung. Max Weber ist für dieses Paradigma der Mann der Stunde, Marx’ Kapitalismusanalyse spielt allenfalls eine untergeordnete Rolle. Mit dem Eintritt in die Moderne gibt es dann nur noch Entwicklung auf ihrer Grundlage: von der klassischen bürgerlichen zur industriellen und organisierten Moderne bis zur Spätmoderne. Von dort aus gibt es keine Wege zurück und keine Wege darüber hinaus. Der Sozialismus gilt lediglich als eine Variante der Moderne und führe zudem wie sein Gegenstück Faschismus in die Sackgasse des totalitären Terrors. In der Spätmoderne kommt die Rationalisierungsdynamik zu sich selbst in einer »Gesellschaft der Singularitäten«. Ihr ständiger Begleiter, den man wie den Schatten nicht loswird, ist die eskalierende Einsamkeit. Nach diesem Szenario soll es analog zu den »Singularitäten« zu einer Pluralisierung der Einsamkeit zu Einsamkeiten kommen, zu einer beschleunigten Erzeugung und einer Intensivierung dieser Einsamkeiten. Ihnen ist genausowenig zu entkommen wie dem zugrunde liegenden Prozess der Rationalisierung. Einsamkeit wird im posthistorischen Raum der Moderne zu einem Existential.

Daher ist der Hohn, mit dem Newiak die hilflosen Rezepte der Ratgeberliteratur (und der Psychologie) überzieht, zynisch fundiert. Seine Kritik mündet nämlich nicht in bessere Vorschläge, sondern Newiak hat allein die Resignation ins angeblich Unvermeidliche im Angebot. Einsamkeit ist mit Nietzsche »zu ertragendes Schicksal«, und wie immer in diesem Herrenmenschenkitsch verknüpft die Phrase pseudoheroische Erhöhung mit realer Unterwerfung. In der prosaischen Sprache von Reckwitz formuliert: In der Kultur der Spätmoderne wird nicht nur die Freisetzung der Individuen zu »Singularitäten« praktisch wahr, die Moderne ist zugleich ein »Enttäuschungsgenerator«, hat aber dummerweise »kaum« kulturelle Ressourcen, also gesellschaftliche Vorrichtungen, zur Enttäuschungsbewältigung. Einsamkeit gehört wie Unglücksfälle, Katastrophen und Tod zu den »Unverfügbarkeiten«, mit denen sich die Individuen abzufinden haben.⁷ Einsamkeitsbewältigung wird verengt zu »Einsamkeitsfähigkeit«. Es bleibt die vergebliche Suche nach der Antwort auf die Frage, wie man lernt, »mit seinem Alleinsein zu leben, ohne dass es weh tut«.⁸

Nicht Schicksal, nicht Existenzial

Die im vorliegenden Artikel vertretene Definition von Einsamkeit impliziert, dass es keine absolute Einsamkeit gibt, die lebbar wäre. Einsamkeit ist kein Existential. Selbst Menschen mit den stärksten Einsamkeitsgefühlen können nicht ohne Kontakt zu Märkten und Institutionen leben, und auch solche relative Abgesondertheit ist in bestimmten Lebensphasen nicht möglich. Säuglinge und Kleinkinder, die nur versorgt werden, aber keine affektive Zuwendung erfahren, überleben, wenn überhaupt, mit schwersten Behinderungen. Alte Menschen mit wachsender körperlicher und geistiger Gebrechlichkeit können ohne Assistenz nicht überleben. Marx hat dieses Individuationsgesetz so formuliert: Menschen können »nur in der Gesellschaft sich vereinzeln. Die Produktion des vereinzelten einzelnen außerhalb der Gesellschaft (…) ist ein ebensolches Unding als Sprachentwicklung ohne zusammen lebende und zusammen sprechende Individuen.«⁹ So hält er den Einbildungen der Robinsonaden mit Bezug auf die seltenen Fälle, dass es einen »Zivilisierten« durch Zufall in die Wildnis verschlagen hat, vor, dass dieser Unglückliche »in sich dynamisch schon die Gesellschaftskräfte besitzt«, deren Anwendung ihm eine Überlebenschance gibt. Zu diesen Gattungskräften gehören nicht nur in Gesellschaft angeeignetes Wissen und Fähigkeiten, sondern auch die Gefühle und das Begehren. Gustave Flaubert hat diesen Sachverhalt in seinem Roman über die »Versuchung des heiligen Antonius«, einem eindrucksvollen Porträt des spätantiken Einsiedlers, erhellt. Der Roman unterscheidet sich radikal von den treuherzigen Legenden vom Rückzug in das Alleinsein, um sich dort ungestört dem einsamkeitsüberwindenden Dauergespräch mit Gott widmen zu können. Neben der Schilderung kärglicher Lebensfristung durch einfaches Handwerk und den Tausch von Körben und Matten gegen das harte Brot vorbeikommender Nomaden zeigt Flaubert vor allem dies: Die Flucht vor den vielfältigen Versuchungen und Übeln, die das menschliche Zusammenleben bereithält, muss misslingen, weil das Begehren mit Wucht zurückkommt in den Erotik und Gewalt, Fressorgien und Pogrom verschmelzenden Phantasien und Träumen, die den Frommen pausenlos quälen und in den Wahnsinn treiben. Die Gesellschaft bleibt aber nicht nur in den Köpfen und Leibern der Eremiten stecken, sondern kommt bisweilen auch auf Beinen und mit Haut und Haaren zurück. Die Einsiedler, die die Geselligkeit abstößt, ziehen andere Menschen an, und aus öden Orten werden Wüstenstädte.¹⁰

Die Vereinzelung in der Gesellschaft erfordert einen bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte und der Arbeitsteilung, den Marx erst in der bürgerlichen Gesellschaft erreicht sieht. Urgeschichtliche Jäger- und Sammlerverbände sind trotz beginnender Individualisierung von Werkzeugen wie Pfeil und Bogen und damit verbundener Arbeitsteilung (als Grundlagen von Individuation) weitgehend auf unmittelbare Kooperation der Gesellschaftsmitglieder in der Existenzsicherung angewiesen. Die Isolation des Individuums von diesem Verband wäre der Weg in den Tod. Die antiken Gesellschaften Griechenlands und Roms kennen zwar den freiwilligen Rückzug aus der Gesellschaft, dazu auch den erzwungenen, die Verbannung ins Exil. In einer Gesellschaft jedoch, in der Menschen selten allein sind, weder beim Essen und Schlafen noch beim Toilettengang in die mehrsitzigen Latrinen, ist der ungesellige Rückzug aus dem Gesellschaftsleben schlichtweg unverständlich und wird entsprechend negativ bewertet. Diese Bewertung wird zum Vorwurf zugespitzt, ein freier Bürger, der sich der geforderten Teilhabe am Leben der Polis entziehe, sei ein schlechter Bürger und Menschenfeind. Er vernachlässige aufgrund fehlender Kontakte seine Körperhy­giene, vor allem aber hemme er selbstschädigend seine geistige Entwicklung, weil in der öffentlichen Kommunikation das entscheidende Medium der Entwicklung und Anwendung intellektueller Fähigkeiten gesehen wird. Ein Mensch, der sich davon absondert, gilt als Sonderling, als ἰδιώτης.¹¹ Die überlieferten Dokumente, die solche Einblicke gewähren, sind allerdings in einem wichtigen Punkt blind. Sie sprechen von Angehörigen der jeweiligen Oberschicht, die, auch nach dem Rückzug vom geselligen Leben, weiterhin von ihrem Vermögen leben können, das meistens auf den Erträgen ihres Landbesitzes oder auf Handelsgewinnen beruht. Noch wichtiger zu erwähnen ist aber, dass sie ihren Rückzug niemals allein antreten, sondern mit einem Gefolge von Sklaven. Diese werden von den Quellentexten als Nichtpersonen behandelt und in den Darstellungen über Alleinsein und Einsamkeit ebenso »vergessen« wie die Nöte der Armen, der verwitweten Frauen, der Kranken und der Invaliden. Daher sind die Männer der Oberschicht, die den Weg in ihre abgelegenen Villen auf dem Land oder in die Unterkünfte im Exil nehmen, zwar von ihresgleichen isoliert, nicht aber von Menschen und Beziehungen zu ihnen überhaupt.

Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts radikalisiert zwar die Kritik an der »müßigen Einsamkeit« der Einsiedler, wertet aber den temporären Rückzug in die Schreib- und Lesestube entschieden auf, da dieser der Beförderung des gesellschaftlichen Fortschritts diene. In den Einsamkeitsklassikern der deutschsprachigen Aufklärungsliteratur, den umfangreichen, oft redundanten Bänden »Ueber die Einsamkeit« ­(1784–1786) des Schweizer Arztes Johann Georg Zimmermann und des Popularphilosophen Christian Garve »Ueber Gesellschaft und Einsamkeit« (1797–1800) geht es dabei nicht nur um eine Rechtfertigung des Bildungsbürgertums, das damals noch das Hauptsegment der Bourgeoisie-im-Werden war, sondern um die Harmonie zwischen freiwilliger temporärer »Einsamkeit« bzw. Alleinsein und Geselligkeit. Deren Balance galt als ein Beispiel der auf Ausgleich bedachten verständigen Mitte des Bürgertums, das die Extreme der Lebensweise des Adels und der Unterklassen entweder integrierte oder ausschloss. Aus anderem Holz ist Kant geschnitzt.¹² Er anthropologisiert die Konkurrenzbestimmtheit bürgerlicher Individualitätsformen zum »Antagonism« der »ungeselligen Geselligkeit der Menschen«. Ihr Hang zur Zwietracht, ihre Ungeselligkeit, die sie in ihrem Egoismus, in »Ehrsucht, Herrschsucht, Habsucht« ausleben, ist neben den »Unvertragsamkeiten« der Natur der entscheidende Antrieb für die fortschreitende Entwicklung menschlicher Gattungskräfte. Die fortschrittsfreundliche Zwietracht muss daher zwar unter Gesetze gestellt werden, um Exzesse wie Warenfälschung oder Ermordung des Konkurrenten zu sanktionieren, aber der Motor des Fortschritts darf dadurch nicht ins Stottern geraten oder abschmieren.

Klassenfragen

Marx sieht bekanntlich den Antagonismus der bürgerlichen Gesellschaft nicht nur in der Konkurrenzbestimmtheit, sondern vor allem zwischen den beiden Hauptklassen. In diesem Antagonismus werden die Individuen der subalternen Klasse nicht nur Objekte der Ausbeutung, sondern sie sind auch klassenbedingten Entwicklungsbehinderungen unterworfen. Hinzu kommt eine weitere geschichtliche Spezifizierung des oben genannten Individuationsgesetzes. Im Unterschied zu verfestigten Stände- oder Kastenordnungen sind die Individuen nur »zufällig« mit ihren Individualitätsformen der Klasse und der Berufe verbunden.¹³ Die Lohnarbeiterexistenz ist dabei vor allem vom Herausfallen aus den Individualitätsformen der Arbeitstätigkeit in die Arbeitslosigkeit bedroht. Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und das Altern bei unzulänglicher Rente, Krankheit und fortschreitender Gebrechlichkeit sind in entwickelten kapitalistischen Gesellschaften die Hauptursache sozialer Isolation und strukturelle Einsamkeitsgeneratoren. Diese Isolation ist einmal Resultat der mit diesen Existenzformen verbundenen Ressourceneinschränkung bis hin zur Verarmung.

In einer Gesellschaft, in der alle Lebensbereiche der Warenwelt einverleibt sind, ist auch die Teilhabe an Freizeitaktivitäten und Kulturangeboten nur bei »barer Zahlung« möglich, ganz zu schweigen von der Besorgung elementarer Güter wie Wohnung, Essen, Kleidung, Bildung, Mobilität und bis zu einem gewissen Grad Gesundheit. Mit dem temporären oder dauerhaften Herausfallen aus der Berufstätigkeit entfällt zum anderen die ständige Notwendigkeit, neuen Anforderungen gewachsen zu sein, Aufgaben und Probleme zu lösen. Solche Lernaktivitäten erfordern auch sogenannte einfache Tätigkeiten, die in der Regel weniger einfach sind, als es sich der fachfremde Alltagsverstand zurechtlegt. Aber auch bei einem hohen Anteil an Routinetätigkeiten bleiben immer die Lernprozesse im Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen, zumal wenn es um Kämpfe für höhere Löhne und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen geht. Selbst in prekären Sektoren kann sich Kooperation zu Kollegialität und Solidarität entwickeln.¹⁴ Mit Blick auf die Arbeitswelt einer Mehrheit der Berufstätigen kann von einer »Gesellschaft der Singularitäten« keine Rede sein. Lucien Sève hat daher in dem Herausfallen aus der Berufstätigkeit im Alter die Gefahr des Stillstands der Persönlichkeitsentwicklung gesehen. Da es nicht darum gehen kann, die Lebensarbeitszeit zu verlängern, sah Sève zunächst den Ausweg aus diesem Stillstand in der Verlegung von Lernaktivitäten in andere Lebensbereiche. Damit hat er sich den Vorwurf eingehandelt, solche Verlegungsoptionen seien zufällig und privatistisch. In der Tat sind Pedelec- oder Wohnmobilfahrten inklusive Routenplanung Formen harmloser (und durchaus kostspieliger) Freizeitbeschäftigung im Alter, setzen aber durchaus, auch im Interesse anderer Verkehrsteilnehmer, ernsthafte Lernprozesse und insoweit echte Persönlichkeitsentwicklung voraus. Das gilt auch für die nicht unmittelbar politisch operativen, selbstzweckbezogenen Interessen an Musik, Sport, Film, Literatur, Hobbys oder exzessiven Baumarktbesuchen. Arbeitslose und Rentner können sonderlich werden.

Statt nun solche Betätigungen mit jakobinischer Strenge abzumeiern, läge die Chance der wünschenswerten Politisierung von Isolationserfahrungen in der Frage danach, wo die Verhältnisse die Isolierten zum Eingreifen in ihre Lebensbedingungen nötigen. Meist handelt es sich dabei nicht um altersspezifische Probleme, sondern um allgemeine, über Generationengrenzen hinausreichende, die aber im Alter eine besondere Schärfe bekommen können: bezahlbares Wohnen, Gesundheitsversorgung, Mobilität, Lebensformen, die diesen Namen verdienen, anstatt im Alter in Verwahranstalten hinzudämmern. In die Kämpfe darum, die damit verbundenen Nöte zu wenden, könnten die isolierten Alten ihre in betrieblichen Interessenkämpfen gewonnenen, noch brachliegenden Erfahrungen und Fähigkeiten einbringen und in solchen Auseinandersetzungen vielleicht auch einsamkeitsvermeidende neue Bekanntschaften und Freundschaften schließen. Diese sind deshalb wichtig, weil allein die »dritte Sache« die einzelnen »kalt«, nämlich vor allem funktional verbindet. Es gibt aber ein Stadium mobilitätseinschränkender Gebrechlichkeit, in dem Appelle an ein »kämpferisches Leben« in heißer Luft verwehen. Gegenüber solchen alt, schwach und krank gewordenen Mitkämpferinnen und Mitkämpfern müsste sich linker Humanismus vor allem in Fürsorglichkeit und Zuwendung beweisen.

Anmerkungen

1 https://joint-research-centre.ec.europa.eu/jrc-news/new-report-loneliness-doubles-europe-during-pandemic-2021-07-26_en

2 Tobias Krieger, Noëmi Seewer: Einsamkeit. Göttingen 2022

3 Vgl. Eric Klinenberg: Going Solo. The Extraordinary Rise and Surprising Appeal of Living Alone. London 2014 (zuerst 2012), S. 57 ff.

4 Michel de Montaigne: Von der Einsamkeit. In ders.: Essais. Sämtliche 107 Essais nach der ersten deutschen Gesamtausgabe von Johann Daniel Tietz. Frankfurt am Main o. J., S. 265

5 Hierzu Jakob Simmank: Einsamkeit. Warum wir aus einem Gefühl keine Krankheit machen sollten. Zürich 2020, insbesondere S. 44 ff. und S. 72 ff.

6 Denis Newiak: Die Einsamkeiten der Moderne. Eine Theorie der Modernisierung als Zeitalter der Vereinsamung. Wiesbaden 2022; Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin 2019 (zuerst 2017)

7 Reckwitz, a. a. O., S. 346 ff.

8 Daniel Schreiber: Allein. Berlin 2021, S. 22

9 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857/58). Frankfurt am Main, o. J., S. 6

10 Gustave Flaubert: Die Versuchung des heiligen Antonius (1874). Göttingen 2020; Rafal Matuszewski: When a Man Is an Island: Introductory Remarks on Being Alone in Antiquity. In: ders. (Hg.): Being Alone in Antiquity. Greco-Roman Ideas and Experiences of Misanthropy, Isolation and Solitude. Berlin/Boston 2022

11 Leonard Burckhardt: »Idiotes«. In: Der Neue Pauly, Berlin/Heidelberg 2006

12 Immanuel Kant: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784). Akademie-Ausgabe VIII. – Garve war kein origineller philosophischer Denker, verdiente aber eine ausführlichere Betrachtung als Protosoziologe und erster deutscher Übersetzer von Adam Smith’ »Reichtum der Nationen«.

13 Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie (1845/46). MEW 3, S. 71 u. ö.

14 Richard Detje, Dieter Sauer: Arbeitssolidarität. Zur Aktualität kollektiver Widerstandserfahrungen. In: Z – Zeitschrift marxistische Erneuerung, Nr.132, Dezember 2022, S. 28 ff.

Hans Otto Rößer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 31. August 2022 zur Documenta fifteen in Kassel.

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