Ernüchternde Zahlen zur Energiewende
Von Bernd Müller
Der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt in der BRD zu langsam voran. Vor allem beim Zubau von Windkraftanlagen bleibt die Bundesregierung hinter ihren Zielen zurück. Das geht aus einer Analyse hervor, die am Mittwoch vom Bundesverband Windenergie (BWE) und dem Fachverband VDMA Power Systems vorgestellt wurde.
Demnach wurden im Jahr 2022 in Deutschland 551 Windenergieanlagen mit einer Leistung von 2.403 Megawatt (MW) an Land errichtet. Da aber auch alte Anlagen abgebaut wurden, lag der sogenannte Nettozubau bei rund 2,1 Gigawatt (GW). Damit blieb der Ausbau der Windenergie in Deutschland deutlich hinter dem der Jahre 2014 bis 2017 zurück.
»Die Zahlen bleiben im fünften Jahr in Folge ernüchternd«, erklärte BWE-Präsident Hermann Albers. Aus seiner Sicht sind sie Ausdruck »politischer Fehlsteuerungen« der vorigen Bundesregierung. Die 2022 zugebauten Anlagen wurden in den drei vorangegangenen Jahren genehmigt.
Um auf einen »verlässlichen Ausbaupfad« zu kommen, müssten mehr Flächen zur Verfügung gestellt, Genehmigungsengpässe überwunden und Transporte erleichtert werden, so die Interessenvertreter der Windenergiebranche.
In diesem Jahr wird das Ausbauziel von 4,5 GW voraussichtlich nicht erreicht. Sollten die geplanten Projekte nicht schneller als bisher umgesetzt werden, rechnen die Verbände mit einem Zubau von 2,7 GW bis 3,2 GW. Wie immer sind den Unternehmen die Zulassungsverfahren zu langsam: Von der Antragstellung bis zur Genehmigung vergingen durchschnittlich 23,5 Monate, kritisierte Albers. Das sei zuviel Zeit. Die Bundesregierung müsse schnellstmöglich das angekündigte Gesetz zur Verfahrensbeschleunigung vorlegen, forderte er und wies auf einen wichtigen Unterschied hin: »Wir brauchen LNG-Geschwindigkeit auch bei der Windenergie.« Der Bau von Terminals für den Import von Flüssigerdgas hat weniger als ein Jahr gedauert.
Der BWE verlangt auch eine starke Antwort der Europäischen Union auf den Inflation Reduction Act (IRA) der USA. Um die europäischen Hersteller von Windenergieanlagen zu unterstützen, seien starke Investitionen in die Nutzung erneuerbarer Energieträger und die dafür notwendige Infrastruktur nötig. Und zwar sofort. Dafür solle sich die Bundesregierung in der EU einsetzen.
Die Energiewende stockt auch an einer anderen Stelle: beim Ausbau des deutschen Stromnetzes. Die Infrastruktur sei nicht für die Anforderungen der Energiewende ausgelegt, teilte der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) am Mittwoch mit. Verbandspräsident Wolfgang Weber betonte, die Netze müssten ausgebaut und stärker digitalisiert werden.
In Zukunft werde der Strombedarf steigen. In immer mehr Lebensbereichen würden die Leute auf elektrische Energie angewiesen sein. Der Verband geht davon aus, dass es bis 2030 rund 15 Millionen Ladepunkte für Elektroautos in Deutschland geben wird. Auch könnten bis dahin knapp sechs Millionen Wärmepumpen zum Heizen von Gebäuden im Einsatz sein. Der Strombedarf würde damit von heute 550 auf rund 700 Terawattstunden steigen. Im Jahr 2045 könnte er bereits bei knapp 1.200 Terawattstunden liegen.
Die Netze müssten ausgebaut werden, nicht nur physisch, sondern es müsse mehr Intelligenz ins System, so der ZVEI. Rund 65 Prozent des Primärenergieverbrauchs könnten eingespart werden, wenn Elektrifizierung und Digitalisierung konsequent vorangetrieben würden.
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