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Aus: Ausgabe vom 19.01.2023, Seite 12 / Thema
Afterliberalismus

Die Einzelne und ihr Eigensinn

Die Chefreporterin »Freiheit« bei der Tageszeitung Welt hat ein ziemlich kindisch geratenes Buch über ihr Lieblingsthema geschrieben
Von Peter Schadt
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Wo der Begriff von Freiheit zur niveauarmen Karikatur gerät, fühlt sich die Freiheitsstatue im Lunapark am wohlsten (Kopie der Statue of Liberty in Las Vegas)

»Manchmal kommt mir in den Sinn,
nach Amerika zu segeln,
nach dem großen Freiheitsstall,
der bewohnt von Gleichheitsflegeln.« Heinrich Heine

Anna Schneider, Chefreporterin »Freiheit« bei der Welt, hat 2022 bei dtv ihr erstes Buch veröffentlicht: »Freiheit beginnt beim Ich«, eine »Liebeserklärung an den Liberalismus«. Auf knappen 100 Seiten wirbt sie mit ihrer Streitschrift für »die liberale Idee, für das selbstbestimmte, freie Individuum«.

Eine Frage der Perspektive

»Freiheit ist Freiheit.« Mit dieser Tautologie beginnt Schneider ihr Buch. Entgegen landläufiger Urteile, dass Tautologien zwar immer richtig, aber nicht sehr gehaltvoll sind, sieht die Autorin es umgekehrt: Eigentlich sei damit alles gesagt: »So einfach ist das!« Entsprechend sei die Tautologie auch nicht notwendig korrekt und inhaltsleer, sondern ihre ganz persönliche Sicht auf die Sache und damit natürlich höchst umstritten: »Ich garantiere, die Widerrede folgt auf dem Fuß«. Die Kritik, die ihr begegne: »Freiheit funktioniere nur im Kollektiv. Nonsensaussagen überall.« Darauf folgt ihre Argumentation: »Und je öfter auch sogenannte Liberale mit dem Satz ›Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt‹ um sich werfen, um so mehr denke ich mir: Die Freiheit des Anderen endet dort, wo die Freiheit des Einzelnen beginnt.«

Einerseits wieder eine Tautologie. Die »beiden Definitionen« sind identisch: »der Einzelne« und »der Andere« sind jeweils Zahladjektive für Individuen. Ihre Stellung im Satz zu tauschen ändert nichts daran, dass freigesetzte Personen mit ihrer Freiheit auf andere Leute treffen, an denen sich ihre Freiheit notwendig relativiert, wenn sich ihre Interessen ausschließen. Entweder für den Einen oder eben den Anderen heißt es dann, dass die Freiheit für den anderen gilt, und nicht für ihn – oder eben vice versa. Andererseits leistet diese Umstellung für Schneider etwas Entscheidendes, egal wie deckungsgleich der Inhalt beider Sätze der Sache nach ist: »Der Unterschied zwischen diesen beiden Definitionen liegt in der Perspektive. Entweder man geht immer und ganz grundsätzlich von der Freiheit des Individuums aus. Oder aber man betrachtet diese individuelle Freiheit als Bedrohung der Freiheit anderer. Ich bevorzuge Ersteres, weil Letzteres viel zu leicht als Freibrief für jede Art der Einschränkung herangezogen werden kann – und oft auch wird«.

Um Schneiders Blick auf die Welt zu verstehen, muss man ernst nehmen, was sie der Umstellung entnimmt: Ihr geht es um das »Ich«, das für sie nicht mit anderen Individuen in Konflikt steht, sondern mit einer amorphen Masse an »Anderen«, die dementsprechend immer »das Kollektiv« genannt wird. Jeder Konflikt zwischen freigesetzten Individuen wird für Schneider so ein Konflikt zwischen einem »Ich« – das ist gut, weil es auf Freiheit besteht – und einem fremden Kollektiv – das ist schlecht, weil es ja im Konflikt mit der Freiheit steht. Zumindest mit der Freiheit, die beim »Ich« beginnt – und damit der einzigen, die Schneider zur Kenntnis nehmen will. Damit werden alle anderen Individuen aus ihrer Perspektive zu Gegnern der Freiheit. Dafür zwei Beispiele.

Die Freiheit und ihre Feinde

Schneider zitiert empört die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Christine Aschenberg-Dugnus. Die hat der einrichtungsbezogenen Impfpflicht zugestimmt – mit der Begründung, dass die »Gesamtfreiheitsbilanz« stimmen würde, da »die Gefährdung der vulnerablen Gruppen endlich in den Griff« zu bekommen sei. Genau hier setzt Schneider mit ihrer Kritik an und bezweifelt, dass es sich um einen Konflikt zwischen Individuen handelt: »Was genau das sein soll, eine ›Gesamtfreiheitsbilanz‹, muss man sich an dieser Stelle fragen. Wägt hier allen Ernstes eine selbst ernannte Verteidigerin liberaler Werte die Freiheit einer Gruppe gegen die andere auf, um Zwangsmaßnahmen zu rechtfertigen? (…) Wie trostlos.«

Das ist Schneiders methodischer Blick auf die Welt, den sie in ihrem Buch am Antirassismus, Corona und Genderstudien exerziert: An jedem Konflikt im großen Freiheitsstall BRD sortiert sie die Lager. Hier diejenigen, denen sie den Status des Individuums zuerkennt (gut), dort jene, die sie als Kollektiv fasst (schlecht).

Dergestalt ließe sich die Sache auch ganz einfach unter umgedrehten Vorzeichen buchstabieren: Die lungenkranke Frau wird vom Kollektiv der gesunden Virusschleudern am Bahnfahren und damit in ihrer Freiheit behindert. Doch für Schneider ist das Ganze schwer konsequent, weil Freiheit eben immer »beim Ich« beginnt, und das ist natürlich ihre Position in der Konkurrenz; entsprechend ist es nichts als »Unfreiheit«, wenn ihre Freiheit für die Freiheit der »Anderen« beschnitten wird. So bietet uns die Autorin wirklich nichts an als ihre »Perspektive« auf die Welt, die nach dem immer selben Muster abläuft.

Überall dort, wo sie auf andere Freiheitsgeier trifft, die auf ihr Interesse bestehen, entdeckt sie nicht die notwendige gegenseitige Beschädigung einer Gesellschaft von Privatpersonen, sondern Unfreiheit. Beispiel zwei: Im Seminar über »Gender Studies« erlebt sie Unerhörtes. Die Person, die die Lehrveranstaltung leitet, sagt: »Ich habe gelernt, den Respekt vor dem Familienrecht zu verlieren«. Warum, erfahren wir leider überhaupt nicht. Bei aller Kritik von Schneider am Staat, der »Räuberbande«, der »Negierung der Freiheit per se«, geht das der gelernten Juristin dann aber doch zu weit: »(…) (Ich) kann den Rechtsstaat und die sich aus ihm ergebenden Folgen durchaus respektieren, ohne sie zu teilen oder gutzuheißen. Das würde ich auch von einer Person erwarten, die an einer staatlichen Universität lehrt – zumindest, was ihre öffentliche Äußerungen diesbezüglich angeht«. Also bitte etwas Respekt vor dem Räuberhauptmann!

Keine Seite später dreht sich das Verhältnis wieder um: Die Person, die das Seminar leitet, besteht nämlich ihrerseits auf der Freiheit, Worte wie »farbig« im Zusammenhang mit Hautfarben nicht hören zu müssen und verbittet sich solche Bezeichnungen in ihrem Seminar. Was hier die Seminarleitung in aller Freiheit als Respekt einfordert, ohne dass die Teilnehmer das »teilen oder gutheißen« müssen, ist wieder nichts als Ausdruck der Unfreiheit: »Ein eigenartiges Verständnis von Diskurs, möchte man meinen. Noch dazu an einer Hochschule, der Heimat freier Gedanken und ihrer ebenso freien Äußerung« – was einmal mehr für das »Ich«, aber gerade nicht für die Seminarleitung gilt, weil diese Person nichts als die Repräsentanz des Kollektivs, also »der Anderen« ist. In diesem Fall: Vertreter der »Gender Studies«. Es dürfte kein Zufall sein, dass ganz diesem Bild entsprechend die Leitung des Seminars weder einen Namen noch ein Geschlecht erhält – amorphe Masse eben, gegen die sich eine Freiheitskämpferin wie Schneider wehrt.

Aus Logik wird ein Werturteil

So löst Schneider zuverlässig jeden Konflikt einer freiheitlichen Gesellschaft und ihrer Konkurrenzgeier in einen zwischen »Freiheit« und »Unfreiheit«. Für eine »Brutalliberale« ist das eine sehr zuverlässige Sortierung der Welt in Gut und Böse. Diese »Unterscheidung« von der Freiheit und ihren notwendigen Konflikten nimmt Schneider schon im Begriff selbst vor, indem sie diesen schön halbiert: »Freiheit ist die Abwesenheit von Zwang durch andere Menschen. Eine so knappe wie richtige Definition: Freiheit ist das Recht, in Ruhe gelassen zu werden. (…) Was wir hier vor uns haben, ist der radikale Kern eines negativen Freiheitsbegriffs. (…) Die Unterscheidung von negativer und positiver Freiheitskonzeption geht auf den Philosophen Isaiah Berlin zurück, der in diesem Zusammenhang zwischen der Freiheit ›von etwas‹ von der Freiheit ›zu etwas‹ unterscheidet. Erstere, also die negative Freiheit, hat den Vorteil, dass sie – wie eben ausgeführt – klar und deutlich ist.«

Die logische Unterscheidung, Freiheit mit ein paar Prädikaten zu betrachten, ist – nur nebenbei – nicht von Berlin, sondern schon ein paar hundert Jahre älter und wurde zuvor schon bei Leibniz, Rousseau, Kant, Schelling und Marx diskutiert. Letzterem ist aufgefallen, dass der moderne Lohnarbeiter doppelt frei ist¹: Einerseits ist er nicht mehr an die Scholle gebunden, wie noch der Leibeigene zuvor, und auf überhaupt nichts mehr verpflichtet als sein Vorankommen in der Konkurrenz. Auf der anderen Seite, das war Marx’ Hinweis auf die ungemütliche positive Seite der Freiheit als Prolet, fehlt es dem an allem, was er zum Leben so braucht: Er hat gar keine Arbeitsmittel und keine Ressourcen. Entsprechend muss er seine Arbeitskraft verkaufen, um einen Lohn zu erhalten. Seine positive Freiheit, soweit auch Marx, ist also wirklich eine ziemlich schäbige Sache, weil sie ihren Inhalt darin hat, unter fremdem Kommando anderer Leute Reichtum zu vermehren.

Die für sich harmlose logische Operation, bei der Freiheit zu unterscheiden – »von was« und »zu was« man frei ist –, bekommt bei Schneider aber – mal wieder – eine ganz neue »Perspektive«: Sie nimmt einmal mehr die beiden notwendig zusammengehörigen Seiten einer Sache und behandelt sie in diesem Fall als Gegensätze. Das ist zwar nun wirklich strunzdumm, auf der anderen Seite aber auch schwer produktiv: Wer würde schon leugnen, dass die Freiheit jene Seite hat, wonach man keinem direkten Zwang unterworfen ist? Mehr will Schneider nicht wissen und mehr weiß sie dann auch nicht von der Freiheit. Jede positive Bestimmung ist das von ihr abgelehnte Andere: »Die positive Freiheitskonzeption hingegen zielt auf die faktischen Möglichkeiten ab, derer es bedarf, um die eigenen Lebensentwürfe auch realisieren zu können. (…) Diese sogenannte positive Freiheit geht von einem anderen Menschenbild aus: Der Einzelne gilt ihr nicht als sein eigener Herr, der nur durch natürliche Grenzen beschränkt wird (niemand kann etwa drei Meter hoch springen), sondern als Teil eines größeren Ganzen. (…) Das macht die positive Freiheitskonzeption zu einem Fass ohne Boden, weil sie im Grunde grenzenlos ausgeweitet werden kann.«

Dies ist auch hier die entscheidende ­Perspektive für alles folgende. In der Negation lässt sich das Gegensatzpaar von Zwang und Freiheit wunderbar festhalten. Schon die von ihr selbst vorgeschlagene Bestimmung von »Freiheit als Selbsteigentum« deute auf den positiven Gehalt der Freiheit: Wer nämlich über sich selbst verfügt, aber über sonst nichts, um seine »faktischen Möglichkeiten« zu realisieren, der hat in diesem Freiheitsstall die ziemlich alternativlose Freiheit, sein Selbsteigentum stundenweise zu verhökern und unter fremdem Kommando fremdes Eigentum zu vergrößern. Er selbst ist in dieser Zeit »weisungsgebunden«, also einem fremden Zweck verpflichtet. Das kann wirklich jeder wissen, der von Freiheit mehr wissen will als Schneider, warum auch ihr zur positiven Freiheit Dinge einfallen wie das etwas formale, aber durchaus richtige Argument, dass »der Einzelne« dann nicht mehr als »sein eigener Herr« gilt, der nämlich »nur durch natürliche Grenzen« und nicht etwa auch durch die Interessen seiner Mitmenschen begrenzt wird. Schneider hält diese – ihre eigenen – Urteile über die positive Freiheit aber gar nicht für eine Seite dieses Verhältnisses, sondern für ein Werturteil. Dass dieser positive Gehalt der Freiheit weniger für eine »Liebeserklärung« taugt ist das eine; wie sie diese entsorgt, das andere: Sie verschweigt diese Seite nicht einfach, sondern nimmt alle positiven, also deskriptiven Bestimmungen der Freiheit einfach als etwas, das einem bestimmten Menschenbild entspränge, und insofern für sie – mit ihrem Begriff der Freiheit – nicht gelte. So kindisch wie ihr Duktus ist ihr ganzer Freiheitsbegriff: Alles, was ihr an der positiven Freiheit dieser Gesellschaft nicht passt, nimmt sie einfach als etwas, das für sie und ihre ­Perspektive nicht gilt.

Zwangloser Zwang

Für die Chefreporterin »Freiheit« gibt es also keine positive Freiheit und damit auch keinen Konflikt zwischen Individuen, sondern nur zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen ihr und den »Gender Studies« oder ihr und den Staatsfans, die andere auf die Maske verpflichten wollen. Entsprechend ist die Freiheit nie die Freiheit des Anderen, die das eigene Interesse niederbügelt, sondern einfach toll: »Freiheit ist fantastisch«.

Alle gegenseitigen Beschädigungen und Gemeinheiten der Gleichheitsflegel im Freiheitsstall sind natürlich auch einer Schneider bekannt und verschwinden nicht einmal durch ihre sehr spezielle »Perspektive« zur Gänze. Und wegen dieser Konflikte, zu denen es notwendig kommen muss, wenn die Bürger ihren Privatmaterialismus in Freiheit betreiben, kennt die Autorin auch einen Adressaten: Den Staat, dessen Maßnahmen für Laien nach einem handfesten Widerspruch zur Freiheit als »Abwesenheit von Zwang« klingen: »Wer durch sein Handeln die Trennlinie zwischen seiner Freiheit und der Freiheit des Anderen überschreitet, hat – in einem Rechtsstaat – mit Konsequenzen zu rechnen.« Schneider weiß also um die Notwendigkeit der Gewalt als Grundlage der Freiheit.

Für sie ist das aber kein Widerspruch: Die Freiheit des Einen wird ja gar nicht gegen die Freiheit des Anderen geschützt; nur in diesem Fall wäre es ein Eingeständnis, dass eine Gesellschaft der Freien und Gleichen gar nicht die Abwesenheit von Zwang bedeutet, sondern sogar eine permanente, monopolisierte Gewalt über sich benötigt. Vielmehr wird die Freiheit geschützt vor dem Kollektiv, also dem »Anderen«.

Notwendiger, aber unnötiger Staat

Zumindest meistens; manchmal vertut sich Schneider in ihrer eigenen Terminologie und schreibt dann doch einen Satz, der zu ihrer eigenen »Perspektive« so recht gar nicht passen will: »Alle Individuen müssen, zur Not eben mit Gewalt, daran gehindert werden, irgend jemand anderem seine Freiheit zu nehmen.« Meistens aber bleibt sie sich treu und schreibt Sätze wie diesen: »Grundrechte zeichnen sich eben genau dadurch aus, dass sie Schranken für Mehrheitsentscheidungen sind.«

So trennt Schneider – meistens! – fein säuberlich die zwei Seiten des Rechts voneinander, das einerseits die Freiheit der Bürger garantiert (gut) und andererseits durch diese Garantie gleichzeitig auch deren Grenzen definiert (schlecht): »Nie und nimmer lässt sich der Staat als Verteidiger der Freiheit rechtfertigen. Allein durch sein Gewaltmonopol verkörpert er viel eher die Negierung der Freiheit per se, weshalb ihm jeder Liberale durchaus – und immer – skeptisch gegenübersteht«. Wenn sie dann zustimmend Ayn Rand zitiert, wonach die einzig legitime Aufgabe einer Regierung darin bestehe, »das Recht auf Leben, auf Freiheit, auf Eigentum und auf das Streben nach Glück« zu beschützen, dann ist der Widerspruch perfekt, der für Schneider natürlich keiner ist: Das Gewaltmonopol ist für Schneider die Negierung der Freiheit und ihr Garant, notwendige Bedingung der Freiheit – die Freiheit der kapitalistischen Gesellschaft kann »so«, also mit einem Gewaltmonopol, »überhaupt erst funktionieren« –, und gleichzeitig ist der Staat ein Räuber, weil er unrechtmäßig seine Bürger beraubt, um dieses Gewaltmonopol auch zu finanzieren. Für Schneider geht das natürlich zusammen: Wenn der Staat sich nur an seine Aufgabe hält, die Freiheit seiner Bürger zu garantierten und sie nicht zu beschneiden, dann ist er ihr auch genehm. Blöd nur, dass es sich bei diesen beiden Aufgaben um ein und dasselbe handelt.

Mit solchen Widersprüchen hält sich aber eine »Libertin« nicht auf. Die findet Freiheit einfach »fantastisch« und meint sich ausgerechnet dort als kritischer Geist gegen den Staat zu beweisen, wo sie das hohe Lied auf die Verkehrsform dieser Gesellschaft singt. So sieht sie sich als Rebellin, indem sie sich zur »Liebe« zum Privatmaterialismus der Leute bekennt, der immerhin in der Nationalhymne mit »Einigkeit und Recht und Freiheit« seinen garantierten Platz hat. Die ganze Libertinage kürzt sich also auf die kindische »Räuberbande« zusammen, auch wenn die Chefreporterin am Ende weiß, dass der Kapitalismus und damit das Privateigentum genau diese Gewalt braucht, um »überhaupt zu funktionieren«. Es passt zu dieser Art Rebellentum, dass Schneider schon angesichts des fehlenden Respekts einer Person an einer Wiener Uni vor einem Gesetz gleich in die affirmativste Haltung gegenüber dem Staat verfällt und sich doch etwas mehr Bekenntnis zu Gewalt und Herrschaft wünscht – in aller Freiheit, selbstverständlich.

Anmerkung

1 Wer es selbst nachlesen will: Karl Marx: Das Kapital, Band I; MEW 23, S. 742

Anna Schneider: Freiheit beginnt beim Ich. Liebeserklärung an den Liberalismus, dtv, München 2022, 112 Seiten, 9,99 Euro

Peter Schadt schrieb an dieser Stelle zuletzt am 21. Oktober 2022 zu einigen Ideologien der Digitalisierung.

Versehentlich wurde an dieser Stelle eine vorläufige Fassung der Kritik an Anna Schneiders Buch »Freiheit beginnt beim Ich« veröffentlicht. Eine überarbeitete Version, deren zentrale Aussagen unverändert sind, findet sich unter: untergrund-blättle.ch/buchrezensionen/sachliteratur/anna-schneider-freiheit-beginnt-beim-ich-7477.html

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Hamburg Altona (19. Januar 2023 um 19:34 Uhr)
    Ich zitiere mal Jean-Jacques Rousseau (Lehrer von Robespierre): »Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.« Das bedeutet, dass es gesellschaftliche Freiheit nicht gibt – in einer kapitalistischen Gesellschaft sowieso nicht. »Freiheit« bewegt sich immer nur in einem vorgegebenen Rahmen von auferlegten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zwängen und Gesetzen – also, keine Freiheit, sondern Bewegungsmöglichkeiten. Annähernde Freiheit gibt es nur im Kommunismus, weil dort die Entfremdung kaum existiert.
    • Leserbrief von Joán Ujházy (20. Januar 2023 um 21:04 Uhr)
      Nur eine Frage: Wie begründen Sie Ihre Behauptung, wonach es im Kommunismus »kaum« Entfremdung gibt? Marx begründet die Existenz der Entfremdung aus der Existenz des Privateigentums an den Produktionsmitteln, an der durch die Bourgeoisie bedingten Eingrenzung der Erkennbarkeit der Welt in ihrer kapitalistischen Welt. Mit der Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln verschwindet die Entfremdung. Nur die Erinnerung an sie bleibt, so Marx’ Intention. Er entwickelte diesen Gedanken aus der Logik des Kapitals heraus, freilich eine Vermutung, dass es so sein könnte, nicht anders sein kann. Um zu meiner Ausgangsfrage zurückzukommen: Wie begründen Sie Ihre Behauptung, wonach es im Kommunismus »kaum« Entfremdung gibt? Nach Marx ist im Kommunismus jegliche Art der Entfremdung obsolet, also aufgehoben im Sinne von beseitigt, nicht mehr existent. Warum also bei Ihnen »kaum«, also doch »etwas« Entfremdung? Wie könnte diese im Kommunismus entstehen; durch was? Privates Eigentum an den Produktionsmitteln gibt es nicht mehr. Also woher käme dieser Rest?
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