3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Freitag, 3. Februar 2023, Nr. 29
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 17.01.2023, Seite 1 / Titel
Ukraine-Krieg

Warschau macht Druck

Premier Morawiecki fordert Berlin zu umfangreichen Waffenlieferungen an Ukraine auf. Widersprüchliches zu Angriff in Dnipro
Von Reinhard Lauterbach
1.JPG
Sollen das Kriegsglück zugunsten Kiews wenden: Panzer vom Typ »Leopard 2« (Orzysz/Polen, 24.5.2022)

Polen hat die Bundesrepublik aufgefordert, auch unmittelbar aus Beständen der Bundeswehr Großgerät wie »Leopard«-Panzer an die Ukraine abzugeben. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki sagte bei einem Empfang zum 50. Parlamentsjubiläum des CDU-Politikers Wolfgang Schäuble in Berlin, Panzer und andere schwere Waffen dürften »nicht in den Depots stehen«. Polen hatte sich selbst bereit erklärt, 14 seiner etwa 250 »Leopard«-Panzer an die Ukraine abzugeben. Eine ähnliche Anzahl seiner »Challenger 2«-Panzer hatte Großbritannien Kiew in Aussicht gestellt, aus Finnland hieß es, man sei zur Lieferung von »Leopard«-Panzern aus eigenen Beständen prinzipiell bereit.

Die Bundeswehr verfügt laut Magazin Der Spiegel über 300 »Leopard«-Panzer, von denen aber nur knapp die Hälfte einsatzbereit sei. Für Freitag hat US-Verteidigungsminister Lloyd Austin zu einem Treffen auf dem US-Stützpunkt Ramstein eingeladen. Es wird erwartet, dass hier weitere Waffenlieferungen an die Ukraine beschlossen werden. US-Generalstabschef Mark Milley, der auch in Ramstein sein wird, wollte am Montag in Grafenwöhr in der Oberpfalz bereits ukrainische Soldaten bei der Kampfausbildung besuchen, wie US-Medien meldeten.

Der »Leopard«-Hersteller Rheinmetall hatte zuvor Hoffnungen auf ein rasches Anlaufen deutscher Panzerlieferungen an die Ukraine gedämpft. Vorstandschef Armin Papperger sagte Bild am Sonntag, selbst wenn in diesen Tagen die politische Entscheidung zugunsten einer Lieferung falle, würde es bis ins kommende Jahr dauern, die Panzer entweder zu produzieren oder gefechtsbereit zu machen. Aus Moskau kam vom Sprecher des russischen Präsidialamtes, Dmitri Peskow, die Ankündigung, alle an die Ukraine gelieferten westlichen Panzer würden »brennen«. Die russische Botschaft in Berlin kritisierte die sich abzeichnenden Lieferungen als konfliktverlängernd.

In der Ukraine stand zu Wochenbeginn der schwere Raketentreffer in einem Wohnblock in der zentralukrainischen Millionenstadt Dnipro im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Bis zum Montag mittag wurden nach Angaben der Stadtverwaltung 40 Bewohner der Anlage tot geborgen, 35 weitere würden noch vermisst. 75 Personen seien verletzt worden.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij sprach von einem »weiteren Beweis für russischen Terror«. Doch eine Ebene darunter gab es widersprüchliche Angaben über Ziel und Hergang der Attacke. Der Bürgermeister von Dnipro, Boris Filatow, sagte dem US-Sender Radio Liberty, womöglich habe die anfliegende Rakete ein nahegelegenes Wärmekraftwerk treffen sollen. Dass sie in dem Wohnblock eingeschlagen sei, habe mit ihrer geringen Zielgenauigkeit zu tun. Selenskijs Berater Olexij Arestowitsch hatte zuvor erklärt, der Einschlag der Rakete in die Wohnanlage sei durch den Abschuss des Flugkörpers durch die ukrainische Luftabwehr verursacht worden. Dafür musste sich Arestowitsch als »Agent Moskaus« und Drastischeres beschimpfen lassen. Im Unterschied zu seinen sonstigen Darstellungen über die Erfolge der ukrainischen Luftabwehr behauptete das Kiewer Militär am Montag, gegen die eingesetzten Marschflugkörper vom Typ »CH-22« gebe es wegen ihrer hohen Geschwindigkeit keine Abwehrmöglichkeit. Die sei erst gegeben, wenn die Ukraine weitere westliche Waffen erhalte. An dieser Stelle widersprechen sich die Kiewer Aussagen: Bei früheren Angriffen mit diesem Raketentyp will die Ukraine 2022 nach eigenen Angaben durchaus Abschusserfolge erzielt haben.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue (17. Januar 2023 um 17:33 Uhr)
    Kriegsberichte sind seit jeher widersprüchlich, verlogen, propagandistisch von allen Seiten. Zehn Grundsätze (Lügen) des Lord Arthur Ponsonby nach dem Ersten Weltkrieg verfasst, die haben bis in unsere Tage beeindruckende Gültigkeit. Wesen, Ziele, Inhalte, Ursachen, Hintergründe und Vorgeschichte dieses – wie aller Kriege – haben wir nicht daran zu ergründen zu suchen, welche Seite, wo und wen getroffen hat, welches Geschrei nach mehr Waffen und Krieg die andere Seite erhebt. Wir sollten uns nicht täuschen lassen und glauben, der SPD-Kanzler Scholz habe eine pazifistische Gesinnung, wenn ihm von allen Seiten militante Zögerlichkeit vorgeworfen wird. Bis zur Stunde und lange davor haben er und seine Partei nie ernsthaft diplomatische Lösungen gesucht, vorgeschlagen oder in Angriff genommen. Es dürfte nicht mehr als Schein sein, dass dieses Deutschland und sein Kanzler auf das Schlachtfeld getragen werden müsse. Das war bei den ersten Weltkriegen sicher anders. Die Interessenlage heute, einer imperialistischen Welt, in der alle gegen Russland, China angetreten sind, mit klaren Vorstellungen des Sieges, der Neuordnung der Welt, das wirft Fragen danach auf, wie die Beute verteilt wird, wer führt, wer dient, wer in wessen Interesse handelt. Unter dem Aspekt kann sicher auch gesehen werden, wie sich Staaten um Russland herum mehr oder weniger als Kriegstreiber lautstark fordernd gebärden.
    Eines ist für uns ganz sicher richtig, wie es Sevim Dagdelen in der Podiumsdiskussion deutlich ausgesprochen hat. Ein Antikriegs- und Friedensbündnis, das den dritten Weltkrieg derzeit noch verhindern könnte, das hat nur eine Chance, mit politisch übergreifenden lauten aktions- und proteststarken Forderung gegen die Sanktionen und für Verhandlungen, Diplomatie mit Russland auf der Basis der Anerkennung der Sicherheitsinteressen beider Seiten.
    Das hätte das Verbindende und alle, die dem nicht zustimmen, die dürfen als jene gesehen werden, die keine Ukraine befreien wollen, die keinen Frieden wollen, die auf Unterwerfung und Sieg über Russland setzen. Über diesen Weg kann zudem sichtbar gemacht werden, wie Russland oder die westliche Welt an Friedenslösung interessiert ist, was beide Seiten unterscheidet.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Günter S. aus 46483 wesel (17. Januar 2023 um 13:34 Uhr)
    »An dieser Stelle widersprechen sich die Kiewer Aussagen«. – Ist doch egal, die Ukraine bleibt der Sonnyboy des westlichen Journalismus! Wie schon seinerzeit Donald Trump sagte: »Ich könnte auf offener Straße einen Menschen erschießen, die Leute würden mich trotzdem wählen!«
  • Leserbrief von Hans Wiepert aus Berlin (17. Januar 2023 um 13:32 Uhr)
    Bislang recht unbeachtet: Polnische Gebietsansprüche, die in Warschauer Zeitungen unverhohlen aufgestellt werden: »Warum Lviv eine polnische Stadt ist« (https://www.ambasadorp.pl/dlaczego-lwow-jest-polskim-miastem/), »Lviv wird nicht zurückgegeben! Eine polnische Stadt auf ukrainischem Gebiet« (https://wyborcza.pl/magazyn/7,124059,23796777,lwow-nie-oddamy-polskie-miasto-na-ukrainskim-terytorium.html). Die letztgenannte Quelle Gazeta Wyborcza gilt als »liberal« und PiS-kritisch.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gottfried W. aus Berlin (17. Januar 2023 um 11:45 Uhr)
    Zur Stunde sieht es wohl so aus, dass eine Abwehrrakete der Ukraine fehl geflogen ist. Anderslautende Berichte z. B. Tagesspiegel sind interessengeleitet.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (17. Januar 2023 um 10:04 Uhr)
    Wie immer: Stare Miasto macht Druck auf Museumsinsel; zwischen Kreml und Fernsehturm noch offene Fragen usw. Danke, Herr Lauterbach, dass Sie dieses Unheil in Dnipro klargestellt haben! Was fehlt? Darstellungen zu den Kriegshandlungen auf den Befehl von Selenskij. Oder gibt es tatsächlich keine, wenn wir nichts davon erfahren? Man muss kein Freund von Kriegen sein, um diesem Kiewer Komiker alles zuzutrauen. (…)

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Neue Soldaten für künftige Kriege vereidigen? Gelöbnis im Bendle...
    12.01.2023

    Auf Kriegskurs

    Immer mehr, immer schwerere Waffen. Die Bundesrepublik ist in der Ukraine de facto Kriegspartei und führt hierzulande soziale Attacken gegen die eigene Bevölkerung
  • Gewollte Eskalation: Auch mit US-Raketenwerfern vom Typ »Himars«...
    12.12.2022

    Feuer frei für Kiew

    NATO-Staaten haben keine Einwände gegen ukrainische Angriffe auf Ziele in Russland. Kiew intensiviert Beschuss ziviler Objekte im Donbass
Startseite Probeabo