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Aus: Ausgabe vom 14.01.2023, Seite 12 / Thema
Geschichte des Sozialismus

Nicht erloschen

Hart erkämpft und unnachgiebig befeindet, zum Vorbild geworden und nicht vergessen. Über die Sowjetunion und deren Leistungen
Von Nikolai Platoschkin
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Entspannte Zeit. Urlaub in der Sowjetunion (an der Schwarzmeerküste in Pizunda, Abchasische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik, Juni 1968)

An heutigen Samstag wird der russische Exdiplomat und aktive Politiker Nikolai Platoschkin auf der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz »Zur sozialen Lage in Russland« sprechen. An dieser Stelle veröffentlichen wir von ihm einen Beitrag zu den Leistungen der Sowjetunion. (jW)

Einhundert Jahre Sowjetunion: Vermissen wir sie? Wir ehemaligen (und künftigen?) Sowjetbürger auf jeden Fall! Das bezeugen auch ganz eindeutig alle Meinungsumfragen: Zwischen 60 und 65 Prozent der heutigen Russen trauern der UdSSR nach.

Unter den besten Errungenschaften der Sowjetunion nennen im Dezember 2022 rund 55 Prozent der Russen die Erfolge im Weltall, danach folgen der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg und die Industrialisierung. Weiter werden als gute Seiten des sowjetischen Lebens soziale Geborgenheit, Völkerfreundschaft, soziale Gerechtigkeit und günstige Lebensmittel genannt.
Und was haben wir jetzt? Eben. Jetzt kennen wir den Unterschied. Keiner konnte es sich in der Sowjetzeit vorstellen, für eine medizinische Behandlung oder die Schulbildung der Kinder etwas bezahlen zu müssen. Wohnungen bekam man in der UdSSR umsonst – in Sibirien oder im Fernen Osten meistens gleich infolge des Universitätsdiploms. 1976 wurden in der Sowjetunion 2,1 Millionen Wohnungen gebaut, das waren 1,8mal so viele wie in Großbritannien, Frankreich und in der BRD zusammengenommen. Die Miete kostete einen durchschnittlichen Sowjetarbeiter etwa ein Prozent des Monatslohns. Kein früherer Sowjetmensch erinnert sich heute daran, was sie oder er für die jeweilige Wohnung gezahlt hat – so unbedeutend war diese Miete gemessen am Einkommen.

In Rente gingen Frauen mit 55, Männer mit 60 Jahren. Bergleute aus dem arktischen Workuta flogen übers Wochenende an die Schwarzmeerküste, um sich in den dortigen Restaurants zu vergnügen. Ihr Lohn erlaubte es ihnen. Ein Geologe erhielt in Jakutien etwa 15.000 Rubel jährlich, ein Kilo Fleisch kostete damals zwei bis drei Rubel.

Lese-, Schach- und Raketenland

Den Mutterschaftsurlaub nennt man auch heute noch im russischen Volk »Dekret-Urlaub«, weil diese Regelung auf ein Dekret von Lenin im Dezember 1917 zurückgeht. So etwas gab es damals weltweit nicht. Seit April 1956 konnte eine sowjetische Frau 56 Tage vor der Geburt und 56 Tage nach der Geburt bezahlten Urlaub nehmen. Später konnte sich eine Frau nach der Geburt ihres Kindes eineinhalb Jahre lang auf Staatskosten erholen. Wobei ihr die Rückkehr an den Arbeitsplatz garantiert war.
Die Sowjetunion war das Land, in dem die meisten Bücher gelesen wurden. 1913 wurden im zaristischen Russland 30.079 Bücher mit einer Gesamtauflage von 99 Millionen Stück herausgegeben. 1976 waren es in der Sowjetunion rund 84.200 Titel mit einer Gesamtauflage von 1,737 Milliarden Exemplaren. Demnach entfielen 1913 auf 100 Zarenuntertanen 62 Bücher, 1976 auf 100 Sowjetbürger 677. 1976 gab es in der UdSSR 350.000 Bibliotheken mit einem Gesamtbestand von 4,2 Milliarden Exemplaren. Also ein Buch für jeden damaligen Erdbewohner.

Schachweltmeisterschaften waren für uns Sowjetbürger meistens uninteressant, weil in dieser klügsten Sportart fast nur die Sowjetbürger siegten. Es waren de facto sowjetische Landesmeisterschaften mit internationaler Beteiligung.

Es wundert auch niemanden, dass der erste Erdsatellit für immer den russischen Namen Sputnik tragen wird. Auch der erste Mensch im All heißt Juri und nicht etwa John.
Im zaristischen Russland waren 72 Prozent der Menschen im Alter von neun bis 49 Jahren Analphabeten. Vier von fünf Kindern hatten keine Möglichkeit zur Schule zu gehen – sie mussten arbeiten. Die Zarenregierung glaubte Anfang des 20. Jahrhunderts, dass man in Russland 180 Jahre brauchen werde, um alle Männer schreiben und lesen zu lehren. Für Frauen wurden sogar 270 Jahre veranschlagt.

Mitte der 1970er Jahre hatten von 1.000 sowjetischen Frauen 781 einen Schul- oder Hochschulabschluss. Die Männer hinkten etwas hinterher, es waren ihrer 779. 1977 unterrichteten an den sowjetischen Schulen 2,7 Millionen Lehrerinnen und Lehrer.
Jetzt haben wir viele soziale Errungenschaften der UdSSR verloren. Vorerst …, hoffen wir.

Die Natur des Menschen

Was aber bedeutete die Sowjetunion für andere Völker der Erde, etwa für Deutsche? Denn viele weisen die Verallgemeinerbarkeit der sowjetischen Erfahrung von sich. Diese Besserwisser vergessen aber die eiserne Tatsache, dass der wissenschaftliche Sozialismus, die kommunistische Weltanschauung gerade aus Deutschland zu uns kamen. Und wir Russen werden den Deutschen immer für »Mohr und General« dankbar sein.

Am Ende seines Lebens begann Marx Russisch zu lernen. Warum? Er war ziemlich fest davon überzeugt, dass der Sozialismus zuerst in Russland verwirklicht würde. Als er das »Kapital« schrieb, war er noch der Auffassung, dass die Pioniernationen beim Aufbau des Sozialismus England oder Deutschland sein würden.

Aber Marx und Engels haben bloß wissenschaftlich das begründet (wenngleich brillant), was jedem anständigen Menschen innewohnt: der ewige Drang nach Gerechtigkeit. Und weil der Mensch ein soziales Wesen ist (so hat es Mutter Natur halt entschieden), drängt er nach sozialer Gerechtigkeit, also nach einer gerechten Gesellschaftsordnung, also nach Sozialismus und Kommunismus. Der Kapitalismus widerspricht direkt der menschlichen Natur. Nicht zufällig nennt man die hochgelobte Marktwirtschaft bisweilen treffender die »Herrschaft des Dschungels«.

Im Sozialismus ist jeder dem anderem ein Bruder (wie übrigens auch im Urchristentum), im Kapitalismus dagegen ist jeder dem anderen ein Gegner im Kampf um Brot und Spiele. Und ob das Gladiatorenkämpfe oder Computerspiele sind, spielt keine Rolle. All diese Spiele dienen nur der Verblödung und Brutalisierung der Gesellschaft.

Die neue Welt

Vor der siegreichen Oktoberrevolution in Russland dachte man, dass es eine gerechte Gesellschaft nur im Himmel gebe. Denn auf der Erde herrschten Elend und Hass, ununterbrochene Kriege, Armut und Unterdrückung. Eine bessere, humane Welt verblieb so für Tausende von Jahren im Reich der Utopie.

Aber plötzlich war sie da! Eine neue Welt! Die Russen führten sie jedem in Blut und Fleisch vor. Diese neue Welt konnte bereist und beschnuppert werden, man konnte ihr auf den Zahn fühlen.
Die Sowjets schafften das größte Übel des Kapitalismus ab: die Arbeitslosigkeit. Es gab in dieser rätselhaften Sowjetunion keine Krisen mehr. Und erwerbslose Arbeiter und Ingenieure der Weimarer Republik (die Arbeitslosigkeit lag 1932 in Deutschland bei rund sechs Millionen Menschen) belagerten die sowjetische Botschaft in Berlin, um Arbeit in Russland zu erhalten.

1913 produzierte man im Zarenreich 1.800 Werkzeugmaschinen, 1976 brachte es die Sowjetunion auf 236.000. 1913 konnte man in Russland gerade 100 Pkw aus ausländischen Ersatzteilen zusammenbasteln, 1976 gingen in der UdSSR 1.280.000 Stück vom Band.

Also war dieses Land allein aufgrund der bloßen Tatsache seiner Existenz ein schwerwiegender Einwand gegen den vermeintlich ewigen Kapitalismus. Denn wie konnte ein deutscher Unternehmer seinem Arbeiter einen bezahlten Urlaub absprechen, wenn die Arbeiter in Russland ein Anrecht darauf hatten? Wie konnte man Geld für den Schulbesuch verlangen, wenn die Russen die Gebühr im Handumdrehen abgeschafft hatten? Also mussten alle Machthaber der kapitalistischen Welt von einem sozialen Staat wenigstens sprechen, aber auch vieles, wenn auch zähneknirschend, für ihre jeweiligen Bevölkerungen tun.

Der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt begründete seinen »New Deal« vor Vertretern des Big Business ganz aufrichtig: Wollen Sie es wie in Russland haben? Wenn nicht, müssen Sie von Ihren Gewinnen etwas den einfachen Leuten abgeben, auch wenn Sie das schmerzt. Demgemäß war die Sowjetunion ein Vorbild für Millionen von Menschen auf allen Kontinenten und eine Lebensgefahr für die oberen Zehntausend.

Sieg über den Faschismus

Es wundert deshalb auch nicht, dass dem Sowjetstaat der Krieg erklärt wurde, ein Kampf um Leben und Tod. Der Kapitalismus griff zu seiner letzten Waffe – dem Faschismus. Und ganz gleich, wie er in den verschiedenen Teilen der Erde auch hieß, der Faschismus war der tierische Antikommunismus in Fleisch und Blut.

Hitler führte bekanntlich einen neuartigen Krieg gegen die Sowjetunion – einen Weltanschauungskrieg. Die UdSSR als Verwirklichung des alten Traums vom gerechten Leben sollte für immer ausgerottet werden. Nur Herren und Sklaven sollte es auf Erden geben. Keine Genossen, keine Brüder.

Interessant aber, dass der Faschismus versuchte, vieles von den Kommunisten zu stehlen, um den Kommunismus zu besiegen. Man sang ähnliche Lieder, bediente sich manchmal der roten Fahnen. Ja, man nannte sich sogar Sozialisten, wenn auch nationale.

In einem Kampf der Titanen siegte nicht nur die UdSSR über Nazideutschland. Nein! Es siegten die Kräfte der Menschlichkeit, des Fortschritts, des Lichts über die Kräfte der Barbarei, des Rückfalls ins Tierdasein, über die Kräfte nicht des »ewigen Reiches«, sondern des ewigen Dark Age.

Wir werden uns immer geneigten Hauptes an jene Deutsche erinnern, die damals auf der richtigen Seite, auf der Seite der Gerechtigkeit kämpften: an Ernst Thälmann und Ilse Stöbe, an Carl von Ossietzky und Erich Honecker, an Harro Schulze-Boysen und Claus von Stauffenberg.
Die Rote Armee kam nicht nach Deutschland, um Rache zu üben, sondern dafür zu sorgen, dass dort nie wieder Bücher verbrannt oder menschliche Schädel mit dem Zirkel gemessen würden.

Die Russen brachten den unter den Nazis verbotenen Heinrich Heine mit und gaben den hungrigen Kindern auf den Straßen Zucker und Kohlsuppe, manchmal auch Bohnenkaffee, wenngleich ihre Liebsten in Russland hungerten. Es war ganz einfach menschlich, ein Stück Brot mit den Hungernden zu teilen, auch wenn deren Sprache so seltsam und fremd klang.
Man führte keinen antideutschen Krieg, sondern befreite Europa von der Barbarei. Auch wenn das heute viele lieber vergessen würden.

Meine Mutter stammt aus einem kleinen Dorf in der Oblast Rjasan und ging 1945 in die erste Klasse. Sie hatte Glück: Ihr Vater, mein Großvater, kehrte aus dem Krieg zurück und nahm sogar an der Siegesparade in Moskau am 24. Juni 1945 teil. Etwa 400 Männern aus diesem Dorf blieb dieses Glück aber versagt – sie waren gefallen. So auch drei meiner Großonkel, die ich niemals kennenlernte.

Die einzige Fremdsprache, die 1945 in der Dorfschule meiner Mutter gelehrt wurde, war Deutsch. Meine Mutter hatte diese Sprache sehr gern und träumte immer davon, dass ich, ihr Sohn, diese Sprache fließend sprechen werde. Was ich tatsächlich versuche. Und zwar gerne.

Vorbild in aller Welt

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die UdSSR zur Weltmacht, wurde eine Supermacht, auf dass es keinen weiteren Weltkrieg mehr gebe. So geschah es auch. Mit jedem Jahr wandten sich dem Sozialismus mehr und mehr Länder zu. Von Kuba bis Vietnam. Und diese Länder konnten sich nur deshalb auf ihrem Weg behaupten, weil die UdSSR sie nicht im Stich ließ.

Die sowjetische Führung empfahl den osteuropäischen Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg, einen anderen Weg zum Sozialismus einzuschlagen als denjenigen der UdSSR. Nach 1917 erschütterte Russland ein bitterer Bürgerkrieg, der viele Tatsachen schuf, die die Bolschewisten nicht geplant hatten. So musste zum Beispiel die Kleinindustrie unfreiwillig verstaatlicht werden, weil die Eigentümer zu den weißen, konterrevolutionären Armeen geflohen waren. Die Einparteienherrschaft wurde errichtet, weil die anderen Parteien im Bürgerkrieg auf der anderen Seite der Front standen.

Nach 1945 waren die sowjetischen Kommunisten der Auffassung, dass es in Ostdeutschland oder in Polen das Privateigentum in kleinen oder mittleren Betrieben durchaus geben könne. Auch andere Parteien sollten neben der kommunistischen Partei bestehen bleiben.
Dass dieses neue sozialistische Modell nach 1948 nicht zur vollen Entfaltung kam, war dem Kalten Krieg geschuldet, den die Amerikaner eröffnet hatten. Den Auftakt dieses neuartigen Krieges bildete die sogenannte Berlin-Blockade, die recht eigentlich gar keine war.

Was war dieser Kalte Krieg? Die Amerikaner verhehlten es nicht: Es war der Versuch, die Sowjetunion mit nichtmilitärischen Mitteln aus der Welt zu schaffen. Dazu schufen die USA 1947 eigens einen sogenannten National Security State – einen komplexen Apparat mit der CIA an der Spitze, um die Sowjetunion zu vernichten.

Man schätzt heute in den USA, dass für die Eliminierung der UdSSR zwischen 1947 und 1990 rund 21 Billionen US-Dollar ausgegeben wurden. Sehr lange war das nicht mehr als zum Fenster hinausgeworfenes Geld.

Die UdSSR entwickelte sich in jener Zeit noch schneller als in den 1930er Jahren, obwohl das Land im Zweiten Weltkrieg ungefähr 45 Prozent des nationalen Reichtums verloren hatte.
1918 unterhielt Sowjetrussland Handelsbeziehungen mit gerade einmal neun Staaten, 1976 waren es 117. Der Außenhandelsumsatz der Sowjetunion belief sich 1950 auf 2,9 Milliarden Rubel, 1976 auf 57 Milliarden.

Die kapitalistischen Staaten mussten nicht nur den sozialistischen Rivalen dulden. Nein, sie waren gleichzeitig erfreut, gute und stabile Geschäfte mit den bösen Kommunisten machen zu können. Denn die sowjetische Wirtschaft durchlebte keine der im Westen üblichen Krisen. Die Russen zahlten pünktlich, westdeutsche Großbanken drängten sich, der UdSSR Kredite zu geben. Aber Geld war für die Sowjetunion nie das Wichtigste.

Die Sowjetunion zwang die Kolonialmächte zur Dekolonisierung, Hunderte Millionen Menschen konnten alsbald ihr Leben selbst bestimmen. Die Sowjetunion hatte keine Kolonien, half aber den neuen Staaten mit Ärzten und Lehrern – und wenn nötig auch mit Waffen. Das sowjetische Sturmgewehr, die AK (Kalaschnikow), schmückt nach wie vor die Staatswappen mehrerer Länder. Denn diese Waffe steht dort für Freiheit und nationale Würde.

Nach UN-Angaben war die Zeit von 1960 bis 1980 (als die sozialistischen Staaten mehr oder weniger die internationale Agenda bestimmten) die einzige Zeit auf unserem Planeten, in der sich der Abstand im Nationaleinkommen zwischen den »reichen« und den »armen« Staaten verringerte.

Russisch-deutsche Freundschaft

Und wer konnte sich in der »freien« Welt 1945 vorstellen, dass Russen und Deutsche wieder gute Freunde werden könnten? Der Sozialismus hat dies vollbracht. Man kann wohl dies und das an der DDR kritisieren, aber sie war der bisher einzige Staat in der deutschen Geschichte, der sich an keiner Aggression gegen andere Staaten beteiligte.

Ich lernte Deutsch in einer Dorfschule, und diese Sprache war eindeutig beliebter als die Alternative Französisch. Wir unterhielten eine Briefpartnerschaft mit einer Schule aus der Umgebung von Dresden, auf russisch und deutsch sangen wir Lieder mit DDR-Studentinnen und -Studenten, die uns häufig besuchten.

Defa-Filme über stolze Indianer (mit Gojko Mitic) waren in der Sowjetunion absolute Straßenfeger. Und die »Abenteuer des Werner Holt« erlebte ich mindestens zehnmal – so oft las ich das Buch von Dieter Noll. In der Schule erhielt ich (kostenlos, versteht sich) wunderbare Schulbücher, produziert von Sachsendruck Plauen. An der Hochschule für Internationale Beziehungen (MGIMO) abonnierte ich (jeder konnte das in der Sowjetunion tun) die Wochenzeitung Horizont. Die war Extraklasse!

Auf den Feldern meiner Sowchose in der Nähe von Moskau half mir eine Maschine aus Magdeburg Mohrrüben zu ernten. Und jedes sowjetisches Mädchen träumte von einer in der DDR gefertigten Puppe.

Eine geistige Heimat

Ist das sowjetische Experiment gescheitert? Denn formal gibt es diesen Staat seit 1991 nicht mehr. Die Antwort lautet dennoch: Nein!

Die größte Errungenschaft der UdSSR in der internationalen Politik – die UNO – existiert noch immer. Wenn auch viele sich nicht mehr daran erinnern, dass die Welt der Sowjetunion aus Dankbarkeit 1945 gleich drei Sitze einräumte.

Das heutige Russland ist übrigens kein Nachfolgestaat der UdSSR, sondern ein »Fortsetzerstaat«. Und zwar ganz offiziell, von der UNO so auch anerkannt. Die Melodie der russischen Staatshymne ist die der sowjetischen, und in jeder russischen Stadt gibt es eine Lenin-Straße. Der Gründer der Sowjetunion, Wladimir Iljitsch Lenin, ruht in allen Ehren auf dem Hauptplatz meines Landes – auf dem Roten Platz. Und jeden Tag wollen viele Menschen aus allen Ecken der Welt ihn sehen. Am 9. Mai hisst man überall in Russland rote Fahnen als Symbol des Sieges.

Und vor allem besteht die Sowjetunion in den Herzen von Hunderten von Millionen Menschen der Erde weiter. Deshalb ist der 100. Jahrestag ihrer Gründung kein russisches Ereignis. Denn die Sowjetunion war, ist und wird die geistige Heimat jedes denkenden Menschen sein. Sie ist keine Vergangenheit, denn der Drang des Menschen nach Gerechtigkeit kann nicht gestoppt werden.

Der Sozialismus ist die Zukunft der Menschheit, weil es keine andere sichere Zukunft für das menschliche Geschlecht geben kann. Entweder der humane, demokratische, neue, solidarische Sozialismus oder der Untergang – wenn auch auf Raten.

Es wird in vielen Sprachen ein Lied der Brüderlichkeit gesungen – die Internationale. »Völker, hört die Signale«, heißt es dort. Einst kamen diese Signale aus der Sowjetunion. Diese Signale sind seit dieser heroischen Zeit nicht verstummt. Und diese Zeit wird wieder kommen. Kann sein, erneut aus Russland.

Nikolai Platoschkin war von 1987 bis 2006 sowjetischer und russischer Diplomat an den Vertretungen in der Bundesrepublik und in den USA. 2019 gründete er die »Bewegung für einen neuen Sozialismus«. Danach arbeitete er als Professor für Geschichte an der Moskauer Geisteswissenschaftlichen Universität. Nach der Ankündigung, bei den Präsidentschaftswahlen 2020 zu kandidieren, wurde er nach einer Hausdurchsuchung unter Hausarrest gestellt und im Mai 2021 zu fünf Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Er ist Mitarbeiter seiner Frau, der Dumaabgeordneten Angelika Glaskowa.

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