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Aus: Ausgabe vom 10.01.2023, Seite 3 / Schwerpunkt
Versteckte Risiken

Die im Dunkeln sieht man nicht

Bankenaufseher warnen vor Schattenbanken. Globaler Derivatehandel in Höhe von 65 Billionen US-Dollar wird zur Blackbox auf den Finanzmärkten
Von Moritz Gruber
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Wie groß die Spekulationsblasen mittlerweile sind, weiß niemand so genau

Langsam geht selbst dem letzten ein Licht auf. Zum Jahreswechsel äußerten die führenden Betreuer des Finanzkapitals ihre Sorge über den ausufernden Schattenbankensektor. Der Präsident der deutschen Bundesanstalt für Finanzaufsicht (Bafin), Mark Branson, verwies im Gespräch mit der FAZ am 14. Dezember auf das außerordentlich große Wachstum der sogenannten Nichtbanken, worunter die von der Bafin betreuten Versicherer, Pensionsfonds und Vermögensverwalter fallen, aber auch die kaum regulierten Hedge- und Private-Equity-Fonds. Branson fürchtet sich vor der Ansteckungsgefahr auf traditionelle Banken, die zu hohen Verlusten führen könne. Dabei verwies er auf die Pleite des US-Hedgefonds Archegos, der im März 2021 der Schweizer Großbank Credit Suisse Verluste in Höhe von fünf Milliarden Franken eingebrockt hatte.

Blinder Fleck

Wie groß die Spekulationsblasen mittlerweile sind, weiß eigentlich niemand so genau. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) wies zwar Anfang Dezember darauf hin, dass Währungsderivate auf den globalen Finanzmärkten mittlerweile in einem Volumen von 65 Billionen US-Dollar gehandelt werden. Doch weil kein Institut die Werte in den Bilanzen festhalte, könne auch niemand sagen, wie groß die Gefahr einer möglichen Finanzkrise sei. Die Ergebnisse, die sich auf Daten aus einer Anfang des Jahres durchgeführten Umfrage auf den globalen Devisenmärkten stützen, bieten einen seltenen Einblick in das Ausmaß der versteckten Verschuldung. In der Analyse mit dem Titel »Huge, missing and growing« (»Riesig, verschwunden und wachsend«) heißt es, dass ein Mangel an Informationen es den politischen Entscheidungsträgern erschwere, auf mögliche Crashs an den Märkten zu reagieren.

Derivate sind im Grunde Absicherungen für den Handel zwischen verschiedenen Währungsräumen. Als Teil der Transaktion wird oft ein Derivat genutzt, um z. B. Euro in US-Dollar zu tauschen und die Händler gegen Währungsverluste abzusichern. Während der Dauer des Geschäfts wird die Zahlungsverpflichtung außerhalb der Bilanz verbucht. Die BIZ bezeichnet diesen Bereich als »blinden Fleck« im Finanzsystem. »Es ist nicht einmal klar, wie viele Analysten sich der Existenz der großen außerbilanziellen Verpflichtungen bewusst sind«, schreiben die Ökonomen des BIZ-Papiers.

Schattenbanken, die deutlich geringerer staatlicher Regulierung und Informationspflichten unterliegen, machen nach Schätzungen der BIZ inzwischen rund 200 Billionen US-Dollar und damit fast die Hälfte aller Geschäfte auf den Finanzmärkten aus. Branson schätzt das Wachstum der Branche in den vergangenen drei Jahren in Europa auf 50 Prozent. Er führt dies auf die verschärfte Renditejagd in Zeiten niedriger Zinsen zurück. Ein weiterer Grund liege auch in der seit der Finanzkrise strengeren Regulierung der Banken, die dazu verleitet habe, riskantere Geschäft in die weniger regulierten Bereiche zu verlagern.

Ausmaß unklar

Für die BIZ-Ökonomen ist es das schiere Ausmaß der Derivate, das beunruhigend ist. Sie schätzen, dass Banken mit Hauptsitz außerhalb der USA 39 Billionen Dollar an diesen Schulden haben – mehr als das Doppelte ihrer bilanziellen Verpflichtungen und das Zehnfache ihres Kapitals. Nach den Rechnungslegungsvorschriften müssen Derivate nur auf Nettobasis verbucht werden, so dass das volle Ausmaß der involvierten Barmittel nicht in der Bilanz ausgewiesen wird. Zudem weist die BIZ auf einen weiteren potentiellen Krisenherd hin. Die Forscher schätzen, dass 2,2 Billionen US-Dollar des täglichen Devisenumsatzes dem sogenannten Erfüllungsrisiko unterliegen, d. h. der Möglichkeit, dass eine der an einem Handel beteiligten Parteien den Vermögenswert nicht liefern kann.

Die BIZ fordert eine strengere Regulierung des Sektors. Es wäre weitaus besser, das Problem an der Wurzel zu packen, anstatt sich auf Ad-hoc-Interventionen der Zentralbank zu verlassen, heißt es in dem Bericht. Denn wenn die Schattenbanker davon ausgehen, dass die Zentralbank bei einem Börsencrash letztlich einspringen wird, gebe es weniger Grund, die Risiken selbst in die Hand zu nehmen. Die Notwendigkeit, die Schattenbanken durch eine lockere Geldpolitik zu stabilisieren, könnte dann mit anderen Zielen, wie der Eindämmung der Inflation, in Konflikt geraten.

Hintergrund: Segen für Spekulanten

In der Krise lassen sich außerordentliche Profite erzielen. Die gut getimte Wette auf die »Zinswende« der Zentralbanken hat einem Hedgefonds dreistellige Renditen beschert. Der in New York ansässige Investor Neal Berger spekulierte mit dem von ihm gegründeten Contrarian Macro Fund im April 2021 erfolgreich darauf, dass die US-Notenbank die expansive Geldpolitik beenden werde. »Der Grund, warum ich den Fonds gegründet habe, war, dass sich die Geldströme der Zentralbanken um 180 Grad drehen würden. Dieser entscheidende Unterschied würde die Preise aller Vermögenswerte in die Höhe treiben«, sagte Berger gegenüber Bloomberg am 5. Januar. »Man musste glauben, dass die Preise, die wir sahen, verrückt waren.«

Die Wette soll dem Fonds 2022 eine Rendite von rund 163 Prozent beschert haben. Berger reiht sich ein in eine Reihe von Hedgefondsmanagern, denen es gelang, mit Wetten auf die Wirtschaft ihr Geld während des vergangenen turbulenten Jahres zu vermehren. Er plant, seine Short-Positionen noch jahrelang zu halten. Der »Schmerz« sei noch nicht vorbei. Es gebe Schwankungen, Erholungen von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, sagte er im Gespräch mit dem US-Wirtschaftsportal. »Aber im großen und ganzen geht alles nach unten. Die Preisentwicklung ist letztlich die Bibel.«

Ein schönes Geschäft hatte auch die mittlerweile vom Hof gejagte britische Premierministerin Elizabeth Truss den Spekulanten beschert. Der von ihr verfolgte harte neoliberale Kurs, der in dem »Minibudget« genannten Plan strikte Haushaltskürzungen vorsah, obwohl das Vereinigte Königreich auf eine heftige Rezession zusteuerte, war eine Einladung für Raubritter. Der Hedgefonds European Inc. – geführt von Crispin Odey, der bereits gutes Geld durch den »Brexit« und beim Untergang von Wirecard verdient hatte – verzeichnete im vergangenen Jahr einen Anstieg von 152 Prozent. Dabei setzte er vor allem mit hochgradig fremdfinanzierten Shortwetten auf langlaufende britische Staatsanleihen.

Truss’ Nachfolger im Amt, Rishi Sunak, kann den Ausverkauf des britischen Pfunds nicht stoppen. Ausländische Investoren verkauften zwischen September und November 2022 britische Staatsanleihen so schnell wie nie zuvor. Die Bank of England berichtete am Donnerstag, dass die »Gilts« genannten Papiere in einem Volumen von insgesamt 38,4 Milliarden Pfund Sterling verkauft wurden. Die Folge dürfte ein Anstieg der Lebenshaltungskosten sein, da ein schwaches Pfund die Kosten für importierte Waren in die Höhe treibt und höhere Renditen für Staatsanleihen die Kreditkosten in der gesamten Wirtschaft verteuert. (mg)

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (10. Januar 2023 um 10:28 Uhr)
    Schattenbanken sind eher Casinos als Banken. Hier wird spekuliert, gewettet und gespielt, darum ist der Name irreführend. Eine »Schattenbank« ist ein Finanzunternehmen, das außerhalb des regulären Bankensystems im Rahmen der Finanzbranche tätig ist. Schattenbanken sind zwar weder illegale Organisationen der Schattenwirtschaft, noch sind sie Banken. Der Begriff umfasst also verschiedene Akteure und Aktivitäten, z. B. Geldmarktfonds, Hedgefonds, Kreditversicherungen oder auch Verbriefungsinstrumente. Der springende Punkt ist: Schattenbanken unterliegen nicht derselben Regulierung wie Banken. Der treffende Begriff wäre: Spielbank, öffentlich zugängliche Einrichtung für Spekulationsspiele.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (10. Januar 2023 um 19:41 Uhr)
      Das Problem ist: Sie zocken mit unserem Geld und riskieren den totalen Niedergang aller ökonomischen und sozialen Beziehungen, auf die wir alle angewiesen sind. Im Falle eines Falles sind nicht sie pleite, sondern wir alle. Das hat nichts mit Schatten und wenig mit Banken zu tun. Das ist nichts weniger als ein großes verbrecherisches Hasardspiel auf Kosten der übergroßen Mehrheit der Erdbevölkerung, also nichts anderes als ein Verbrechen an uns allen.

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