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Aus: Ausgabe vom 05.01.2023, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Szenen einer Freundschaft

Da schneidet sich Brendan Gleeson lieber die Finger ab, als mit Colin Farrell Bier zu trinken: Der Spielfilm »The Banshees of Inisherin«
Von André Weikard
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Unermüdliche Untröstlichkeit: Der Freund bleibt draußen

Verdammt, sieht das alles schön aus. Und wird dann doch so hässlich. Martin McDonaghs Filmdrama »The ­Banshees of Inisherin« spielt auf einer kleinen Insel vor der irischen Westküste. Dort steht das Häuschen vom Colm (Brendan Gleeson) direkt am felsigen Ufer, wo die Gischt im immer gleichen Rhythmus aufschäumt. Zum kleinen Dorfpub sind es nur wenige hundert Schritte, und wenn Colm dort mit seinem Freund Pádraic (Colin Farrell) sein Pint trinkt, hat er das ganze satte Grün Irlands im Rücken.

Kleeblatt und Kuhdung

Aber plötzlich will Colm nicht mehr. Sein Bier, zur verabredeten Zeit gezapft, wird schal. Sein Platz bleibt leer. Colm kündigt Pádraic die Freundschaft. Er wolle Geige spielen, komponieren, erklärt er. Etwas schaffen, das 200 Jahre hält. Das geht dem armen Pádraic nicht in den Kopf. Und weil er so trauert, schlägt erst seine Schwester (Kerry Condon), später der Priester bei Colm auf, um den Mann zur Wiederaufnahme der Freundschaft zu verpflichten. Aber Colm schneidet sich lieber ganz buchstäblich ins eigene Fleisch, als auch nur noch einen weiteren Tag mit seinem Exkumpel zu vertun. Und so schlagen die unermüdlichen Annäherungsversuche des Untröstlichen und die drastische Abwehr Colms schließlich in Selbstzerstörung, Gewalt und Hass um.

Diese Parabel zwischen Kleeblatt und Kuhdung lässt sich mindestens auf zwei Arten deuten. Beide Lesarten sind reizvoll. Einmal überträgt McDonagh Verhaltensweisen einer gescheiterten Liebesbeziehung auf das Aus der Männerfreundschaft. Es gibt Eifersuchtsszenen im Pub, sobald ­Pádraic »seinen« Colm beim Trinken mit anderen beobachtet, Stalkerattacken bis hin zur Sabotage von Beziehungen des anderen. Die andere Lesart ist eine politische. »The Banshees of Inisherin« spielt im Jahr 1923. Während auf dem beschaulichen Eiland ein Mann versucht, sich von einem anderen zu emanzipieren, toben in Irland die Nachwehen des Unabhängigkeitskrieges. Beiläufig reden die Männer im Pub über Hinrichtungen. Während die Protagonisten mit dem Eselskarren zwischen Steinmauern dahinruckeln, detonieren Bomben auf dem Festland. Auch eine blutige Trennung.

Dazu kommen unheilvolle Prophezeiungen einer schwarz gekleideten, alten Frau, die vage an die Hexen aus »Macbeth« erinnert. Ist sie eine Banshee? Eine mythische Todesfee, wie Colm sie in seinen Geigenstücken beschwört? Dieweil stürzt ein junger Mann, erst kürzlich von einer Frau abgewiesen, von den Klippen ins Meer und ertrinkt. War er das Opfer eines Unfalls oder seiner unglücklichen Liebe?

Kalte Brise

Die so ineinander verwobenen Erzählungen und Motive tragen alle zur melancholisch-düsteren Atmosphäre bei. Das macht einen Gutteil der Faszination des Films von McDonagh aus, der 2017 mit »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri« schon ein starkes, schwarzhumoriges Drama abgeliefert hat. Zu einem Oscar-Kandidaten wird »The Banshees of Inisherin« aber wegen seiner herausragenden Darsteller. Man mag von Colin Farrell halten, was man will, aber den treuherzig-anhänglichen Freund mit der irritiert hochgezogenen Augenbraue spielt er wirklich famos. Wer sich über die Weihnachtsfeiertage also mit Wohlfühlkino eingelullt hat, dem weht bei »Banshees of Inisherin« wieder die kalte Brise einer raueren Realität entgegen. Eine Wohltat.

»The Banshees of Inisherin«, Regie: Martin McDonagh, Irland/UK/USA 2022, 114 Min., Kinostart: heute

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