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Aus: Ausgabe vom 31.12.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Deutsche »Wehrwirtschaft«

Von Arnold Schölzel
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Am 24. Dezember zieht FAZ-Wirtschaftsredakteur Archibald Preuschat in der Rubrik »Börsenwoche« eine schöne Bilanz des Jahres 2022: »Es ist Weihnachten, aber die Erde ist weit entfernt von Frieden. Nutznießer sind Investoren in Waffenproduzenten.« Der einzige ausschließlich in Rüstungswerte investierende Aktienfonds »I-Shares US Aerospace & Defense«, habe in diesem Jahr deutlich mehr als acht Prozent Rendite eingefahren. Der werde an deutschen Börsen zwar nicht gehandelt, aber auch hier ging es in der Sparte aufwärts: Wer zu Jahresbeginn, so Preuschat, »eine Aktie des deutschen Rüstungsherstellers Rheinmetall zu 85 Euro erworben hat, konnte in dieser Woche für knapp 190 Euro wieder verkaufen«. Wo so viel Gutes geschieht, blicken Kapitalmarktexperten »vorsichtig optimistisch auf das kommende Jahr«, obwohl die Aktien des Hafermilchherstellers Oatley und des Fleischersatzlieferanten Beyond Meat stark verloren haben – nicht weil so viele Verbraucher zu Kuhmilch und Rindfleisch zurückgekehrt sind: Sie können sich die hohen Preise für Veganes nicht mehr leisten.

Bei solch belebenden Aussichten auf wenigstens einen blühenden Acker zeigt sich Airbus-Rüstungschef Michael Schöllhorn im FAZ-Interview in derselben Ausgabe zuversichtlich. Das deutsch-französisch-spanische Kampfjetsystem FCAS, dessen Entwicklung bis zur Fertigstellung 2040 etwa 100 Milliarden Euro kosten soll, sei »ein riesiger und wichtiger Schritt nach vorne für die europäische Verteidigungslandschaft«. Es handele sich im Vergleich zum US-Jet »F-35«, für den die Bundesregierung gerade zehn Milliarden Euro locker gemacht hat, um ein Flugzeug, »das einen technologischen Schub« bringe. Aber leider: »Zur Umsetzung braucht es Zeit.« Übersetzt: Wir brauchen mehr Geld aus der Staatskasse.

Das ist in der Ära von »Zeitenwende«-»Doppelwumms« kein Problem mehr. Irgendwo müssen deswegen schon die Sektkorken geknallt haben, die FAZ beendet 2022 jedenfalls in Feierlaune. Am Donnerstag titelt der für Rüstung in der Redaktion zuständige Ulrich Friese einen Kommentar mit: »Umbau zur Wehrwirtschaft«. Neues Glück, neuer Name beziehungsweise Rückkehr zu guten alten Namen. Beim Kaiser hieß das noch offenherzig Kriegswirtschaft. Friese beginnt den Text mit den Worten: »Die alte Hackordnung in der globalen Rüstungsindustrie gilt nicht mehr.« Dank Militäretats in dreistelliger Milliardenhöhe hätten US-Hersteller über Jahre den Waffenmarkt beherrscht, aber »der Osten« habe aufgeholt – das böse Russland und die guten Saudi-Arabien und Türkei, das böse China und das gute Südkorea. Die (west)europäische Rüstungsindustrie falle dagegen zurück, ausgenommen die Briten auf Platz sechs von 100, denn – armes Deutschland –: »Die deutschen Branchengrößen Airbus Defence oder Rheinmetall rangieren dagegen unter ›ferner liefen‹.« Das solle sich laut Bundesregierung zwar ändern, den Worten seien aber »wenig Taten« gefolgt. Das muss anders werden. In Frieses Worten: »Trotz dieser Trägheit in der Politik sind die Ausrüster der Bundeswehr gut beraten, sich für den Umbau zur modernen Wehrwirtschaft zu wappnen. Das umfasst den Schwenk auf die Fertigung von Großserien und den Ehrgeiz, die verwirrende Vielfalt an Waffensystemen in Europa aus eigener Kraft abzubauen.« Da habe das zu Ende gehende Jahr Ungeahntes bewirkt: »Der Bestellschub der Bundeswehr und der Zwang zu mehr Waffenlieferungen an die Ukraine forcieren den Wandel der Spezialisten zu Großserienherstellern.«

»Zwang« zur »Großserie« heißt: Alte deutsche Größe ist in Sicht. Da muss einfach ehrenhalber der Name »Wehrwirtschaft« her. Nur die Bundeswehr muss sich noch anstrengen, bevor sie wieder als »Wehrmacht« speziell im Osten auftreten darf.

»Zur Umsetzung braucht es Zeit« heißt übersetzt: Rüstungskonzerne brauchen mehr Geld aus der Staatskasse. Das ist in der Ära von »Zeitenwende«-»Doppelwumms« kein Problem mehr

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