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Aus: Ausgabe vom 17.12.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Im deutschen Quark

Von Arnold Schölzel
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Unter der Überschrift »Wir sind nicht die Moralweltmeister« veröffentlichte die FAZ am Montag ein ganzseitiges Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden des Chemiekonzerns Evonik, Christian Kullmann. Die Meinung des 53jährigen Managers dürfte repräsentativ für seine Branche und einen Teil des deutschen Großkapitals sein. Kullmann war bis September Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Evonik ging 2006 aus der Ruhrkohle AG (RAG) hervor. Größter Aktionär ist die 2007 maßgeblich vom Bund gegründete RAG-Stiftung, mit 21,3 Milliarden Euro Vermögen die größte der Bundesrepublik. Mit 15 Milliarden Euro Umsatz bei Chemikalien und 33.000 Beschäftigten ist Evonik nach der BASF, dem größten Chemiekonzern der Welt, hierzulande das zweitgrößte Unternehmen der Branche, Hauptproduktionsstandort ist Marl.

Kullmann denkt in globalen Maßstäben. Schon 2017 habe Evonik »ein Referat für geostrategische Themen gegründet«, erklärt er, und der Konzern habe schon in den vergangenen Jahren durch Zukäufe in den USA »unseren Fuß­abdruck stark verbessert«. Man baue dort »die modernste Lipidfabrik der Welt«, was für die USA strategisch so wichtig sei, »dass uns 70 Prozent des Investitionsvolumens dort bezahlt werden«. Die Bundesregierung habe nicht gewollt. Als Robert Habeck das Wirtschaftsministerium übernahm, sei dies »das erste Thema« geworden, aber die Entscheidung war gefallen. Evonik werde auch künftig bei Investitionen die Bundesrepublik einbeziehen, etwa demnächst bei einem neuen »Isophoronstrang« (»Ohne Isophoron hängen die Rotoren an einem Windrad herunter wie Bananenschalen«), aber: »Riesiges Wachstum bei Windenergie sehen wir in den USA und in China. Das geringste und zäheste gibt es in Deutschland.« Denn: »Wir kommen einfach nicht aus dem Quark.«

Da nörgeln die FAZ-Befrager Sven Astheimer und Jonas Jansen standortrettungsbemüht: »Sie können uns doch nicht ernsthaft er­zählen, dass Sie in der aktuellen politischen Situation neue Großinvestitionen in China planen. Und in den USA gibt es noch weniger Fachkräfte am Arbeitsmarkt als in Deutschland. Spielen Sie die Situation einfach geschickt aus?« Kullmann erinnert an die Pflicht zum Profit: »Ich werde dafür bezahlt, dieses Unternehmen in eine bessere Zukunft zu führen.« Und: »In Deutschland sind wir mit einer Ritter­rüstung unterwegs und haben Bleischuhe an. Das reicht nicht.« Und was halte er von Annalena Baerbocks China-Strategie? »Der Entwurf der China-Strategie von Frau Baerbock ist von einem Ethnozentrismus geleitet, den ich ablehne. Wir sind nicht die Moralweltmeister.« Kullmann zieht gleich noch die Fußballnationalmannschaft heran – im Mittelfeld spielen, aber alle anderen belehren: »Nun haben Staaten aber keine Freunde, Staaten haben Interessen. Auf diesem Weg können sie Bündnisse eingehen und Partner finden. Ich kann mit einem autokratischen System gute Ge­schäfte machen, dabei können wir unsere Ideale vorleben und versuchen, die anderen zu gewinnen. Das kann ge­lingen oder nicht gelingen. Aber wir sind nicht dazu aufgerufen, die Welt zu belehren, was richtig oder falsch ist.«

Die Deutsche Bahn plane Streckensperrungen, ohne mit einem Kunden wie Evonik zu reden, die Bundesregierung sei »ermattet vom Geldverteilen«. Also ist Kullmann vorläufig für Gas aus der Nordsee, Fracking, Atomenergie und Kohlekraftwerke. Er lobt Habeck (»ein klug philosophierender Minister, dem man beim Denken zuschauen kann«), gegen den »CSU-Chef Markus Söder doch wie der Karusselkönig der Kirmes in Pappenheim« wirke.

Dessen Intimfeind Armin Laschet ist übrigens seit November auf Vorschlag von Habeck Kuratoriumsvorsitzender der RAG-Stiftung. Hinter den Kulissen tut sich was, Ergebnis für Baerbock offen.

»Ich kann mit einem autokratischen System gute Ge­schäfte machen, dabei können wir unsere Ideale vorleben und versuchen, die anderen zu gewinnen. Das kann ge­lingen oder nicht gelingen.«

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