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Aus: Ausgabe vom 17.12.2022, Seite 15 / Geschichte
Antikolonialer Kampf

Gewaltsame Befreiung

Simbabwes Unabhängigkeit war Resultat eines Bürgerkriegs, der vor 50 Jahren begann und den die weiße Minderheitenregierung provoziert hatte
Von Christian Selz
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Gefangener Guerillero der Afrikanischen Nationalen Befreiungsarmee Simbabwes (Lupane, 1977)

Zufällig gewählt war das Ziel nicht. Marc de Borchgrave, Besitzer der Farm Altena bei Centenary im Norden des damaligen Rhodesien, galt unter Einheimischen und schwarzen Farmarbeitern als verhasst. So landete sein Name ganz oben auf der Liste derjenigen, deren Güter die Rebellen der Afrikanischen Nationalen Befreiungsarmee Simbabwes (Zimbabwe African National Liberation Army, ZANLA) für Angriffe ausgewählt hatten. In den frühen Morgenstunden des 21. Dezember 1972 schlug die Gruppe unter Führung des späteren simbabwischen Armeechefs Solomon Mujuru (Kampfname Rex Nhongo) zu. Die Kämpfer durchtrennten die Telefonleitung, plazierten eine Landmine in der Einfahrt und beschossen das Farmhaus. Die Attacke, die sich in der kommenden Woche zum 50. Mal jährt, gilt als Beginn des Bürgerkriegs in Rhodesien.

De Borchgrave überlebte den Angriff, verletzt wurde lediglich seine achtjährige Tochter. Die Familie floh zu Fuß und fand auf einer benachbarten Farm Unterschlupf. Als die Rebellen dies erfuhren, griffen sie zwei Nächte später erneut an. Die Armee griff ein, ein Soldat starb, nachdem ein Militärfahrzeug auf eine Landmine gefahren war. In den folgenden Monaten attackierte die ZANLA weitere Farmen und verübte mit Landminen Anschläge auf Polizei und Militär. Das rassistische Regime von Ian Smith reagierte, indem es zunächst den Urlaub für Militärangehörige strich und Polizeireservisten in Alarmbereitschaft versetzte. Nachdem am 8. Januar 1973 bei einer Landminenexplosion nahe der Stadt Victoria Falls zwei Polizisten getötet und zwei weitere verletzt worden waren, ließ die rhodesische Staatsmacht die Grenze zum benachbarten Sambia schließen, dessen Regierung die Befreiungskämpfer unterstützte. Einzig für Kupferlieferungen aus Sambia wollte Smith die Grenzübergänge noch offenhalten. Das jedoch verhinderte Sambias politische Führung unter Präsident Kenneth Kaunda, die die Grenze ihrerseits komplett abriegeln ließ.

Herrschaft der Siedler

Sambia und das heutige Simbabwe haben eine lange gemeinsame Geschichte. Die Territorien beider Länder fielen im späten 19. Jahrhundert unter die Kontrolle der British South Africa Company. Das Unternehmen des häufig als Entdecker verklärten Kolonialisten Cecil John Rhodes war von der britischen Krone mit einem Freibrief für Handel und Kriegführung ausgestattet worden. Das Rauben, Morden und Erobern fand also unter Privatbedingungen statt, entsprechend bekamen die erst in den 1920er Jahren an den britischen Staat übertragenen Gebiete Nordrhodesien (offiziell ein Protektorat) und Südrhodesien (eine selbstverwaltete Kolonie) den Namen Rhodes’. Nordrhodesien wurde schließlich 1964 als Sambia in die Unabhängigkeit entlassen. In Südrhodesien jedoch, das eine deutlich größere weiße Kolonialbevölkerung hatte, änderte das weiße Minderheitenregime den Landesnamen lediglich in Rhodesien und rief 1965 einseitig die Unabhängigkeit aus.

Der fortgesetzten Herrschaft der Siedler war die Befreiungsbewegung schon ab 1964 mit ersten bewaffneten Angriffen begegnet. Auf die Tötung eines weißen Vorarbeiters eines Forstbetriebs reagierte das Smith-Regime im August 1964 jedoch sofort mit der Verhaftung wesentlicher Teile der Führungsebene der beiden wichtigsten Befreiungsorganisationen Zimbabwe African National Union (ZANU) und Zimbabwe African People’s Union (ZAPU). Die verbliebenen Kräfte der Befreiungsarmeen ZANLA (bewaffneter Arm der ZANU) und Zimbabwe People’s Revolutionary Army (Zipra, Befreiungsarmee der ZAPU) zogen sich auf Stützpunkte in Mosambik und Sambia zurück. Zwar gab es auch in den 1960er Jahren bereits einige Versuche, in Rhodesien eine Guerilla zu bilden, meist wurden diese jedoch von den Truppen des Regimes abgewehrt. Spezialkräfte der rhodesischen Armee griffen zudem bereits Lager der Befreiungsbewegung im Exil an.

Intensiviert wurde der Konflikt erst nach dem Angriff auf die Farm Altena im Dezember 1972. Auf Attacken der Befreiungskräfte reagierte das Regime meist mit Repressalien, die vor allem die Zivilbevölkerung trafen. Schwarze Simbabwer wurden immer häufiger an Straßensperren kontrolliert. Wer beschuldigt wurde, Guerillaaktivitäten nicht gemeldet zu haben, musste mit langen Haftstrafen rechnen. Selbst Schulen der schwarzen Mehrheitsbevölkerung wurden als Sicherheitsrisiko ausgewiesen und geschlossen. Stoppen ließ sich der Befreiungskampf so nicht. »Die Gewalt im nordöstlichen Distrikt hielt an«, konstatierte das South African Institute of Race Relations bereits 1973 im Bericht »A Survey of Race Relations«, in dem es den Verlauf des ersten Kriegsjahres detailreich wiedergab.

Zwar attackierte das rhodesische Militär die Befreiungsarmeen bald immer häufiger auch in Sambia und Mosambik (bis zur Unabhängigkeit 1975 meist mit Genehmigung der portugiesischen Kolonialverwaltung), doch die Guerilla gewann trotzdem an Stärke. Obwohl der Westen das Smith-Regime verdeckt unterstützte und die rhodesische Armee zahlreiche Söldner – vor allem ehemalige US-Soldaten – anwarb, war die Befreiung des Landes auf lange Sicht unabwendbar. Nicht zuletzt durch die militärische Unterstützung seitens der Sowjetunion, Chinas und Nordkoreas waren die Befreiungskräfte – ab 1976 zusammengeschlossen in der Patriotic Front – zudem bald auch in der Lage, Ziele in rhodesischen Städten anzugreifen. Spätestens als eine ZANLA-Einheit im Dezember 1978 ein zentrales Treibstofflager in der Hauptstadt Salisbury, dem heutigen Harare, attackierte und ein Viertel der rhodesischen Vorräte vernichtete, zeigte die gigantische Rauchsäule des fünf Tage lang brennenden Feuers bis weit ins Land hinein an, dass die Befreiung nicht mehr aufzuhalten war.

Sieg Mugabes

Ein Jahr später, am 21. Dezember 1979 und damit auf den Tag genau sieben Jahre nach dem Angriff auf die Farm Altena, endete der Bürgerkrieg mit der Unterzeichnung des Lancaster-House-Abkommens in London. Großbritannien, das das Smith-Regime offiziell nie anerkannt hatte, übernahm dabei kurzzeitig formal die Herrschaft, um die ersten freien Wahlen einzuleiten, die die ZANU unter Führung von Robert Mugabe im Februar 1980 gewann. Am 18. April 1980 wurde Simbabwe schließlich offiziell unabhängig. Die britische Regierung verpflichtete sich, Finanzmittel für eine Landreform bereitzustellen, bei der Simbabwes Regierung Farmen der weißen Siedler zur Umverteilung an schwarze Bauern zurückkaufen sollte. Unter Anthony Blair kündigte London das Programm jedoch 1997 einseitig auf, was schließlich zu neuerlichen Attacken auf Farmen führte. Der Kreislauf der Gewalt war wieder in Gang gesetzt. Der Westen reagierte mit Sanktionen gegen Simbabwe.

Unwiderruflich und unumkehrbar

Es ist unsere unwiderrufliche Position, dass das simbabwische Volk, mit dessen Blut und Opfern der Kolonialismus aus dem Land exorziert wurde, selbst der ewige Hüter der Souveränität sein muss, im Angesicht aller internen und externen Herausforderungen. Die Befreiung und der Prozess, der dahin führt, müssen, so sie vereinbart worden sind, unwiderruflich und unumkehrbar sein. Für uns gibt es keinen anderen Weg, dies sicherzustellen, als die strikte Einhaltung des Prinzips, dass das Volk und die Kräfte, die die Minderheitenherrschaft gestürzt haben, mit der Aufgabe betraut werden, dafür zu sorgen, dass der Kolonialismus, egal, unter welchem Mantel, nicht zurückkehrt, um die Nation ein weiteres Mal heimzusuchen. Gerechtigkeit wird in Simbabwe weder zufällig einkehren, noch wird ihre Schaffung und Durchsetzung in den Händen einer privilegierten Minderheit verbleiben. Sie muss sich an die sozialen und kulturellen Werte des simbabwischen Volkes anpassen. Das sozioökonomische System muss sich nach dem Verständnis der Menschen von Gerechtigkeit, Demokratie und Fairness richten. Diese und ähnliche Ziele, die unser Volk mit Entschlossenheit verfolgt und für die Tausende jetzt überall in Simbabwe, Sambia, Mosambik, Botswana und Angola in Massengräbern liegen, dürfen nicht verraten oder gefährdet werden.

Auszug aus der Rede, die Joshua Nkomo im Namen der Patriotic Front zur Eröffnung der Friedenskonferenz am 10. September 1979 im Lancaster House in London hielt

Übersetzung: Christian Selz

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