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Aus: Ausgabe vom 10.12.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Trübung des kritischen Bewusstseins

Was macht den »Westen« aus? Expansionismus und genozidale Bekämpfung aller, die als fremd oder feindlich erscheinen. Eine Analyse von Domenico Losurdo
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Plakat mit der Aufschrift »Wir haben Völkermord« in Guatemala-Stadt: Ein guatemaltekisches Gericht forderte die Regierung 2013 auf, sich für die Greueltaten von 1982/83 zu entschuldigen, die an der indigenen Bevölkerung begangen wurden, nachdem der damalige Diktator Efraín Rios Montt verurteilt worden war

Was bezeichnet also den Westen? Die geographische Lage ist es nicht: Je nachdem werden wichtige Länder eingeschlossen oder ausgeschlossen oder drohen sich gegenseitig mit Ausschluss. Nicht einmal der freie Markt und die Demokratie bestimmen dieses Gebiet, das sich als exklusiver und privilegierter Ort der Zivilisation präsentiert. (…) Selbst wenn man über den problematischen Charakter der »jüdisch-christlichen« Tradition hinweggehen will, steht zweierlei fest: Das christlich-orthodoxe Russland wird gewöhnlich aus dem Westen ausgeschlossen; außerdem ist das Christentum Europas, dem es gelungen ist, sich der Herausforderung der Säkularisierung zu stellen, etwas ganz anderes als das Christentum, das in den Vereinigten Staaten weiterhin das von Gott »auserwählte« Volk preist. Mehr denn je sind die Grenzen des Westens vage: Klar und unveränderlich bleibt nur die Funktion der ideologischen Exkommunikation einer Kategorie, die diejenigen verurteilen und aus der Zivilisationsgemeinschaft ausschließen soll, die jeweils als dem Westen fremd oder feindlich betrachtet werden. Dieses Schicksal hat vor allem die Kolonialvölker getroffen: Ihre Unterwerfung oder zumindest ihre Ausgrenzung in eine subalterne Rolle ist Bestandteil der westlichen Identität.

Wir haben es also mit einer Identität zu tun, die sich vor allem in den Jahrhunderten gefestigt hat, die den militärischen und politischen Erfolg Europas und des Westens erlebt haben. Ein langanhaltender Triumph kann zur Trübung des kritischen Bewusstseins der Sieger führen. (…) Genau das ist in der Geschichte des Westens geschehen. Die würdigsten Stimmen seiner Kultur waren imstande, auf die Ungerechtigkeiten und Verbrechen aufmerksam zu machen, die gegen die Kolonialvölker begangen wurden. Aber der Expansionismus und der Schwindel des Erfolgs haben ganz entgegengesetzte Tendenzen gefördert. (…)

Im Frankreich der Mitte des 19. Jahrhunderts, das dabei ist, wieder eine große Kolonialmacht zu werden (…), schreibt (Alexis de) Tocqueville (1805–1859, Publizist und Politiker, jW) einem Plan der »Vorsehung« die Unterwerfung der Erde durch die »europäische Rasse« zu. (…) In dieser Perspektive fordert der liberale Autor das französische Heer in Algerien ohne Zögern auf, auch Frauen und Kinder zu entführen, die Ernte und die Mittel zum Lebensunterhalt abzubrennen, genozidale Praktiken anzuwenden. Und doch scheint sein klarer Verstand nicht getrübt zu sein, zumindest nach dem Zugeständnis zu schließen, zu dem sich Tocqueville einen Augenblick hat hinreißen lassen: »Zur Zeit ist unsere Kriegführung viel barbarischer als die der Araber. Gegenwärtig trifft man die Zivilisation auf ihrer Seite.«

Heute wäre es schwierig, ein ähnliches Zugeständnis in der herrschenden Ideologie, vor allem in den Vereinigten Staaten, zu finden, dem Land, wo sich, dank des triumphalen politisch-militärischen Aufstiegs, die Trübung des kritischen Bewusstseins des Westens in ihrer vollendetsten Form zeigt. Man denke an Leo Strauss (1899–1973, einflussreicher deutsch-US-amerikanischer Philosoph, jW). Er rühmt die »amerikanische Erfahrung« und hebt dabei »den Unterschied zwischen einer in der Freiheit konzipierten und dem Prinzip treuen Nation, wonach die Menschen gleich erschaffen worden sind, und den Nationen des alten Kontinents« hervor, »die gewiss nicht in der Freiheit konzipiert wurden«. In dieser Bilanz fehlt jede Spur von der Ausrottung der Indianer, von der Sklaverei der Afroamerikaner, vom Regime der terroristischen »White Supremacy – Weißen Überlegenheit«, das an die Stelle der Sklaverei im eigentlichen Sinn trat und das noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wütete. Noch weniger Sinn hat es, bei Strauss eine kritische und selbstkritische Reflexion über die ständigen Interventionen der Vereinigten Staaten auf dem amerikanischen Kontinent (und in anderen Teilen der Welt) zu suchen, um Militärdiktaturen zu errichten oder am Leben zu erhalten, die im Inneren fürchterlich sind, auf internationaler Ebene aber dem Großen Bruder Gehorsam leisten. Und diese Interventionen laufen nicht nur auf die Errichtung schrecklicher Diktaturen, sondern auch auf die Hilfe hinaus, die zur Durchführung von »genozidalen Aktionen« geleistet wird: Das hebt in Guatemala die »Kommission für die Wahrheit« hervor. Sie bezieht sich auf das Schicksal der Maya-Indianer, die beschuldigt wurden, mit den Gegnern des washingtonfreundlichen Regimes sympathisiert zu haben. Es ist gut verständlich, dass Leo Strauss zum philosophischen Bezugspunkt der heutigen Neokonservativen geworden ist, die sich dafür einsetzen, mit Waffengewalt die weltweite Mission der von Gott »auserwählten Nation« durchzusetzen.

Domenico Losurdo: Die Sprache des Imperiums. Ein historisch-philosophischer Leitfaden. Papyrossa-Verlag, Köln 2011, Seiten 300–304

Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck

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