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Aus: Ausgabe vom 10.12.2022, Seite 15 / Geschichte
Porajmos

Zur Vernichtung freigegeben

Vor 80 Jahren begann mit dem »Auschwitz-Erlass« die Deportation der Sinti und Roma durch die Nazis
Von Janka Kluge
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Gedenkveranstaltung für die von den Nazis verfolgten und getöteten Sinti und Roma, im Vordergrund Romani Rose vom Zentralrat deutscher Sinti und Roma (Bergen-Belsen, 27.10.1979)

Am 16. Dezember 1942 befahl Heinrich Himmler, Reichsführer der SS und der Polizei, dass alle »Zigeuner« in ein Konzentrationslager eingeliefert werden sollen. Der Erlass selbst ist bis heute nicht gefunden worden. Lediglich eine Ausführungsbestimmung des Reichskriminalpolizeiamts vom 29. Januar 1943 ist überliefert (siehe Quelle). Es war der Auftakt zur Deportation von ungefähr 23.000 Menschen nach Auschwitz. Die Anordnung zur Deportation der Sinti und Roma der »Donau- und Alpenreichsgaue« erfolgte Ende Januar 1943, für Elsass, Lothringen, Belgien, Luxemburg und die Niederlande Ende März 1943.

Die meisten der Sinti und Roma wurden in das »Zigeunerlager« nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Das Lager befand sich am Rand von Birkenau ganz in der Nähe der Krematorien. Es war 600 Meter lang und 120 Meter breit. Auf diesen wenigen Metern mussten sich mehr als zehntausend Menschen zusammendrängen. Die Familien konnten zusammenbleiben und wurden nicht, wie sonst üblich, nach Geschlechtern getrennt. Dadurch waren auch Tausende Kinder in dem Lager.

Hohe Todesrate

Die hygienischen Zustände waren noch schlimmer und entwürdigender als in anderen Bereichen von Auschwitz-Birkenau. In den ersten Monaten gab es weder Wasser noch Latrinen für die Notdurft. Der aus Deutschland deportiere Sinto Walter Winter schreibt in seinen Erinnerungen »Winterzeit«: »Wir haben uns gewaschen, wenn es geregnet hatte.« Das Regenwasser in den Pfützen war für Monate das einzige Wasser in dem Lager. Unter diesen Bedingungen war die Todesrate besonders hoch, Seuchen konnten sich ausbreiten. Die kranken Menschen wurden von der SS in die nahegelegenen Krematorien getrieben. Der Historiker Nikolaus Wachsmann schreibt in seinem Buch »KL« (für Konzentrationslager), dass es verzweifelte Versuche gab, die anderen zu warnen. »Einige Überlebende versuchten die Außenwelt auf ihr Elend aufmerksam zu machen; in einer verschlüsselten Botschaft schrieb einer von ihnen: ›Extra Gruß von Baro Naßlepin, Elenta und Marepin‹ – die Romanes-Wörter für ›große Krankheit‹, ›Elend‹ und ›Mord‹.«

Am 6. August 1944 begann die Liquidierung des »Zigeunerlagers« in Auschwitz-Birkenau. Die beiden tschechischen Auschwitz-Überlebenden Ota Kraus und Erich Kulka schrieben in ihrem 1946 erschienen Bericht »Die Todesfabrik – Auschwitz«: »Unsere Werkstatt grenzte direkt an das Zigeunerlager, so dass wir die nie aus dem Gedächtnis zu löschenden Schreie der Menschen, die da in den Tod geschleift wurden, deutlich hören konnten.« In ihrem Bericht hielten sie auch fest, dass sie Widerstand beobachtet hätten, als die Menschen in die Gaskammern getrieben wurden. Sie gehen darauf aber leider nicht näher ein.

Neben Auschwitz-Birkenau gab es auch im Ghetto von Lodz, von den Nazis Litzmannstadt genannt, ein eigenes »Zigeunerlager«. Die Sinti und Roma aus dem Burgenland wurden bereits im November 1941 dorthin deportiert. Mehr als 5.000 Menschen wurden zwischen dem 5. und 9. November in das provisorisch eingerichtete Lager am Rande des Ghettos gebracht. Auf Anweisung des Judenältesten des Ghettos, Chaim Rumkowski, wurde eine Chronik verfasst, die gerettet werden konnte. Dieses einmalige Dokument hält die Situation im Ghetto aus der Sicht der dort eingesperrten Menschen fest. Bereits Ende Oktober 1941 wurde der Bereich für das »Zigeunerlager« vom übrigen Ghetto abgetrennt. In der Chronik ist dazu vermerkt: »Ende Oktober zog die Bauabteilung tags und nachts einen Zaun um die Wohnblöcke, die als Unterkunft für die Zigeuner bestimmt sind. Außer einer doppelten Stacheldrahtreihe wurden Gräben ausgehoben, die mit Wasser gefüllt werden sollten, man wollte sogar Hochspannungsstrom durch die Drähte leiten.« Die Häuser waren komplett ausgeräumt worden, so dass es bei der Ankunft der Sinti und Roma weder Betten noch Tische oder andere Möbel gab. Am 12. November bekam die Ghettoverwaltung den »Befehl der deutschen Kriminalpolizei, die Bestattung der auf dem Zigeunerlager verstorbenen Personen zu besorgen«. In der Chronik wird des weiteren festgehalten, dass am Anfang hauptsächlich Kinder verstorben seien. Bereits Anfang 1942 wurden die Sinti und Roma in den nahe bei Lodz liegenden Vernichtungsort Chełmno (Kulmhof) gebracht und sofort ermordet. In der Chronik heißt es dazu: »In den letzten zehn Tagen sind die ›Zigeuner‹, wie Leute aus der unmittelbaren Umgebung des Lagers berichten, mit Lastwagen fortgebracht worden. Das Lager, das praktisch menschenleer ist, wird ohne Zweifel bis zum Ende der Woche gänzlich aufgelöst.«

Rechtliche Diskriminierung

Für die Nazis gab es keine Zweifel an der angeblichen »Minderwertigkeit« der Sinti und Roma. Infolge des »Gesetzes zum Schutz der Volksgesundheit« wurden ab 1933 viele Sinti und Roma zwangssterilisiert. 1935 wurden das »Blutschutzgesetz« und das »Ehegesundheitsgesetz« auf die in Deutschland lebenden Sinti und Roma angewandt. Das Gesetz verbot zunächst die Eheschließung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Paaren und den außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen ihnen.

1938 wurden zahlreiche Sinti und Roma bei der »Aktion Arbeitsscheu« als sogenannte Asoziale in die Konzentrationslager gebracht. Am 8. Dezember 1938 gab Heinrich Himmler den »Runderlass zur Bekämpfung der Zigeunerplage« heraus. Nach dem Erlass sollten von den einzelnen Polizeistellen alle Menschen, die als sogenannte Zigeuner galten, systematisch erfasst werden. Ähnlich wie bei den jüdischen Menschen wurden auch »Mischlings«-Kategorien eingeführt. »Mischlinge« sollten genauso erfasst werden wie Menschen, die nach »Zigeunerart« durch Deutschland zogen. Ab 1939 durften sie ihren Wohnort nicht mehr verlassen. Bei den Massakern der Einsatzgruppen gehörten die Sinti und Roma neben der jüdischen Bevölkerung zu denen, die sofort ermordet wurden. Insgesamt, schätzt der Zentralverband der Sinti und Roma, sind durch die Faschisten fast 500.000 Sinti und Roma direkt oder indirekt getötet worden. Nur zwischen 4.000 und 5.000 von ihnen überlebten den Faschismus.

Den wenigen überlebenden Sinti und Roma wurden noch über Jahrzehnte die Anerkennung als Opfer des Faschismus versagt. Erst in den 1980er Jahren fand ein Umdenken in der Politik statt.

Der heutige 85jährige Zoni Weisz sagte bei der Einweihung des Denkmals zur Erinnerung an die ermordeten Sinti und Roma in Berlin am 2. November 2012: »Wir hoffen, dass Faschismus, Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus nicht die Form annehmen, die sie in den 1930 Jahren hatten.« Vor wenigen Tagen sprach er wieder bei der Gedenkveranstaltung am Mahnmal, seine Hoffnung hat er nicht aufgegeben.

Verwaltungssprache des Völkermords

»Die Familien sind möglichst geschlossen, einschließlich aller wirtschaftlich nicht selbständigen Kinder, in das Lager einzuweisen. (…)

Außer Wäsche- und Kleidungsstücken zum täglichen Bedarf und verderblichem Mundvorrat für die Reise ist das übrige Eigentum der zigeunerischen Person zurückzulassen (…)

Ausweispapiere sind abzunehmen und bei der zuständigen Kriminalpolizeistelle zu den Akten zu nehmen. (…)

Barmittel und Wertpapiere sind bei der Polizeikasse der zuständigen staatlichen Polizeiverwaltung bis auf weitere Weisung zu hinterlegen. (…)

Soweit gutachtliche Äußerungen über zigeunerische Personen noch nicht vorliegen, ist nach Abstammung, Lebensweise und äußerem Erscheinungsbild (Zigeunersprache, Zigeunername!) zu prüfen, ob sie zigeunerischer Abstammung sind. Bei Vorliegen der erforderlichen Voraussetzungen ist auch in diesen Fällen die Vorbeugungshaft anzuordnen. (…)

Um ein vorzeitiges Abwandern zu verhindern, ist Vorsorge zu treffen, dass den zigeunerischen Personen die angeordneten Maßnahmen unter keinen Umständen vorher bekannt werden. (…)

Mit den Vorbereitungsmaßnahmen (Auswahl der einzelnen Personen, Transport- und Bewachungsfrage, Versendung und Ausfüllung der Vordrucke usw.) ist sofort zu beginnen, damit die Aktion ab 1. März 1943 erfolgen kann.«

Auszug aus einem Schnellbrief des Reichssicherheitshauptamtes vom 29. Januar 1943, https://bit.ly/3Y89Sdl

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  • Leserbrief von Doris Prato (12. Dezember 2022 um 16:05 Uhr)
    Danke an junge Welt, dass sie diesen sehr informativen Beitrag bringt, zu dem ich ergänzen möchte, dass in Italien unter der Regierung der Führerin der faschistischen Brüder Italien (FdI) von Giorgia Meloni Sinti und Roma weiter Verfolgung und Vertreibung droht. Einige Fakten dazu:
    2008 nahm Meloni als führendes Mitglied der Alleanza Nazionale, der vorherigen Mussolini-Nachfolgepartei Movimento Sociale Italiano (MSI), aus der ihre heutige Brüderpartei hervorging, mit dem damaligen Führer der rassistischen Lega, Umberto Bossi, an der Wahlkampagne teil. Bossi ließ seinem Hass freien Lauf und äußerte, es sei leider »leichter Ratten zu vernichten als Zigeuner auszurotten« (Süddeutsche Zeitung, 16. April 2008). Meloni trat danach mit Bossi und weiteren Lega-Rassisten in die Regierung Berlusconis ein, diente ihm bis zu seinem Fall 2011 und hatte nie etwas gegen diesen »Zigeuner-Ausrotter« und seine Komplizen einzuwenden. Zu ihnen gehörte im Kabinett auch Roberto Maroni. Als er im November 2022 verstarb, würdigte sie diesen Rassisten als »einen Freund« und einen »der fähigsten Menschen, die ich in meinem Leben getroffen habe«.
    In ihre Regierung nahm Meloni als Infrastrukturminister, dem die Kontrolle der Häfen und damit der Anlandung von Migranten bzw. ihrer Verhinderung, untersteht, den Lega-Chef Matteo Salvini auf, den sie auch noch zu einem ihrer Stellvertreter machte. Salvini hat in seiner Zeit als Innenminister 2018/19 eine fanatische Verfolgung der Sinti und Roma betrieben. Ausgehend von Mussolinis 1938 verkündetem »Rassenmanifest«, in dem grundsätzlich die faschistischen Rassengesetze Hitlerdeutschlands übernommen wurden, hatte dieser Rassist gefordert, den »Begriff der Rasse« wieder einzuführen und einen »Sonderbeauftragten für Roma und Sinti« zu ernennen und gedroht, »die Roma-Lager zu eliminieren«. Dazu wollte er eine »Volkszählung« unter den geschätzt 120.000 bis 180.000 Sinti und Roma durchsetzen, um sie für eine Vertreibung aus Italien zu erfassen. Salvini knüpfte damit an den Antiziganismus der Hitlerfaschisten an, der »zu den widerwärtigsten und niederträchtigsten Formen des Rassismus« gehörte, schrieb damals die linke Tageszeitung Il Manifesto. Das linke Internetportal Contropiano erinnerte daran, dass die Nazis neben der »Endlösung der Judenfrage« die »Lösung« des »Zigeunerproblems« durch Vernichtung in den Konzentrationslagern Dachau, Flossenbürg und vor allem Auschwitz praktizierten. Nachdem Salvini mit seiner verfassungswidrigen »Volkszählung« am Einspruch Staatspräsident Mattarellas scheiterte, versuchte er, Sinti und Roma mit allen möglichen Schikanen aus Italien zu vertreiben. Im April/Mai 2019 gingen in Rom Faschisten der »Forza Nuova« und »Casa Pound«, bekanntermaßen Sturmtrupps der Lega, wochenlang gegen eine Umsiedlung von Sinti aus Vorstadt-Camps in die Stadtteile Torre Maura und Casal Bruciato mit Drohungen wie »Hängt sie auf!« und »Verbrennt sie!« vor. Der Schriftsteller Andrea Camilleri, Autor der Krimi-Reihe »Commissario Montalbano«, sagte in der Zeitung La Repubblica, dass diese Entwicklung an Mussolini, an den »finstersten Abschnitt in der italienischen Geschichte« erinnere. Angesichts dieser unleugbaren Tatsachen ist die Behauptung Melonis in ihrer ersten Regierungserklärung am 24. Oktober, sie habe für den Faschismus »niemals Sympathie oder Nähe« empfunden, eine faustdicke Lüge. Wenn Meloni bei der Bekanntgabe ihrer Kandidatur für das Amt der Ministerpräsidentin ankündigte, dass »die Identität, die Ziele von Mitte-rechts (wie die faschistische Koalition sich verharmlosend nennt) bekannt sind, und es darum geht, sie zu wiederholen«, bedeutet das nichts anderes, als dass sie ein ähnliches Regime zu errichten gedenkt.
    Vertreter der NATO und EU hielt das nicht ab, die vor Rassismus triefende Faschistin Meloni nach ihrem Amtsantritt mit Glückwünschen zu überhäufen. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg schrieb auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: »Ich freue mich darauf, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.« EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen war erfreut, dass Meloni als erste Frau in das Amt kam und gab sich sicher, »Wir werden zusammenarbeiten, um die entscheidenden Herausforderungen unserer Zeit anzugehen, von der Ukraine bis zur Energieversorgung«. Der sozialdemokratische Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) freute sich ebenfalls, mit Meloni in »EU, NATO und G7« zusammenzuarbeiten. Darüber muss man sich nicht wundern, denn Meloni verhindert (vorerst), dass Italien aus der Kriegsfront in der Ukraine, die 60 Prozent der Italiener ablehnen, ausschert, wo das Selenskij-Regime sich nur mit Unterstützung von USA-NATO-EU und im Inneren von Nachfolgern der Bandera-Faschisten und der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS (galizische SS-Division Nr. 1) und weiteren Nazi-Klüngel an der Macht hält.

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