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Aus: Ausgabe vom 10.12.2022, Seite 8 / Ausland
Kapitalistische Krise in der Türkei

»Für die Arbeiter hat das keine Vorteile«

Türkische Wirtschaftsentwicklung von extremer Inflation gekennzeichnet. Ein Gespräch mit Michael Roberts
Interview: Vartan Halis Yildirim
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Wie können wir die politische Situation in der Türkei mit ihrer wirtschaftlichen Situation zusammen denken? Die türkische Regierung erklärt optimistisch, dass sie in der ersten Hälfte des nächsten Jahres ihre Probleme lösen wird. Debatten darüber sind in der Türkei sehr eingeschränkt.

Als Ökonom weiß ich, dass, wenn ernsthafte Probleme in der Wirtschaft auftauchen, – zum Beispiel in die Höhe schießende Lebenshaltungskosten –, diese Regierung keine Kritik an ihrer Politik zulässt und statt dessen versucht, die Opposition zu unterdrücken. Die Wirtschaftskrise in der Türkei und weltweit erfordert mehr Diskussionen und offene Untersuchungen darüber, was zu tun ist, nicht weniger Diskussionen oder die Unterdrückung alternativer Ansichten.

Sie haben geschrieben, dass »die Rentabilität des türkischen Kapitals« stark zurückgegangen ist. Wie ist das aktuell?

Die Rentabilität des türkischen ­Kapitals ist seit dem Ende der großen Rezession weiter gesunken, ­besonders stark während des tiefen Einbruchs durch die Covid-Pandemie im Jahr 2020. Seitdem ist die Erholung schwach, da die Wirtschaft von einer Inflationsspirale erfasst wird.

Die Türkei hat derzeit eine der höchsten Inflationsraten der Welt. Die Regierung hält das nur für eine Folge der globalen Entwicklung.

Es stimmt, dass die steigende Inflation alle großen Volkswirtschaften erfasst hat. Ursache für die Inflation ist die unzureichende produktive Erholung in den kapitalistischen Volkswirtschaften angesichts der sich erholenden Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Die Inflation hat die meisten Länder schwer getroffen, aber keines hat mehr gelitten als die Türkei mit einer Inflationsrate von über 80 Prozent pro Jahr. Die Regierung hat sich für eine Zinssenkung entschieden, um die Rentabilität auf Kosten des Lebensstandards der Menschen aufrechtzuerhalten. Das hat dazu geführt, dass ausländische Investoren ihre Investitionen aus der Türkei abgezogen haben und die Lira dadurch abgewertet wurde. Die türkischen Arbeiter zahlen mit Kaufkraftverlust für den Versuch der Regierung, einen künstlichen Boom aufrechtzuerhalten.

Die Türkei versucht, sich aus der Wirtschaftskrise zu schleichen. Welche wirtschaftliche Strategie steckt hinter diesen Bemühungen und Maßnahmen?

Die Regierung versucht, ein Gleichgewicht zwischen der NATO und Russland, mit dem sie in Syrien zusammenarbeitet, herzustellen und ausreichende Energie- und Lebensmittelimporte zu erhalten. Außerdem kann der Krieg für Teile des türkischen Kapitals sehr profitabel sein. Für die arbeitenden Menschen in der Türkei hat das jedoch keine Vorteile. Die beste Lösung für sie ist ein Ende dieser Grenzkonflikte in der Ukraine, Syrien, Irak, Griechenland und Armenien.

Sie sagen, dass die lange Depression enden wird, wenn die Rentabilität des Kapitals wiederhergestellt ist. Welche Perspektive sehen Sie für die Türkei?

Die Weltwirtschaft verlangsamte sich schon vor der Pandemie und steuerte nach dem »verlorenen Jahrzehnt« der 2010er Jahre auf einen neuen Einbruch zu. Der Einbruch der Weltwirtschaft durch die Pandemie im Jahr 2020 war sehr heftig, aber relativ kurzlebig. An der grundlegenden Schwäche der Rentabilität und der Investitionen weltweit änderte sich jedoch nichts. Statt dessen führte die wirtschaftliche Erholung zu einer stark steigenden Inflation, die den Lebensstandard vieler Menschen beeinträchtigte. Es sieht so aus, als würde sich die lange Depression fortsetzen, da sich die allgemeine Rentabilität trotz des Gewinnsprungs im Energiesektor nicht wesentlich erholt hat. Wenn die Rentabilität des Kapitals nicht durch drastische Maßnahmen wiederhergestellt wird, wird sich das Szenario des geringen Wachstums fortsetzen. Die Türkei kann sich diesen globalen Kräften nicht entziehen. Die Unternehmen haben dank der Abwertung der Lira von billigen Krediten und höheren Exporten profitiert. Das wird 2023 nicht mehr funktionieren, wenn die weltweiten Zinssätze steigen, die Kosten der Auslandsverschuldung in Dollar in die Höhe schnellen und das Wachstum des Welthandels verschwindet.

Michael Roberts ist Ökonom und Autor

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