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Aus: Ausgabe vom 09.12.2022, Seite 12 / Thema
Geschichte

»Platz an der Sonne«

Über den Imperialismus. Die vielen Gestalten nicht nur deutschen Strebens nach der Weltmacht
Von Stefan Bollinger
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Das vermeintlich freundliche Gesicht des deutschen Imperialismus. Kanzler Olaf Scholz besucht das Ausbildungsprogramm für ukrainische Soldaten auf dem Truppenübungsplatz in Putlos (25.8.2022)

Am 6. Dezember 1897 verkündete der damalige Außenstaatssekretär Bernhard von Bülow vor dem Reichstag in Berlin, dass auch Deutschland einen »Platz an der Sonne« beanspruche – also genauer denselben Status wie die großen Kolonialmächte Britannien und Frankreich. Zur Erinnerung an die verhängnisvollen Folgen dieser Erklärung veranstaltete das Berliner Afrika-Haus in Zusammenarbeit mit Helle Panke e. V. und Farafina e. V. am 28. November 2022 ein Symposium, bei dem Stefan Bollinger den folgenden Vortrag hielt. Wir danken dem Autor für die Genehmigung zum Abdruck. (jW)

Einen 125. Jahrestag aufzurufen verleitet zu Spekulationen und Irritationen. Um was soll es gehen, um einen gewonnenen oder einen verlorenen Krieg, ein Geburts- oder Sterbedatum? Wir sollen uns gar mit einem Untoten beschäftigen? Der Jubilar mit den vielen Leben ist – der Imperialismus, hier sicher zuallererst der deutsche.

Dieser Imperialismus trat mit dem Ruf nach Kolonien an das Licht der Öffentlichkeit. Die aktuellen Auseinandersetzungen um die Anerkennung der Verbrechen der deutschen Kolonialpolitik etwa in Namibia oder die Frage des Restitution von Kulturgütern und sakralen Kultgegenständen der damaligen Kolonien sind fast in aller Munde, andere Züge des Imperialismus weit weniger.

Die Hunnen kommen

Wir Deutschen haben Glück – und Kanzler. Die helfen, sich in der Welt zu orientieren und einfältigeren Gemütern auch die Richtung ihres Handelns, Hoffens und Duldens zu erklären. Vor 125 Jahren, am 6. Dezember 1897, schien es noch vage Zukunftsmusik, als der Außenstaatssekretär und spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow unter Bravorufen im Reichstag verkündete: »Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.«¹ Was der deutsche Chefdiplomat nicht nur zum Nikolaustag in die Kommissstiefel steckte, bestimmte fortan deutsche Politik. Das Reich wollte nicht nur im Nahbereich zwischen Rhein und Memel politisch, wirtschaftlich und militärisch handeln.

Kaiser Wilhelm II. reiste mit Begeisterung, ließ sich 1898 in Jerusalem feiern, motivierte die deutsche Industrie zu ihrem Bagdadbahn-Projekt und schickte im Jahre 1900 »Reisegruppen«, bewaffnet bis an die Zähne, in das ferne China, »dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen«!² Revolution, Demokratie, Selbstbestimmung waren sein Ziel nicht. Galt einst der Spruch »Die Flagge folgt dem Handel«, sollten nun deutsche Marine, weltweite Stützpunkte, Heerestruppen den Kampf um die Hegemonie einleiten. Und das Massaker-Versprechen der Interventionstruppen gen China sollte für ein halbes Jahrhundert deutsches Handeln und Morden begleiten und den deutschen Ruf in der Welt zerstören. »Die Hunnen kommen«, so die erschreckte Reaktion jenseits der deutschen Grenzen.

Der heutige Zeitgenosse mag abwinken. Alles olle Kamellen, Kolonien haben wir nicht mehr – auch die anderen haben fast alle mittlerweile verloren. Da erinnert uns der heutige Bundeskanzler Olaf Scholz, der sicher schon lange die Geschichte seiner SPD, ihres Ringens vor 1914 wie auch ihrer späten Einsichten von einer »neuen Ostpolitik« vergessen hat: »Das ist blanker Imperialismus! Die Rückkehr des Imperialismus ist nicht nur ein Desaster für Europa. Darin liegt ein Desaster auch für unsere globale Friedensordnung, die die Antithese ist zu Imperialismus und Neokolonialismus.«³

Der Vorwurf des Imperialismus allein an Moskaus Adresse ist sicher aus westlicher Sicht stimmig. Allerdings rutscht dieser Vorwurf ins Fatale, weil er nichts zu den Vorbedingungen dieses Krieges sagt und vor allem vergisst, dass Imperialismus etwas mit Konkurrenz und dem Ringen um Vorherrschaft zu tun hat – mit anderen imperialistischen Mächten. Und da müssten sich Scholz, der Westen und manche Linke Fragen stellen: Ist der Imperialismus etwas Erledigtes, oder ist er zumindest in den wichtigen westlichen Staaten einschließlich der Bundesrepublik State of the Art, der Normalzustand?

Da hat sich ja offensichtlich – trotz aller Wandlungen – nichts an den Grundstrukturen des Imperialismus, des Monopolkapitalismus, gewandelt: Vorherrschaft der Monopole und ihr Zugriff auf die Politik, Neutralisierung und Manipulation der Gesellschaften einschließlich der Verhinderung von soziale Gerechtigkeit und Frieden gebietender Gegenmacht, Durchsetzung expansiver Ziele zur Profitsicherung mit den jeweils geeigneten Mitteln. Um einmal auf Lenins Imperialismustheorie zu verweisen, nicht auf seine Definition und seine leicht zu zitierenden, aber nicht immer eins zu eins nachzuweisenden fünf Merkmale, die er sowieso nicht für sakrosankt erklärte:⁴ »Für den Imperialismus ist gerade das Bestreben charakteristisch, nicht nur agrarische Gebiete, sondern sogar höchst entwickelte Industriegebiete zu annektieren (Deutschlands Gelüste auf Belgien, Frankreichs auf Lothringen), denn erstens zwingt die abgeschlossene Aufteilung der Erde, bei einer Neuaufteilung die Hand nach jedem beliebigen Land auszustrecken, und zweitens ist für den Imperialismus wesentlich der Wettkampf einiger Großmächte in ihrem Streben nach Hegemonie, d. h. nach der Eroberung von Ländern, nicht so sehr direkt für sich als vielmehr zur Schwächung des Gegners und Untergrabung seiner Hegemonie.«⁵

Nur, dass eben heute die Interessenlagen sich verschoben haben. Natürlich sind die Annexion fremder Gebiete, der direkte Zugriff auf dortige Rohstoffe und Märkte mutmaßlich noch interessant, lohnt sich Rüstung immer noch oder wieder, wie die vollen Auftragsbücher von Rheinmetall beweisen. Aber entscheidender ist die wirtschaftliche und auch politische wie geistige Kontrolle. Da gibt es eigentlich effektivere Mittel als Panzer und Raketen, da sind die internationalen Handelsströme, da sind Bezahlsysteme wie SWIFT und die allgegenwärtigen »Social Media« Mittel der Wahl.

Kapitalistischer Entwicklungsschritt

Im Kern ist aber das Problem prinzipieller Natur. Es geht um den Imperialismus als ein Entwicklungsstadium des Kapitalismus in seiner doppelten Gestalt: als aggressiver, oft auch kriegerischer Expansionspolitik nicht nur und nicht in erster Linie im globalen Süden, sondern gegen die jeweiligen Konkurrenten und deren Umfeld, egal, ob in Europa, Amerika, Asien, Afrika oder Australien/Ozeanien. Zugleich und entscheidender ist aber seine monopolkapitalistische Gestalt, in der mit der Herausbildung von Monopolen in der Schwer- und Rüstungsindustrie, in der Chemie oder in der Elektrowirtschaft und ihrer Verflechtung mit dem Finanzkapital eine langfristige, dynamische, oft die Gestalt wechselnde Form unmittelbar die Verbindung zur politischen Macht herstellen konnte. Womit die Monopole ihr Geld verdienen, kann, aber muss nicht den Unterschied machen. Rüstung wirft immer Profit ab, aber im Laufe der Jahrzehnte waren es nicht nur Stahl und Kohle, sondern Chemie, Elektrizität, Elektronik, heute sind es um so mehr Algorithmen, die hier greifen. Manches sichert einen »Stealth imperialism«⁶, die indirekte, »friedliche« Übernahme fremder Völker, Wirtschaften und Staaten. Aber um nicht unseren Ausgangspunkt zu vergessen: Spätestens seit der unter anderem von der Deutschen Bank finanzierten Bagdadbahn ist das Bestandteil imperialistischen Agierens.

Linke Liberale, Sozialdemokraten und Kommunisten haben früh Veränderungen im zeitgenössischen Kapitalismus als neue Herausforderungen erkannt. Sie suchten nach einer theoretischen Selbstverständigung, wollten Konsequenzen ziehen und fragten, wie vor allem die Arbeiterbewegung ihren Anspruch, den Kapitalismus in einer sozialistischen Umwälzung, gar Revolution zu überwinden, verwirklichen konnte. Hobson, Kautsky, Luxemburg, Lenin und Bucharin⁷ waren daran aktiv beteiligt, haben unterschiedliche Lesarten gefunden, die die schrittweise globale Durchsetzung des Imperialismus und ihre vielfältigen Formen beleuchteten.

Bei aller Unschärfe der Begriffe und der Stoßrichtungen war der europäischen Vorkriegssozialdemokratie klar, dass die Herausforderung die expansionistische und militaristische Kriegspolitik der wichtigsten europäischen Großmächte und imperialistischen Staaten sein wird. Ihr probates Mittel dagegen: grenzüberschreitende Solidarität der Arbeiterbewegung und die Entschlossenheit, sich einem drohenden Krieg mit proletarischen Kampfmitteln, vor allem dem politischen Massenstreik, entgegenzustellen. Sie waren in ihrem Friedensmanifest des Internationalen Sozialistenkongresses in Basel 1912 verwegen: »Wenn die Regierungsgewalten jede Möglichkeit der normalen Fortentwicklung abschneiden und dadurch das Proletariat zu verzweifelten Schritten treiben sollten, würden sie selbst die ganze Verantwortung für die Folgen der durch sie herbeigeführten Krise zu tragen haben.«⁸ Das sollte stimmen, aber in ganz anderer Weise als erhofft.

Denn erst mit dem Ersten Weltkrieg wurde die ganze Wahrheit über die Funktionsweise und den Erfolg imperialistischer Politik in den sich bekämpfenden kriegführenden Mächten offenbar. Die wichtigsten Imperialisten, und das waren zu dieser Zeit vor allem die Kapitaleigner und Manager der großen Schwerindustrie, die zugleich Rüstungsindustrie war – seien es die Krupps in Deutschland, die Putilows in Russland, Schneider-Creusot in Frankreich oder Vickers in Britannien –, hatten bestimmenden Einfluss auf die Kriegsziele, je nach Land und innerer Machtstruktur unterstützt oder korrigiert durch adlige Großagrarier. Im Deutschen Reich war dies in der Kriegszieldebatte⁹ vor allem der Jahre 1914/15 wirksam, die die damalige Reichsleitung um Kanzler Bethmann-Hollweg und die Oberste Heeresleitung in Zugzwang brachte und die wenig mit dem realen Kriegsverlauf zu tun hatte.

Gleichzeitig hatten sich die innenpolitischen Verhältnisse gewandelt. Im Deutschen Reich der Vorkriegszeit gab es eine stärkere Zuwendung der herrschenden Klasse zu den Arbeitern. Der Kaiser sonnte sich nicht nur im imperialen Anspruch als »Weltkaiser«, der dem Reich neue Macht und Territorien versprach. Er wollte auch als »Arbeiterkaiser« in die Geschichte eingehen. Das war weniger Ausdruck seiner sozialen Ader und Modernität denn Reaktion auf die nicht kleinzukriegende Sozialdemokratie, die stetig an Einfluss und Gegenmacht gewann, und ihre sozialen Kämpfe.

Propaganda, Vereinsarbeit (unter anderem Kolonialverein, Alldeutsche), Medien und das Heer mit seinem Wehrdienst sorgten dafür, dass der Nationalismus auch die unteren Schichten erreichte und der natürlichen Solidarität der Arbeiter Konkurrenz machte. Vor allem aber konnten die SPD und ein erheblicher Teil ihrer Führung zur Einsicht gelangen, dass eine schrittweise Überwindung der bestehenden Ordnung möglich sei, dass Reformen machbar seien und eine Kooperation mit den Herrschenden profitabel sein könne. Das Umfallen der SPD-Führung und ihrer Abgeordneten im August 1914 für die vom Kanzler versprochenen sozialen Verbesserungen und eine ernsthafte politische Reform in der Zeit »nach dem Sieg« sicherte in Deutschland – und ähnlich auch in anderen Ländern – die Unterstützung für den Krieg. Die Drohung mit den Russen, die da kämen, überzeugte auch die Sozialdemokraten, denn die Knute des Zaren wollten sie auf keinen Fall, da blieb das moderate, demokratisch verbrämte Kaisertum das kleinere Übel – und die Zusammenarbeit zahlte sich für die Parteielite aus, zunächst aber auch für die Arbeiter. Erst das Ausbleiben des raschen Sieges und das zunehmende Erleben des Fleischwolfes Krieg sollten zum Umdenken bewegen.

Diese Dreieinigkeit der Verbindung der Monopolmacht mit der politischen Macht, die erfolgreiche ideologische nationalistische, chauvinistische Ausrichtung sowie die Korrumpierung und damit Neutralisierung der Arbeiterbewegung waren das Erfolgsrezept imperialistischer Politik nach innen wie außen. Erst die drohende oder sich vollziehende Niederlage sorgte bei allen Kriegsparteien dafür, dass die Arbeiterbewegung sich in unterschiedlicher Weise wieder ihrer Friedens- und sozialistischen Ziele erinnerte, streikte, mehr Demokratie und soziale Zugeständnisse einforderte, gar Revolution machte. Aber letztlich eroberte die Linke nur in einem – dem vergleichsweise rückständigsten – Land die Macht. Sie musste diese Macht rigoros und brutal gegen innere und äußere Feinde behaupten und ersetzte alsbald die ursprüngliche breite Massenbasis von unten durch ein dirigistisches, diktatorisches System im Interesse der Klasse.

Wandelbare Gestalt

Hoffentlich gleicht er nicht der Katze mit den vielen Leben, der Imperialismus. Seine Fähigkeit, auch aus aussichtslosen Niederlagen heraus auf die Füße zu fallen, hat er bereits auf erschreckend bewundernswerte Weise vorgeführt. Die Macht der Monopole mag sich verschieben, ein Thyssen mag ersetzbar sein, neue Sterne tauchen am Kapitalhimmel auf, leuchten für die AEG oder die I. G. Farben. Schnell finden die großen Kapitalien ihren Weg zu den jeweils Regierenden, egal, mit welchem Parteibuch, Hauptsache, sie greifen nicht die Heiligtümer Eigentum und Profit ernsthaft an. Und die Suche nach einer Neutralisierung der wirklichen Bedrohung der Macht, der Arbeiter und anderen arbeitenden Klassen und Schichten, vor allem ihrer politischen Organisationsformen, funktioniert instinktiv. Repression oder Korruption – es klappt immer wieder.

Das Jahr 1918 beendete keineswegs den imperialistischen Traum, geschweige denn die imperialistischen Machtstrukturen und die Mechanismen ihrer Sicherung. Die Hochzeit der Kolonien endete, wichtige Völkergefängnisse mit ihren inneren oder erweiterten Kolonialgebieten, ausgehend von Konstantinopel, Wien und St. Petersburg, zerfielen. Sie nahmen neue Formen an, ermöglichten eine Welle von Nationalstaatsbildungen. Das koloniengierige Deutschland verlor seine überseeischen Besitzungen und konnte sich allzubald nur noch an Lettow-Vorbeck und die treuen Askaris erinnern.

Während in Versailles die Siegermächte die Beute unter sich aufteilten, sich nicht mehr an das Versprechen Woodrow Wilsons vom »Selbstbestimmungsrecht« auch für die unterdrückten Völker erinnern mochten und Deutschland – mittlerweile eine demokratische Republik – zum Alleinschuldigen machten, war das Verschnaufen im Wettrennen um Weltherrschaft nur kurz. Die Tinte in Versailles war noch nicht trocken, da schmiedete die Reichswehr ihren »großen Plan« und sorgten sich deutschen Monopole um den wirtschaftlichen wie rüstungstechnischen Wiederaufstieg. Die Arbeiterbewegung, gerade noch revolutionstrunken und doch tief gespalten, wurde kujoniert und verfeindete sich untereinander weiter. In Gestalt des Faschismus trat das deutsche Monopolkapital bald mit einer braunen Massenbewegung zu einem neuen, bald auch gewaltsam militärischen Ringen um Deutschlands Größe und Vorherrschaft an. Mit der Sowjetunion und ihrer kommunistischen Weltbewegung hatte allerdings erstmals ein Widerpart die Weltbühne betreten, der die Konkurrenz unter den imperialistischen Staaten in neuer Weise beeinflusste, was zu fatalen Bündnissen und Zurückhaltungen führte.

Mit dem vom deutschen Faschismus ausgelösten und mit seinen Verbündeten in Rom und Tokio geführten und scheiternden Zweiten Weltkrieg hatte der deutsche Imperialismus wieder mit Gewalt den Weg fortsetzen wollen, den die deutschen Eliten 1914 begonnen hatten. Wieder war es ein Krieg, der eine Lektion erteilte, dass nicht jeder Imperialismus gleich ist – und der deutsche eine besonders tödliche Mischung von Expansion, nationaler Überhebung, Antikommunismus, Rassismus, Demokratiefeindlichkeit und Völkermord darstellt.

Das deutsche Beispiel legt es nahe, auf eine verhängnisvolle Melange von imperialistischem Vormachtstreben und rassistischer Unterdrückungs- und im Zweifel Völkermordpolitik zu verweisen. Was in den deutschen Kolonien – sicher nicht schlechter und nicht besser als in den belgischen oder französischen oder britischen Kolonien oder in den Prärien des »Wilden Westens« der USA – blutig praktiziert wurde, hatte Modellcharakter. Die kaiserlichen Besatzungstruppen in Belgien, noch mehr aber in den besetzten Gebieten des Russischen Reiches, also im Baltikum und in Polen, praktizierten während des Ersten Weltkriegs dank Ober Ost, der Militärverwaltung des Oberbefehlshabers Ost, astreine Kolonialpolitik mit der rücksichtslosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der Menschen, gepaart mit Gewalt, erst recht im Kampf gegen revolutionäre und linke Bestrebungen. Hier wurde etwas in Gang gesetzt, was eine Generation später im faschistischen Besatzungsregime in Polen und in der Sowjetunion seine Fortsetzung und Vollendung finden sollte: die Ausbeutung der unterjochten Gebiete, die Versklavung von Millionen und – in dieser Dimension neu – die Ermordung jener Menschen, die dem deutsch-faschistischen Rassenwahn nicht entsprachen, also Juden, Sinti und Roma und, meist vergessen, der Slawen.

Diese Menschenverachtung ist ein möglicher Bestandteil imperialistischer Politik und ihrer ideologischen, nationalistischen und rassistischen Absicherung. Insofern sind die aktuellen Streitigkeiten um die Einmaligkeit des Holocaust im Vergleich zur Völkermordpraxis in den Kolonien aberwitzig und selbstzerstörerisch. Um zu strafen, schickte Gott die Sprachverwirrung auf die Bauleute des Turmes von Babel. Heute machen es Linke und Liberale oft selbst, sich in ihrer berechtigten Wut über mörderische Politik in eine Opferkonkurrenz zu begeben und sich gegenseitig zu bezichtigen, die anderen Opfer ausblenden zu wollen.¹⁰ Es nützt nur den Mördern von einst, ihren heutigen Verehrern, Reinwäschern und potentiellen Nachahmern.

Keine »Zeitenwende«

Die Niederlage des Faschismus 1945 offenbarte, dass im kommunistischen Lager ein überlegener Gegner erwachsen war, der aber durchaus bereit war – so sie denn wollten – auch ein Bündnis mit anderen imperialistischen Mächten einzugehen, wenn all die Staaten der Antihitlerkoalition diese besondere Gefahr für ihr politisches wie physisches Erleben zumindest für die Dauer von vier, fünf Jahren begriffen.

Leider hielt diese Lektion nur kurz, und es entstand eine sich doch von der Zwischenkriegszeit abhebende Konstellation. Die Konflikte und der Kampf der imperialistischen Mächte untereinander traten hinter die Systemauseinandersetzung mit dem Kommunismus oder dem, was dafür gehalten wurde, zurück. Zwischenimperialistische Konkurrenz blieb, die USA dominierten, im Laufe der Jahre wurden Westeuropa als EG und später EU ebenso wie Japan zu Partnern, aber auch Mitkonkurrenten.

Auf einmal war auch Deutschland, genauer Westdeutschland, trotz des faschistischen Ballasts wieder gefragt – als Kanonenfutter, als Bollwerk, als Schaufenster, aber auch als Wirtschaftsmacht. Die deutschen Monopole, nur wenig im Westen gerupft von den Entflechtungsvorgaben der Potsdamer Konferenz, waren wieder begehrt und zeigten, dass sie auch das friedliche Geschäft der Einflussnahme und des Erringens von Vormacht beherrschten. Sie erwiesen sich als so geschickt, auch ihre Einflussnahme bei den kommunistischen Todfeinden geltend zu machen.

Der größte Triumph des imperialistischen Staaten und auch des imperialistischen Westdeutschland war die »Wende« 1989/91. Der Angstgegner Kommunismus, seine Macht und sein Militär wurden über Nacht von den eigenen Bürgern hinweggefegt. Innere Widersprüche des Realsozialismus hatten diesen Untergang ausgelöst, aber nie in einem luftleeren Raum, sondern einem der erbitterten Systemauseinandersetzung. Das westliche Kapital, die Berater und die Ideologien standen bereit, diese 70 oder 40 Jahre lang verlorenen Gebiete zurückzugewinnen für die Welt des Kapitalismus und hier auch die eigene Stärke und Vorherrschaft auszubauen. Geldtransporter und Treuhandanstalt waren hier erfolgreicher als Panzer und Raketen.

Nur hat dummerweise dieses »Ende der Geschichte«, wie es Francis Fukuyama damals nannte, mit dem Siegeszug westlicher Demokratie und westlicher, also kapitalistischer Marktwirtschaft nicht so reibungslos funktioniert wie gehofft. Zwei waren übriggeblieben, haben sich mühselig berappelt bzw. ihren Aufstieg fortgesetzt – Russland und China. Und die »Zeitenwende« brach nicht 2022 an, sondern schon gut zwei Jahrzehnte vorher wurden die neuen Konstellationen imperialistischer Politik im Ringen um Vorherrschaft abgesteckt.

Hauptfeind im eigenen Land

In diesem Kampf haben wir uns nun festgefahren, und die Linke weiß ähnlich wie 1914 wieder nicht, ob sie Partei ergreifen soll, sich neutral zurücklehnen kann, um gut Wetter und bessere Sozialleistungen im Krisenmodus eines Wirtschaftskrieges betteln soll oder sich eines anderen großen Kriegsgegners erinnern müsste, und zwar Karl Liebknechts: »Der Hauptfeind jedes Volkes steht in seinem eigenen Land! Der Hauptfeind des deutschen Volkes steht in Deutschland: der deutsche Imperialismus, die deutsche Kriegspartei, die deutsche Geheimdiplomatie. Diesen Feind im eigenen Lande gilt’s für das deutsche Volk zu bekämpfen, zu bekämpfen im politischen Kampf, zusammenwirkend mit dem Proletariat der anderen Länder, dessen Kampf gegen seine heimischen Imperialisten geht.«¹¹

Anmerkungen

1 Freiherr von Bülow, Staatsminister, Staatssekretär des Auswärtigen Amts. In: Verhandlungen des Deutschen Reichstages. 9. Legislaturperiode. 4. Sitzung am 6.12.1897, S. 60, https://www.reichstagsprotokolle.de/Band_k9_bsb00002771.html.

2 Wilhelm II. am 27.7.1900. In: Johannes Penzler (Hg.): Die Reden Kaiser Wilhelms II. Bd. 2: 1896–1900, Leipzig o. J., S. 211

3 Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 20.9.2022 in New York. In: Bulletin der Bundesregierung Nr. 115-1 vom 20.9.2022, S. 3

4 Lenin definierte den Imperialismus als das »monopolistische Stadium des Kapitalismus« und betonte »fünf grundlegende Merkmale«: »1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, dass sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen; 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses ›Finanzkapitals‹; 3. der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung; 4. es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen, und 5. die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet. Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist.« Wladimir Iljitsch Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss, in ders.: Werke Bd. 22, Berlin 1960, S. 270f.

5 Ebd., S. 273

6 Chalmers Johnson: Blowback. The Costs and Consequences of American Empire, New York 2001, S. 19

7 Siehe ausführlicher Stefan Bollinger: Imperialismustheorien. Historische Grundlagen für eine aktuelle Kritik, Wien 2004; siehe auch ders.: Lenin. Träumer und Realist, Wien 2006. Zum Thema als Einführung: Frank Deppe/David Salomon/Ingar Solty: Imperialismus, Köln 2011

8 Außerordentlicher Internationaler Sozialistenkongress zu Basel am 24. und 25. November 1912, Berlin 1912, S. 26

9 Immer noch entlarvend ist Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, 2. Aufl. Königstein im Taunus 1979

10 Vgl. Natan Sznaider: Fluchtpunkte der Erinnerung. Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus, München 2022

11 Karl Liebknecht: Der Hauptfeind steht im eigenen Land! Flugblatt. Mai 1915, in ders.: Gesammelte Reden und Schriften. August 1914 bis April 1916. Bd. VIII, Berlin 1982, S. 229f.

Stefan Bollinger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 30. Juni über den ideologischen Kriegszug gegen Russland: »Magd der Propaganda«.

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  • Leserbrief von Wolfgang Kroschel (12. Dezember 2022 um 16:30 Uhr)
    Stefan Bollinger schildert die zu verschiedenen Zeiten bis heute mit verschiedenen Methoden unternommenen Anstrengungen des deutschen Imperialismus, einen »Platz an der Sonne« zu ergattern.
    Mein Urgroßvater war als »königlich-preußischer Lokomotivführer« daran beteiligt, indem er als Beamter noch nach dem offiziellen Ende der Ersten Weltkrieges Munitionszüge am Haken seiner Lok bis ins Baltikum fuhr (eine Fahrt endete für ihn tödlich).
    Das von Stefan Bollinger erwähnte »Oberkommando Ost« in Litauen benötigte für die Aufrechterhaltung seines Einflussgebietes, das damals bis „»Ruthenien« – also etwa Galizien/Ukraine – ging, eben auch Uropas Munitionszüge, um die erfolgte Installierung der dortigen deutschhörigen Hetmanen-Clique militärisch zu sichern. Denn die Aufteilung der Ukraine war das Ziel erbitterter Kämpfe verschiedener Fürstenhäuser und lokaler Banden (von denen einige später in Freiheitskämpfer umtituliert wurden) von Litauen bis zum Schwarzen Meer. Die jW berichtete davon bereits einige Male.
    Ein Geschichtsdokument, das die Verschlungenheit der Interessen und Machtkämpfe um ukrainisches Getreide und Vieh schildert, ist Arnold Zweigs Roman »Einsetzung eines Königs«, den er 1936/37 (!) schrieb und damit ein scharfsinniges Bild von Handelnden in jener Zeit schuf, das Parallelen zum gegenwärtigen Geschehen in und um die Ukraine lebendig werden lässt. In diesem Buch trägt Arnold Zweig auch zum Verständnis bei, wie der Kampf um einen Platz an der Sonne vor gut 100 Jahren seine Schatten über unsere Zeit legt, deren heutige Phrasen einen endlosen Aufguss zwar längst vergilbter Blätter darstellen, aber ihre berauschende Wirkung fürs Volk behalten haben. Literatur soll aufklären. Deshalb wurde Zweigs Roman im Aufbau-Verlag bis 1974 neunmal aufgelegt. Die reichlich 500 Seiten kosteten damals 8,40 Mark (vermutlich vom Unrechts-Regime subventioniert).

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