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Aus: Ausgabe vom 09.12.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Energieversorgung

Rettung aus Moskau

Trotz westlicher Sanktionen: Russland und Pakistan vereinbaren Partnerschaft bei Energie- und Weizenlieferungen
Von Knut Mellenthin
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Pakistan leidet seit Jahrzehnten unter akutem Mangel an allen Energieträgern (Schlange vor Tankstelle in Peschawar)

Russland hat mit Pakistan vereinbart, dem Land Rohöl, Benzin und Dieselkraftstoff zu herabgesetzten Preisen zu verkaufen. Außerdem sei man auch im Gespräch mit russischen Unternehmen über langfristige Abkommen zur Lieferung von Flüssigerdgas (LNG). Das teilte der pakistanischer Ölminister Musadik Malik am Montag offiziell mit.

Es war der Tag, an dem neue Sanktionen der USA, der EU, Großbritanniens, Japans, Kanadas und Australiens gegen Russland in Kraft traten. Schiffsversicherungen, Reedereien, Banken und bestimmte Dienstleistungsunternehmen der an den Maßnahmen beteiligten westlichen Länder dürfen seither nicht mehr am internationalen Seetransport von russischem Erdöl und Ölprodukten mitwirken, wenn der Verkaufspreis höher als 60 US-Dollar – umgerechnet rund 57 Euro – pro Barrel liegt. Dadurch soll einerseits gesichert werden, dass Russlands Ressourcen dem Weltmarkt weiter zur Verfügung stehen, aber die russischen Staatsunternehmen daran weniger als bisher verdienen. Soll heißen: »Putins Kriegskasse« soll geschmälert werden.

Aus diesem Hintergrund bezog Maliks schmale Botschaft ihren nicht unerheblichen Nachrichtenwert: Können und dürfen die das denn? Schließlich ist Pakistan nicht nur ein manchmal schwieriger Partner, sondern offiziell auch ein »strategischer Verbündeter« der USA. Leider sagte Malik zur Klärung der damit zusammenhängenden, potentiell hochinteressanten Fragen auffallend wenig. Er nannte keine Termine, keine Liefermengen, und er wollte auch nichts zur Höhe der vereinbarten Abschläge von den Weltmarktpreisen sagen.

Es scheint jedoch aus herrschender US-amerikanischer Sicht alles in Ordnung zu sein, und Pakistans Eigenständigkeit bei seinen Geschäften mit Russland sollte nicht überschätzt werden. Dass zwischen Islamabad und Moskau Verhandlungen auf dem Sektor der Energieträger stattfinden, war grundsätzlich schon Ende Februar bekannt, als die russischen »Militäroperationen« in der Ukraine gerade begonnen hatten. Am 20. Oktober teilte Pakistans Finanzminister Ishaq Dar der internationalen Presse mit, dass die USA das Recht seines Landes anerkannt hätten, verbilligtes Erdöl bei den Russen zu kaufen. Dafür zuständige Funktionäre seien angewiesen worden, günstige Lieferabkommen auszuhandeln. Ende November, als die Dinge offenbar schon weit vorangeschritten waren, war Ölminister Malik dann zwei Tage lang zu abschließenden Gesprächen in Moskau.

Die Logik der Beziehungen zwischen den USA und Pakistan ebenso wie alle bekanntgeworden Einzelheiten sprechen mit einem sehr hohen Grad an Wahrscheinlichkeit dafür, dass die US-Administration regelmäßig über den Gang der Verhandlungen informiert wurde und kritische Punkte abgesprochen wurden. Maliks Mitteilung am Montag löste in Washington keine erkennbaren Verstimmungen und Negativkommentare aus.

Die Gründe liegen auf der Hand: Die USA wollen Pakistan einerseits auf keinen Fall »verlieren«, aber andererseits dem ständigen Sorgenkind auch nicht mehr finanzielle Unterstützung leisten, als aus ihrer Sicht zwingend notwendig ist. Zu den Dauerproblemen gehört, dass Pakistan schon seit Jahrzehnten unter akutem Mangel an allen Energieträgern leidet. Stromabschaltungen sind an der Tagesordnung. Gas wurde schon vor 30 Jahren nur stundenweise für zwei oder drei Kochzeiten am Tag zur Verfügung gestellt. Die natürlichste Option, nämlich die Versorgung Pakistans mit Erdöl und Erdgas aus dem Nachbarland Iran, wurde von allen US-Regierungen, gleich welcher Partei, konsequent durch Strafdrohungen sabotiert. Verglichen mit dem Hassfeind Iran scheint eine Energierettung Pakistans durch Russland für die Herrschenden in Washington geradezu das kleinere Übel zu sein.

Dass Pakistan sich mühsam von Kredit zu Kredit rettet und einen großen Teil seiner Staatsausgaben für Schulden- und Zinsbedienung verwenden muss, kann als normal gelten. In diesem Jahr kamen verheerende Überschwemmungen hinzu. Die dadurch verursachten volkswirtschaftlichen Verluste werden mit 30 Milliarden US-Dollar angegeben, was aber unrealistisch niedrig erscheint. Lange auf Agrarflächen stehendes Wasser bedeutet nicht nur die Einbuße der Ernte, sondern auch die Verzögerung oder sogar Unmöglichkeit der nächsten Aussaat. Die Lieferung großer Mengen an Weizen ist, neben den Energieträgern, ein weiteres Gebiet, auf dem Russland jetzt einspringen muss.

Indessen sind seit Dienstag die internationalen Erdölpreise unverhältnismäßig stark gefallen. Am Montag schienen sie mit 87 US-Dollar pro Barrel noch leicht erholt und sogar im Aufwärtstrend Richtung 90 US-Dollar, nachdem die Arbeitsgemeinschaft erdölexportierender Länder »OPEC plus« sich am Sonntag darauf geeinigt hatte, die Anfang Oktober beschlossene Senkung ihrer kollektiven Fördermenge um zwei Millionen Barrel pro Tag – das entspricht rund zwei Prozent des globalen Verbrauchs – zeitlich unbefristet beizubehalten.

Wenig später begannen die Börsenpreise für Erdöl zu rutschen. Am Donnerstag mittag lag die international wichtigste Orientierungsmarke Brent Crude nur noch bei knapp 77,5 US-Dollar pro Barrel – und damit nicht sehr viel höher als zu Jahresanfang, bevor die westlichen Boykottmaßnahmen nach Russlands Angriff auf die Ukraine einen starken Preisanstieg auslösten. Zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Barrelpreis, der in diesem Jahr an den Börsen notiert wurde, liegen 62 US-Dollar. Eine so extreme Preisspanne gab es zuletzt 2008.

Der Preissturz deutet darauf hin, dass der von der westlichen Allianz angeordnete »Preisdeckel« für russisches Erdöl zumindest im Anfangsstadium die gewünschte Wirkung zeigt. Staaten wie China, Indien oder eben auch Pakistan schließen sich zwar der russlandfeindlichen Zwangsgemeinschaft nicht an, nutzen aber doch die sich eröffnenden Chancen, mit Russland günstige Bedingungen auszuhandeln.

Hintergrund: Stau am Bosporus

An der Bosporusmeerenge, die auf dem Weg vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer durchfahren werden muss, stauten sich Presseberichten zufolge am Dienstag und Mittwoch mindestens zwanzig Tanker mit russischem Erdöl. Die Verzögerung war angeblich dadurch entstanden, dass die türkischen Behörden sehr gründlich prüften, ob die Schiffe über die Versicherungspapiere verfügten, die nach den seit Montag geltenden Vorschriften der USA und der EU erforderlich sind. Westliche, vor allem europäische Gesellschaften, die auf diesem Markt immer noch fast ein Monopol haben, dürfen Tanker mit russischem Erdöl nur versichern, wenn dieses zu einem Preis von höchstens 60 US-Dollar pro Barrel verkauft wird.

Dies tatsächlich zu gewährleisten und nötigenfalls die Folgen zu tragen ist für die Versicherungsgesellschaften hart am Rand der Unmöglichkeit. Daneben treten nun auch russische oder andere Versicherer auf, was die Aufgabe der Überprüfung gewiss nicht erleichtert. Auf der anderen Seite ist offensichtlich, was für einen schwer zu klärenden Schaden gerade in dieser Meerenge ein unterversicherter Tanker verursachen könnte.

Allerdings steht in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob die türkischen Behörden sich übervorsichtig verhalten. Unabhängig davon wies das Energieministerium Kasachstans, das selbst in großem Umfang Erdöl und Erdgas exportiert, am Mittwoch darauf hin, dass Staus in diesem Bereich während der Wintersaison ganz normal seien. Die Wartezeit im Bosporus und in den Dardanellen betrage zur Zeit sechs Tage. Im vorigen Jahr habe sie in dieser Jahreszeit bei ungefähr 14 Tagen gelegen.

Trotzdem ist die vermutlich übertriebene Aufmerksamkeit westlicher Medien für diese Vorgänge ein Hinweis auf die historisch gesehen immer wieder problematische Tatsache, dass sich Russland mit seinen Seewegen, von denen zwei im Grunde durch Binnenmeere unter möglicherweise feindlicher Kontrolle führen – das Schwarze Meer und die Ostsee –, in einer geostrategisch schwierigen Lage befindet. Wirklich offen ist nur der Seeweg aus Ostsibirien nach China. (km)

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