3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Donnerstag, 2. Februar 2023, Nr. 28
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 08.12.2022, Seite 16 / Sport
Biathlon

»Was man hat, hat man schon mal«

Der Weltcup der Biathleten geht in die zweite Woche, beim deutschen Team läuft’s
Von Gabriel Kuhn
imago1020035970h.jpg
Nicht ganz rund: Denise Herrmann-Wick (vorne) landet in der Zehn-Kilometer-Verfolgung auf Platz 15 (Kontiolahti, 4.12.2022)

Diesen Donnerstag beginnt das zweite Weltcupwochenende der Biathleten im österreichischen Hochfilzen mit einem Sprint der Damen. Das erste Weltcupwochenende ging am Sonntag im finnischen Kontiolahti zu Ende. Mitbekommen hat es kaum jemand, die Fußball-WM überschattet derzeit alles. Dabei konnte man in Kontiolahti, im Gegensatz zu Katar, mit den Leistungen der deutschen Athleten durchaus zufrieden sein. In der Nationenwertung des Biathlonweltcups liegt das DSV-Team nach dem ersten Wochenende gar vorn. Sensationell, muss man fast schon sagen, nicht nur wegen der starken Konkurrenz aus Norwegen, Schweden und Frankreich, sondern weil mehrere Stützen der letzten Jahre nach Ende der Vorsaison ihren Rücktritt vom aktiven Wettkampfsport erklärt hatten: bei den Herren Erik Lesser (SV Eintracht Frankenhain), bei den Damen Maren Hammerschmidt (SK Winterberg), Franziska Hildebrand und Karolin Horchler (beide WSV Clausthal-Zellerfeld). Zudem musste die stärkste deutsche Biathletin der letzten Jahre, Franziska Preuß (SC Haag), aufgrund einer Erkrankung auf den Start in Kontiolahti verzichten. Auch die langjährige Weltcupläuferin Vanessa Hinz (SC Schliersee) ist nach mehreren Verletzungen in der Vorbereitung noch nicht in einer Form, die Weltcupstarts zulässt.

Dem mannschaftlichen Erfolg tat das keinen Abbruch. Im 15-Kilometer-Wettbewerb der Damen wurde Vanessa Voigt (WSV Rotterode) Vierte, Denise Herrmann-Wick (WSC Erzgebirge Oberwiesenthal) belegte Rang sechs, und Sophia Schneider (SV Oberteisendorf) holte mit Rang elf ihr bis dahin mit Abstand bestes Weltcupergebnis überhaupt. Im Sprint wenige Tage später wurde Schneider gar Achte. Herrmann-Wick belegte wieder Rang sechs, Voigt Rang elf. Stärkste DSV-Athletin war dieses Mal Anna Weidel (WSV Kiefersfelden); mit Platz fünf holte auch sie ihr bisher bestes Weltcupresultat. Nur in der Verfolgung lief es nicht ganz nach Wunsch: Weidel, Herrmann-Wick und Schneider fielen aus den Top ten, Voigt klassierte sich auf Rang acht. In der Staffel landeten Weidel, Schneider, Voigt und Herrmann-Wick hinter Schweden, aber noch vor Norwegen auf Rang zwei.

Ähnlich die Ausbeute bei den Herren: Über 20 Kilometer lief David Zobel (SC Partenkirchen) als Dritter zum zweiten Mal im Weltcup aufs Podest, Roman Rees (SV Schauinsland) wurde Vierter, Justus Strelow (SG Stahl Schmiedeberg), Philipp Nawrath (SK Nesselwang) und Benedikt Doll (SZ Breitnau) plazierten sich ebenfalls unter den Top 20. Im Sprint wurde Rees Dritter und Zobel Neunter, in der Verfolgung fiel Rees auf Rang fünf zurück, Zobel verteidigte Rang neun. In der Staffel wurde Zobel trotz seiner Spitzenleistungen nicht berücksichtigt, Johannes Kühn (WSV Reit im Winkl) startete neben Strelow, Doll und Rees. Auch das Männerteam schaffte es auf Platz zwei, dieses Mal hinter Norwegen und vor Frankreich.

Der Biathlonsportdirektor im DSV, Felix Bitterling, zeigte sich angesichts der Erfolge in Kontiolahti hocherfreut. Gegenüber der dpa erklärte er: »Wir haben viele tolle Resultate gesehen. Vor allem von Athletinnen und Athleten, die in den letzten Jahren noch nicht so durch Topergebnisse auf sich aufmerksam gemacht haben, die den Anschluss an die Weltspitze hergestellt haben. Das macht was mit dem Team, auf sehr positive Art.« Gewohnt kühl die Reaktion von Bundestrainer Mark Kirchner: »Was man hat, das hat man schon mal.«

Über die Gründe für das erfolgreiche Wochenende in Kontiolahti lässt sich im Moment nur spekulieren. Auch ob sie damit zu tun haben, dass man mit dem Slowenen Uros Velepec bei den Herren und dem Norweger Sverre Olsbu Røiseland bei den Damen erstmals zwei Spezialtrainer aus dem Ausland engagiert hat. Sollte sich das als Erfolgsrezept herausstellen, könnte es freilich auch dem Deutschen Fußballbund als Inspiration dienen. Velepec war in jedem Fall zufrieden: »Diese Woche war sehr gut, besser als wir erwartet haben. Wir sind glücklich, aber es ist eine lange Saison. Ich hoffe, dass wir es fortsetzen können.«

Die Siegerinnen bei den Damen hießen während des ersten Weltcupwochenendes Hanna Öberg (Schweden, 15 Kilometer), Lisa Theresa Hauser (Österreich, Sprint) und Julia Simon (Frankreich, Verfolgung). Im Gesamtklassement liegt die Italienerin Lisa Vittozzi (Dritte über 15 Kilometer, Zweite im Sprint) vor Simon und Öberg. Bei den Herren gewann über 20 Kilometer der Schwede Martin Ponsiluoma, im Sprint und in der Verfolgung jeweils der Norweger Johannes Thingnes Bø. Der dreifache Gesamtweltcupsieger steht nun bei 54 Einzelerfolgen. Auch in der diesjährigen Gesamtwertung hat er sich – naturgemäß – schon wieder an die Spitze gesetzt, gefolgt von seinem Landsmann Sturla Holm Lægreid, der sowohl im Sprint als auch in der Verfolgung Zweiter wurde. Roman Rees ist Dritter, David Zobel Fünfter.

Keine Konkurrenz ist in diesem Winter aus Russland und Belarus zu erwarten. Die Internationale Biathlonunion (IBU) beschloss bei ihrem Kongress im September, an dem im März 2022 aufgrund des Ukraine-Krieges verhängten Ausschluss der russischen und belarussischen Teams festzuhalten. Der Ausschluss gilt auf unbestimmte Zeit und kann nur aufgehoben werden, wenn sich die nationalen Biathlonverbände »deutlich vom Krieg in der Ukraine distanzieren« und »sicherstellen, dass keine ihrer Funktionäre oder Athleten im Militär tätig sind oder die Kriegshandlungen aktiv unterstützen«. Im März hatte die IBU erklärt, dass die Verbände Russlands und Belarus’ »die humanitären Verpflichtungen von IBU-Mitgliedsverbänden verletzt und die Internationale Biathlonunion sowie den Biathlonsport überhaupt in Verruf gebracht« hätten.

Im Bayerischen Rundfunk verteidigte der deutsche Biathlet Johannes Kühn die Entscheidung mit einem bemerkenswerten Argument: »Wir machen Biathlon mit scharfer Munition und Waffen. Ich weiß nicht, wie cool das ist, wenn ein russischer Athlet mit einem ukrainischen Athleten auf der Runde unterwegs ist. Das sind alle eigentlich nette Kerle, aber wer weiß, was passiert.« Kühn ist einer von vier Athletensprechern in der IBU. Man darf davon ausgehen, dass diplomatisches Geschick keine Voraussetzung dafür ist, diese Aufgabe wahrzunehmen.

In Hochfilzen bestreiten Damen und Herren je einen Sprint und eine Verfolgung sowie eine Staffel. Danach bewegt sich der Weltcuptross nach Annecy/Le Grand-Bornand in Frankreich. Vom 8. bis 19. Februar steigt der Saisonhöhepunkt mit der WM in Oberhof. Wettkämpfe am legendären Holmenkollen in Oslo runden die Saison Ende März ab. Europa wird man während dieser Weltcupsaison nicht verlassen. Die Athleten aus Nordamerika wird das nicht unbedingt freuen, das Klima schon.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Startseite Probeabo