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Jeder Zweite tut es noch

Von Pierre Deason-Tomory
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Galt mal als Erfinder des drahtlosen Rundfunks: Guglielmo Marconi (1874–1937)

Ganze 99 Jahre nach Einführung des drahtlosen Rundfunks in Deutschland hat der Schriftsteller und Radiokünstler Stephan Krass ein Buch über dessen Geschichte vorgelegt. In »Radiozeiten – Vom Ätherspuk zum Podcast« (Verlag zu Klampen) belässt es Krass nicht bei einer chronologischen Erzählung, sondern ordnet Kultur und Wirkung des Mediums auf eine Weise ein, mit der er sich bei NZZ, Tagesspiegel und den Deutschlandradios wohlwollende Rezensionen eingehandelt hat. Eine Episode erinnert an die »Radiophonische Kantate« von Bertolt Brecht, das Hörspiel »Lindbergh«, in dem 1929 der Hörfunk nach seiner Idee vom »Kommunikationsapparat« interaktiv eingesetzt wird. Die erste Übertragung über den Äther gelang übrigens bereits am 24. März 1896 dem Russen Alexander Popow, was bald in der westlichen Welt vergessen wurde, wo der Italiener Guglielmo Marconi als Erfinder des drahtlosen Rundfunks galt, bis ein US-amerikanisches Gericht 1943 festlegte, dass der eingebürgerte Nikola Tesla als solcher zu gelten habe. Aber das ist alles technisch gedacht; das erste Rundfunkprogramm startete der Ungar Tivadar Puskas de Ditro, Schöpfer des Budapester »Telefon Hirmondo«. Dieser Dienst übertrug schon seit 1893 und bis 1944 über das Telefonnetz Nachrichtensendungen und live aus der Oper. Im oben genannten Buch plädiert Krass sorgenvoll dafür, weiter die Empfänger einzuschalten, obwohl das mehr tun, als man allgemein vermutet: 48 Prozent der Bundesbürger hören nach dem neuen Vielfaltsbericht der Landesmedienanstalten täglich.

Und das können sie in dieser Woche einschalten: »Rache! Oder: Die Auslotung unserer Abgründe«, ein Bayern- 2-Nachtstudio mit einer Kulturgeschichte der dümmsten Todsünde überhaupt (Di., 20.05 Uhr).  »Heinrich Vogeler«, ein Feature über einen kommunistischen Künstler mit tragischer Geschichte, den SWR 2 unscharf als »politischen Aktivisten« ankündigt (BR 2022, Do., 8.30 Uhr). Am Freitag bringt RBB Kultur das Hörspiel  »Ehrenhändel« von Günter Kunert, das von Heinrich Heines Duell-Affäre in Paris handelt (Rundfunk der DDR 1977, Fr., 19 Uhr). Im Feature »Wenn ich schreibe, sage ich alles« wird die Arbeit von Annie Ernaux, Édouard Louis und Didier Eribon, drei – so wörtlich – »Aufsteigern aus dem französischem Arbeitermilieu«, in eben diesen Zusammenhang gesetzt (WDR 2017, Sa., 12.04 Uhr und So., 15.04 Uhr, WDR 3).

Für die musikalische Früherziehung könnte man am Sonnabend nachmittag das liebe Kind am Rundfunkempfänger festkleben. In »Do Re Mikro« werden ihm behutsam mit Chopin, Liszt, Paganini und Tschaikowski »Die Romantik und ihre Virtuosen« eingebläut (Sa., 17.05 Uhr, BR Klassik). Am Abend laden Wladimir Jurowski und sein dort beheimatetes Orchester »Live aus der Berliner Philharmonie« zu Strawinskys »Jeu de Cartes«, Goldmanns Sinfonie Nr. 1, Weills Konzert für Violine und Blasorchester und dessen »Sieben Todsünden« (Sa., 20 Uhr, RBB Kultur). SR 2 überträgt Dvoráks »Rusalka«, aufgenommen am 6. Oktober im Théâtre du Capitole in Toulouse (Sa., 20.04 Uhr).

Peter Handke, der am Nikolaustag 80 wird, lässt in »Untertagblues – Ein Stationendrama« einen Mann in der U-Bahn ausrasten (HR 2005, So., 22 Uhr, HR 2 Kultur). Und am Montag beginnt MDR Kultur in der »Lesezeit« mit dem ersten von zehn Teilen des Romans »Der Krieg mit den Molchen« von Karel Capek. Amüsante tschechische Science-Fiction aus dem Jahr 1936, die die Nazis zum Wüten brachte, weil sie sich in den bösen Molchen selbst erkannten. Zu Recht. Frisch eingelesen von Ilja Richter (MDR 2022, Mo., 9 und 19 Uhr).

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