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Viktimisierung

Von Helmut Höge
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Auf manchen städtischen Plätzen laufen Männer mit einem Bratwurstgrill als Bauchladen herum. Die mitfühlende Frage, ob das nicht schwer werde auf Dauer, beantworten sie: »Mit jeder Wurst wird’s leichter!« Menschen im Rollstuhl sind dagegen entlastet, sie können den Verkaufsstand mit ihrem Gefährt stützen.

Der mobile Grill wurde 1993 vom Leipziger Elektriker Peer Wagner erfunden. Er gewährt »Gebietsschutz« beim Kauf der ambulanten Verkaufseinrichtung, für die man keine Standgenehmigung braucht. Ab da fanden sich unter den Wurstverkäufern auch Rollstuhlfahrer.

2004 berichtete die Süddeutsche Zeitung von einem »Bratwurstkrieg in Leipzig«. Später kam es auch in Berlin zu einem solchen Konflikt. Dort kippte ein Startup für seine mobilen Bratwurstverkäufer den Wagnerschen Gebietsschutz. Dabei warf der Startupper das Argument auf, dass es unter den Verkäufern Rollstuhlfahrer gebe, die gar nicht gehbehindert seien.

Bei meinen täglichen U-Bahnfahrten fällt mir auf, dass fast alle Obdachlosen, die eine Straßenzeitung verkaufen, humpeln. Man könnte vermuten, dass manche von ihnen ohne echtes Fuß- oder Beinleiden humpeln.

Eine Obdachlosenzeitung bot ihren Verkäufern eine Schulung für die Vorrede beim Verkauf in den U-Bahnen an. Die Verkäufer sollen knapp erklären, dass sie obdachlos sind und was der Verkauf der Zeitung für sie bringe. Die meisten berichten jedoch lang und breit.

Die Mildtätigkeit in der Bevölkerung gegenüber Obdachlosen und Rollstuhlfahrern steigert sich in den kalten Wochen vor Weihnachten zu einer derartigen Spendenfreudigkeit, dass die Hilfsstellen sich damit fast das ganze übrige Jahr finanzieren können (und leider auch müssen). Daneben gibt es die geläufigen Stereotypen von falschen Bettlern, vorgetäuschter Blindheit, Romafrauen mit ausgeliehenen Kindern usw.

Man kann all das unter »Viktimisierung« fassen: sich zum Opfer machen oder Opfersein andeuten. »Opfer ist, wer durch eine Straftat oder ein Ereignis unmittelbar oder mittelbar physisch, psychisch, sozial oder materiell geschädigt wurde«, lese ich bei Wikipedia. Und soztheo.de schreibt: »Die ›Entdeckung‹ des Opfers geht auch auf kriminologische Forschungsaktivitäten zurück: Ende der 1960er Jahre fanden im Rahmen großangelegter Studien in den USA (im Zuge der ›President’s crime Commission‹, 1967) Opferbefragungen statt, die Erkenntnisse zu Opfererfahrungen, deren Verteilung, Schäden und Konsequenzen (Kriminalitätsfurcht, Verhaltensanpassung, Risikogruppen) zutage brachten.« In den folgenden Jahrzehnten sei »eine Opferbewegung« entstanden.

»Menschen, die Angst haben, fühlen sich oft auch als Opfer. Das nennt man Selbstviktimisierung«, schreibt der Schweizer Historiker Valentin Groebner (Merkur 11/2022). »Spätestens seit Rousseau, hat ein amerikanischer Historiker etwas spöttisch angemerkt, sei Reden über sich selbst immer auch so etwas wie ein halböffentlicher Wettbewerb in Selbstviktimisierung. Ich habe recht – ich kann nur recht haben, weil ich viel intensiver leide als du.« Groebner kommt sodann auf die zahlreichen Nazi­anhänger zu sprechen, die sich nach dem verlorenen Krieg als »Opfer« fühlten. Ganz »Österreich als Opfer darzustellen war nach Kriegsende die offizielle Position der provisorischen Regierung.« Die Belohnung für die Selbstviktimisierung besteht in einer Art »Opferstolz«. Selbstviktimisierung »ist Egokino im Wortsinn«.

Ich denke, der Autor vergaloppiert sich da, weil er auf Erzählungen beharrt. Ein Rollstuhlfahrer, dem die Füße amputiert wurden, erzählt sich jedoch gewissermaßen selbst, und ein auf der Straße Lebender weist auf einen asozialen Immobilienkonzern hin, der ihm seine Wohnung kündigte, vielleicht auch auf die Ignoranz der mit solchen »Opfern« befassten Behörden und ganz allgemein: auf die Schlechtigkeit der Welt.

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