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Aus: Ausgabe vom 06.12.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Weiße Männer, schwarze Mambas

Der Dokumentarfilm »Black Mambas« beleuchtet koloniale Kontinuitäten im Wildtierschutz Südafrikas
Von Norman Philippen
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Nur mit Smartphone und Funkgerät bewaffnet gegen die Wilderer: Eine »Black Mamba«

Trifft eine Dendroaspis polylepis im Greater Kruger Nationalpark auf feindliche Predatoren, steht der größten Giftschlange Afrikas zur Verteidigung ein konzentriertes Neurotoxin zur Verfügung. Die seit 2013 dort patrouillierenden »Black Mambas« indes sind im Kampf gegen (Nashorn-)Wilderer nur mit Smartphone und Funkgerät bewehrt. Etwa 30 junge Frauen laufen an 21 aufeinander folgenden Tagen im Monat viele Kilometer die Zäune des riesigen Wildreservats ab, kontrollieren diese auf Löcher, entfernen Schlingfallen und zeigen Präsenz im Park. Im »Bush Babies-Project« (sic) sorgen sie in den umliegenden Schulen wöchentlich für frühe Naturerziehung. Wegen ihres erfolgreichen und mutigen Einsatzes erhielt die Antiwildereieinheit 2015 den Champion of Earth Award, 2017 wurde sie mit dem Eco Warrior Silver Award ausgezeichnet.

Wenn die Frauen nach drei Wochen Blockdienst in ihre Heimatdörfer zurückkehren, relativiert sich die Freude über die mühsam erworbenen Meriten rasch. Das Kleinkind fremdelt, der arbeitslose Ehemann fordert Geld für Bier und Zigaretten, die er sich nur ungern selbst besorgt, die Familie fragt sich, wie die zwar ersehnte, doch unbezahlte Fortbildung zur offiziellen Parkaufseherin für weiteren Unterhalt sorgen soll. Den traditionellen patriarchalen Gesellschaftsstrukturen zu trotzen und sich als alleinverdienende Mamba und Mutter in einem gefährlichen vermeintlichen Männerjob zu behaupten, setzt einigen willensstarken Idealismus voraus. Und sicher erzählt der hier dokumentierte Einsatz für Nashorn und Artenvielfalt auch die Geschichte säumiger weiblicher Selbstermächtigung in Südafrika.

Allerdings zeigt Lena Karbes Langfilmdebüt eine durchaus fragwürdige Emanzipation in Camouflage. Dafür sorgt nicht zuletzt und hingebungsvoll der natürlich beziehungsweise selbstverständlich weiße oberste Parkaufseher sowie Gründer und Boss der »Black Mambas«, Craig Spencer. Der durstige Pfeifenraucher und Biernachschubschreier hält nicht viel von Oberbekleidung und bezeichnet den unter seiner Aufsicht stehenden Park als »die letzte Bastion für die alte weiße koloniale Mentalität«. Deren Fortbestehen er vor allem zu dem Zweck beklagt, es gemeinsam mit seinem ebenso ekligen, älteren Kollegen zukunftsfähig zu zementieren. Der mag die Frauen, »weil sie Werte bringen«. Aber auch ihrer Haare wegen: »… and you look very nice with your hair, haha« schmiert er einer Mamba unvermittelt ins selbige, der fährt sogleich der Horror ins Gesicht. Sekunden zuvor hatte Colonel »I got this special touch« Kurt Kolonial (Name ausgedacht) deklariert, dass er keine Soldatinnen ausbilden wolle, die Damen sollen nicht wie Männer sein, aus einem Land Rover werde schließlich auch kein Toyota. Eine Einsicht, die ihn und Spencer nicht davon abhält, die ihnen unterstellte Truppe nach allen Regeln der Militärkunst zu drillen. Blankbrüstig und kurzhosig bläst Spencer allmorgendlich zu Appell und Parade, predigt nebenbei die Bedeutung der Bibellektüre und erinnert nicht nur an den vierten Todestag seines geliebten Jagdhundes, sondern die in diesen Dingen so vergesslichen Südafrikanerinnen auch daran, stets gute Menschen zu sein.

Die geben sich alle Mühe, wenn es auch mit dem Werteteilen nicht an jedem Werktag gleich gut hinhauen will. »Ich sehe keinen Wert in dem, was ich hier mache«, bekennt eine der Mambas und formuliert einen frommen Wunsch: »Sie sollten sich für uns wie für die Tiere interessieren.« Dabei tun sie das leider bereits, und dieses tatsächliche Problem zeigt die Dokumentation deutlich auf. Für ein künftiges kollegiales Miteinander auf wenigstens ansatzweise Augenhöhe konnte die Kamera während der zweijährigen Dreharbeiten auch drei Jahrzehnte nach dem offiziellen Ende der Apartheid in Südafrika offenbar keine Indizien finden.

Immerhin, so wie der honorige Hunde­halter stets Leckerlis für artiges Parieren in der Tasche hat, kramt denn auch Spencer am Ende noch eine Überraschung aus den kurzen Hosen. Zwei Mambas dürfen die Ausbildung zur ordentlichen Parkrangerin antreten. Mag die auch unentgeltlich ablaufen, könnte mit viel Gottvertrauen für die beiden doch noch etwas verdienter Lohn und Status dabei herumkommen, der auch für weiße Südafrikaner sichtbar ist. Mit etwas Glück schärft Lena Karbe in der Sache weiter den weißen Blick.

»Black Mambas«, Regie: Lena Karbe, BRD/Frankreich 2022, 81 Min., bereits angelaufen

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