3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Freitag, 3. Februar 2023, Nr. 29
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 03.12.2022, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Bildreportage

Gegen die Konzernmacht

Arbeitskampf USA: Welle von Gewerkschaftsgründungen bei Starbucks. Unternehmen reagiert mit Repression, Fotos: Johannes Hör
Von Matthias Weigand
1.jpg
Security-Personal abgelehnt: Eine Starbucks-Filiale in Phoenix ist nach einem Überfall nur noch für Autos geöffnet

Was noch vor einem Jahr unmöglich schien, ist nun kaum aufzuhalten: In den USA verbreiten sich Gewerkschaften in rasantem Tempo – also ausgerechnet dort, wo Entlassungen unter dem Begriff »hire and fire« zur Normalität gehören und CEOs in den Weltraum fliegen. Besonders umtriebig sind Angestellte des Kaffeegiganten Starbucks, mit fast 400.000 Angestellten der größte Kaffeehauskonzern der Welt. 15.000 Läden werden allein in den USA betrieben, davon gehört über die Hälfte dem Konzern selbst.

»Hätte ich gewusst, dass es Gewerkschaften gibt, wäre ich an meinem dritten Arbeitstag, ach was, am ersten, beigetreten.« Laila sitzt am Rand des Demonstrationszugs am New Yorker Times Square und ist sichtlich erschöpft. Zwei Flüge hat die 19jährige hinter sich, um an diesem Labor Day, dem 5. September, hier zu sein. Lailas Hände werden unruhig, wenn sie über ihre Arbeitsbedingungen spricht: »Als ich mit 17 bei Starbucks anfing, wurde gegen alle Regeln der Beschäftigung von Minderjährigen verstoßen. An manchen Tagen waren es zwei Schichten

2.jpg
Tyler aus Longbeach, Kalifornien: »Was bringt es, vom Regen in die Traufe zu wechseln? Man muss etwas verändern.«
hintereinander, neben der Schularbeit; ich blieb dabei, weil ich nicht verschuldet studieren wollte.« Als dann auch noch ein Krankenhausaufenthalt die Finanzierung des Studiums in Frage stellte, wendete sich Laila an einen älteren Kollegen: »Ich war wirklich verzweifelt und sagte
3.jpg
Streik lohnt sich: Die längste Arbeitsniederlegung in der Starbucks-Geschichte führte zur Bildung einer Gewerkschaft
Bill, dass ich hinschmeißen würde. Da fragte er mich, ob ich statt dessen versuchen wolle, eine Gewerkschaft zu gründen. So haben wir angefangen, mit unseren Kollegen zu sprechen.« Nach nur zwei Tagen, am 22. Januar 2022, hatten zwölf der 19 Angestellten der Filiale im Norden von Phoenix ihr Interesse bekundet; somit war die dritte Starbucks-Filiale im Bundesstaat Arizona auf dem Weg der Gewerkschaftsgründung.

Mit den Gesprächen setzten die Repressionsmaßnahmen ein: Am folgenden Montag wurde Laila zum ersten Mal in über zwei Jahren Beschäftigung schriftlich verwarnt; über Monate hinweg wechselten sich Gespräche mit Vorgesetzten und Verwarnungen ab; Laila begann, Teile der Gespräche als Beweismaterial mitzuschneiden. Kurz vor der offiziellen Abstimmung

4.jpg
Schicke Kaffeemaschinen lenken die Aufmerksamkeit auf sich, während im Hintergrund Kameras die Mitarbeiter filmen und ein Monitor Druck auf die Beschäftigten ausübt, schneller zu arbeiten
zur Gewerkschaftsgründung erfolgte dann die Entlassung. Nun bemüht sich die Teenagerin, ihr
5.jpg
Aktivistin des New Yorker Vereins »Arbeiterversammlung gegen Rassismus« beim Protest der Starbucks-Beschäftigten
Studium abzuschließen, spricht bei Veranstaltungen von »Starbucks Workers United« und hat eine Organisation gegründet, die Restaurantbeschäftigte vertritt.

Seit am 9. Dezember 2021 ein Café in Buffalo, New York, der Gewerkschaftsbildung zustimmte, geht eine Welle durchs Land: Knapp 400 weitere Läden haben für die Gründung einer Gewerkschaft gestimmt. Jede Filiale wird einzeln über ihren Tarifvertrag verhandeln. Das waren die Bedingungen, die mit Starbucks festgelegt wurden. Noch steht keine Filiale in

6.jpg
Als Minderjährige von Starbucks ausgebeutet: Die wegen der Gründung einer Gewerkschaft gekündigte Laila ist nun als Aktivistin unterwegs
Verhandlungen; der Vorwurf der Verzögerung steht im Raum. Die junge Bewegung der »Starbucks Workers United« ist lose an eine größere Gewerkschaft, »Workers United«,
7.jpg
Aufruf zum Generalstreik bei Starbucks: Abschlusskundgebung auf dem Times Square in New York
angebunden, die wiederum zum Dachverband der »Service Em­ployees International Union« gehört. Dem gegenüber stehen die Starbucks-Infrastruktur um die Anwälte von Littler Mendelson, eine auf Gewerkschaftsbekämpfung spezialisierte Kanzlei. Sie beraten Filialleiter, fechten Abstimmungsergebnisse und Entlassungsklagen an und verzögern Abstimmungen und Verhandlungen. Howard Schulz, der langjährige CEO von Starbucks, hat in öffentlichen Reden
und Interviews mehrfach betont, eine Gewerkschaft nicht als Teil von Starbucks akzeptieren zu können.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Ungleicher Kampf gegen den Versandhandelsgiganten. Proteste für ...
    03.11.2022

    Im Kampf mit dem Imperium

    Klassenkrieg von oben, Antworten von unten. Zur Wirtschafts- und Gewerkschaftspolitik in den USA
  • Vorbild für bevorstehende Auseinandersetzungen. Beim Streik der ...
    30.05.2022

    Auf der Suche

    Gewerkschaftliche Handlungsperspektiven erweitern. Vielversprechende Ansätze aus den USA
  • »Workers United«: Solidaritätskundgebung für entlassene Starbuck...
    06.05.2022

    Miese Methoden

    USA: Kaffeehauskette Starbucks plant Lohnerhöhung nur für nichtorganisierte Beschäftigte. Gewerkschaft erhebt Klage gegen Konzern

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage

Startseite Probeabo