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Aus: Ausgabe vom 03.12.2022, Seite 10 / Feuilleton
Comic

Eine Nacht auf Kokain

Die »Vernon Subutex«-Romane als Comic von Luz
Von Christina Mohr
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Niemand ist schön hier: Vernon Subutex im Park

Am 7. Januar 2015 dringen zwei islamistische Terroristen in die Redaktion des Pariser Satire­magazins Charlie Hebdo ein und erschießen zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Am selben Tag erscheinen auch zwei mit großer Spannung erwartete französische Romane: Michel ­Houlle­becqs »Unterwerfung« und »Vernon Subutex« von Virginie Despentes. Beide Bücher drehen sich um politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Frankreich, um die Inhalte möglichst neutral zusammenzufassen.

Während sich Houllebecq in alarmistisch-apokalyptischer und deutlich rechtspopulistischer Weise am Islamismus abarbeitet, erzählt Despentes die Geschichte oder besser den sozialen Absturz des Schallplattenverkäufers Vernon Subutex. Die Autorin, Regisseurin und Musikerin webt in Vernons Biographie so viele Neben- und zusätzliche Hauptfiguren ein, dass sich ein, wie sagt man so schön, lebendiges Panoptikum des heutigen Frankreich ergibt. Mit einem maximal passiven Protagonisten: Wie zufällig stolpert Subutex von einer Episode in die nächste und scheint auch seinem eigenen Verfall zunächst allenfalls staunend zuzusehen. Doch in seinen Händen, seinem nerdigen Musikverständnis liegt eine große Macht, die sich allerdings erst in den Bänden II und III von Despentes’ »Subutex«-Trilogie zeigen wird. Despentes’ sezierend klarer, mit schmutzigen Details und Tabu­brüchen angereicherter Stil lässt die Bilder zur Geschichte schon beim Lesen im Kopf mitlaufen. Eine Verarbeitung des »Subutex«-Stoffes – der schon auf Theaterbühnen und als TV-Serie mehrfach verwertet wurde – als Graphic Novel ist also naheliegend.

Aber auch ein heikles Unterfangen. Deshalb suchte Virginie Despentes den Zeichner für ihre Figur selbst aus: Karikaturist Rénald Luzier alias Luz, der dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo entging, weil er – nach seiner Geburtstagsparty am 6. Januar – verschlafen hatte und zu spät zur Arbeit kam. Ein erschütternder, lebensrettender Zufall, der auch Vernon Subutex widerfahren sein könnte. Direkt nach dem Attentat zeichnete Luz das berühmte Plakat »Tout est par­donné – Je suis Charlie«, das mit dem abgebildeten weinenden, turbantragenden Mann, dessen Religionszugehörigkeit man beinah automatisch im Islam verortet, auch als Provokation verstanden werden konnte. In dem 2019 erschienenen Buch »Indélébiles« (deutsch etwa »Die Unauslöschlichen«) beschreibt Luz seine 25 Jahre in der Charlie-Hebdo-Redaktion, die er im Mai 2015 aus nachvollziehbaren »persönlichen Gründen« verließ.

Die Arbeit am Comic »Vernon ­Subutex«, dessen erster von zwei Bänden inzwischen auf deutsch erschienen ist, sei eine mehr als willkommene Abwechslung gewesen, so Luz in einem Interview. Sogar eine Hilfe zur Verarbeitung der Morde an seinen Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen, denn er bewundere die Fähigkeit des Antihelden Subutex, sich auch in den schwierigsten Momenten immerhin noch der Musik hingeben zu können. Subutex wird von der Musik gerettet, Luz rettet sich durchs Zeichnen: Seine Visualisierung des einstmals coolen Kapitalismusverlierers Vernon Subutex ist angemessen krass und gleichzeitig von melancholischer Zärtlichkeit. Niemand ist »schön« auf diesen Zeichnungen – wie auch niemand wirklich sympathisch ist in Despentes’ Roman. Subutex ist mit Rock-’n’-Roll-Haartolle und übergroßen Ohren ausgestattet, die mächtige, strippenziehende »Hyäne« trägt Schnittlauchhaar und grobe Tattoos zur Schau. Ein gesichtsloser, rauchender Erzähler erscheint auf großflächigem Schwarz.

Die mehr als 300 Seiten scheinen stellenweise förmlich zu explodieren, überzulaufen vor Text und Menschen, vor Slogans, Song- und Filmzitaten. Kleinteilig-nervöse Bilderfolgen wechseln sich mit phantastischen, traumartigen Großkompositionen ab, ein Buch wie eine Nacht auf Kokain. Oder eine ganze Woche, denn man braucht Zeit für diese Wort- und Bilderstürme, die sich nicht einfach wegschmökern lassen. Subutex’ fremdbestimmter Alltag ist komplex, die Geschichten der Personen, in deren Leben er tritt bzw. die er durchschläft, -vögelt oder deren Hunde er ausführt, wollen, nein, müssen auch erzählt werden. Weil Subutex alleine keinen Sinn ergibt. Subutex ergibt sich aus den Leuten um ihn herum, vor allem durch einen Toten: Subutex ist im Besitz des letzten Interviews des verstorbenen Superstars Alex Bleach, der sich zuletzt der Popmaschinerie verweigerte und an »binauralen Beats« arbeitete. Deshalb sucht alle Welt nach Subutex, was er nicht weiß, weil er keinen Computer mehr hat. Luz und Despentes gelingt es, die überfordernde, so banale wie substantielle Gleichzeitigkeit absurder Geschehnisse in Bilder und Worte zu fassen. Subutex zieht derweil weiter und schlägt sein Lager im Park auf. Fortsetzung folgt.

Luz: Vernon Subutex 1. Nach dem Roman von Virginie Despentes. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz und Lilian Pitha. Reprodukt-Verlag, Berlin 2022, 300 Seiten, 39 Euro

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