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Aus: Ausgabe vom 02.12.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kunstgeschichte

Forum des Wissens

Die Onlinedatenbank »Digital Benin« führt Informationen über die weltweit verstreuten Benin-Bronzen zusammen
Von Fabian Lehmann
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Die digitale Plattform führt geraubte Benin-Kunstschätze zusammen

Es waren reichlich Zahlen, mit denen am 9. November im Berliner Magnus-Haus um sich geworfen wurde. Historiker, Museumsfachleute und Softwareentwickler stellten die neue Onlinedatenbank digitalbenin.org vor. Darin zu finden: 5.246 digital erfasste Objekte aus 131 Museen in 20 Ländern. Anschauen lassen sich diese Objekte nunmehr auf rund 12.000 Abbildungen, darunter auch dreidimensionale Aufnahmen. Was in Zahlen einigermaßen trocken klingt, ist tatsächlich von kunsthistorischer und politischer Bedeutung. Denn mit »Digital Benin« sind erstmals die bis 1897 entstandenen Objekte der Hofkunst des Königreichs Benin auf einer zentralen Plattform versammelt und frei zugänglich.

Nachdem 1897 britische Kolonialtruppen den königlichen Hof von Benin überfallen und ausgeplündert hatten, waren die als »Benin-Bronzen« bekannten Werke nach Kontinentaleuropa, Großbritannien und Nordamerika gelangt. Der Hamburger Hafen nahm dabei eine zentrale Position ein. Heute befinden sich bronzene Reliefplatten und Skulpturen, Kämme aus Elfenbein, repräsentative Dolche oder reich verzierte Holztruhen – um nur wenige Beispiele für die Vielfalt der Objekte zu nennen – zum Großteil in Museumsdepots und privaten Sammlungen. Bloß ein kleiner Teil davon ist in Ausstellungen zu sehen. Der größte Teil ist der Öffentlichkeit entzogen. Vor allem aber dem Zugang der Menschen der Herkunftsregion, dem heutigen Bundesstaat Edo im Süden Nigerias.

Alles zusammen

Osaisonor Godfrey Ekhator-Obogie ist Historiker in Nigeria und forscht zur Benin-Hofkunst. Jede der bronzenen Reliefplatten sei »eine Seite der Geschichte Benins«. Die Platten zeigen historische Figuren und Ereignisse, sie stützen so das kulturelle Gedächtnis. 900 dieser Platten – in Edo als »Ama« bezeichnet – können nun erstmals eingehend betrachtet und miteinander verglichen werden. Benin City nennt Ekhator-Obogie ein »lebendiges Museum«. Noch immer werden dort solche Kunstgegenstände hergestellt, wenn auch heute vor allem für kommerzielle Auftraggeber. So leben das Wissen und das handwerkliche Können dennoch fort. »Lasst die Edo-Bevölkerung ihre Geschichten erzählen«, beschreibt der Historiker deshalb seinen Forschungsansatz. Auf der Pressekonferenz muss Ekhator-Obogie seine Rede unterbrechen, er ringt um Fassung. Für ihn sei die Datenbank ein entscheidendes Instrument, um Wissen zugänglich zu machen und weitere Forschung zu ermöglichen.

Zwei Jahre Arbeit eines internationalen Teams stecken in »Digital Benin«, das als Metadatenbank die in den in den einzelnen Museen bereits vorhandenen Einträge zentral zusammenführt und die Datensätze miteinander verknüpft. 1,5 Millionen Euro sind für die Entwicklung und Umsetzung von der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung bereitgestellt worden. Neben dem Objektkatalog umfasst die Datenbank Interviews mit heutigen Künstlern und Experten in Nigeria. Durch diese Oral-History-Beiträge wird auch das Wissen zur Verwendung der Objekte in rituellen Praktiken dokumentiert. Über die historischen Produzenten ist hingegen wenig bekannt. Manche Werke lassen sich der Hand eines Künstlers oder einer Werkstatt zuordnen, die Namen der Schöpfer sind jedoch nicht überliefert.

Vorsichtige Sammler

Bislang war nicht bekannt, wie viele Bronzen genau aus dem Königreich Benin geraubt wurden. Erst mit der Arbeit an der Datenbank wurde klar, dass es mit über 5.000 deutlich mehr als bislang vermutet sind. In der Datenbank ist ein eigener Bereich dem Thema Provenienz gewidmet, es sind frühere Besitzer auflistet. Dabei werden 1.424 Objekte unmittelbar der britischen Militärkampagne von 1897 zugeordnet. »Das heißt aber nicht, dass nur diese dem Raub entstammen«, so die Kunsthistorikerin Felicity Bodenstein. Die Zahl bilde lediglich die Herkunftsangaben ab, wie sie von den Museen erfasst worden seien. So beruht etwa die Sammlung des Londoner Händlers William Downing Webster zum Teil auf direktem Kontakt mit Militärs, die am Überfall auf den Hof in Benin teilgenommen hatten. Mehr als 900 Werke in britischen, deutschen und US-amerikanischen Museen werden allein der Sammlung Downing Websters zugeschrieben.

Laut Barbara Plankensteiner seien mit der Datenbank nun 99 Prozent der verstreuten Benin-Objekte erfasst. Plankensteiner leitet das Hamburger Museum am Rothenbaum, ist Sprecherin der 2010 gegründeten »Benin Dialogue Group« und ausgewiesene Expertin für die Hofkunst Benins. Nicht erschlossen hingegen seien private Sammlungen. Die Debatte um die Rückgabe der Kunstgegenstände habe die Sammler vorsichtig werden lassen, deutet Plankensteiner an. Dabei macht sie deutlich, dass die Onlineplattform ein Forum für das Wissen und kein Instrument der Restitution sei.

Im kommenden Jahr wird weiteres Material in die Datenbank eingehen. Danach soll die Verantwortung über »Digital Benin« einer nigerianischen Institution übertragen werden.

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