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Aus: Ausgabe vom 01.12.2022, Seite 16 / Sport
Fußball-WM

Eine Nacht bei Baslers

Laptop und Eule. Die Gruppe E im Prophetendiskurs
Von Felix Bartels
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Das berühmte Lächeln

Donnerstag, 20 Uhr, Costa Rica – Deutschland

Donnerstag, 20 Uhr, Japan – Spanien

Vorbei an blickdicht gesteckten Koniferen schritt ich auf das Landhaus im Norden Osnabrücks hinzu. Ein aschfahler Schein fiel von der breiten Fensterfront in den Vorgarten. Klingeln, maßvolle Schritte, die Tür. Ich schaue in das Gesicht einer Legende.

»Sie werden entschuldigen, dass ich Sie im Cardigan empfange, aber ein Diner ist schließlich kein Bankett«, sagt Mario Basler mit jenem sanften Lächeln, für das er berühmt ist. Ein Duft von Rotwein liegt in der Luft, während mein Blick durch den Salon gleitet. Hinter einem mit weinrotem Tuch bespannten Snookertisch hängt ein Neo-Rauch-Gemälde, eingelassen in eine opulente Bücherwand. Zwischen einer Erstausgabe der King-James-Bibel und sieben Bänden Prousts »Verlorener Zeit« entdecke ich Jonathan Wilsons »Inver­ting the Pyramid«. Was er von der Taktikwelle der letzten Jahre halte, will ich wissen.

Er reicht mir ein Glas und holt tief Luft. »Wenn ein Genie auf dem Platz steht, ein Basler vielleicht, spielen Formationen keine Rolle. Ich erinnere mich keiner Partie, die verlorenging, wenn ich das nicht wollte.« Ich kichere, damit er es nicht muss. »Aber schauen Sie, der sogenannte Laptoptrainer ist zu Unrecht in Verruf. Uli Hoeneß etwa gilt als Architekt des bayrischen Erfolgs. Dabei war er vor allem ein guter Geschäftsmann. Er hat eine Grundlage geschaffen, aber auf diesem Grund nichts Bleibendes gebaut. Das Geld hat gereicht, die nationale Konkurrenz zu schwächen, und dieser Vorteil konnte wieder zu Geld gemacht werden. Nehmen Sie meinen Fall. Es ging nie darum, ob ich zu den Bayern passe, man hat mich geholt, weil ich bei den Bremern nicht ersetzbar war.«

»Also fehlte ihm eine Idee.« – »Von einem Spielsystem geht erst zu reden, wenn eine Spielidee zugrunde liegt. Und die muss dann bis ins einzelne Glied des Ganzen ausgeführt sein. Tausend Backsteine machen noch keine Schule, verstehen Sie?« – »Emergenz!« – »Sie sagen es. Der Laptoptrainer ist ein Schibboleth, an dem die Anhänger der Blut-und-Schweiß-Fraktion sich erkennen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Fußball soll eine Sache der einfachen Leute bleiben, aber der Sport hat seine Geheimnisse, und es gibt keine Sache, die sich nicht verändert, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigt.«

Ich frage ihn, ob er die WM verfolge. »Wollen Sie eine ehrliche Antwort?« – »Eigentlich nicht.« – »Ich gebe sie Ihnen trotzdem: Ich gucke nie Fußball. Partien, in denen ich nicht mitspiele, interessieren mich nicht. Und die anderen kenne ich schon. Schließlich gehe ich auch nicht zweimal in denselben Film.«

Ob er gern nach Katar gefahren wäre. »Als Trainer vielleicht.« Nachdenklich streicht er sich den Oberlippenbart. Im Vorgarten ruft eine Eule. »Schauen Sie, der DFB kann immer nur von einem Extrem ins andere fallen. Auf die Völlers und Ribbecks mussten die Löws und Flicks folgen. Vermittlung täte not. Ein echter Laptoptrainer braucht keinen Laptop.«

Sein Blick wandert in den Vorgarten. Im Schein des Kamins sieht er aus wie der junge David Bowie. »Sie kennen ja die Stelle aus dem ›Lear‹«, sagt er, ohne mich anzublicken. »Dulden muss der Mensch, sein Scheiden aus der Welt wie seine Ankunft: Reif sein ist alles.«

Die Sonne war schon aufgegangen, als ich meinen Hut nahm. Mein Gastgeber ließ den Nachtschlaf aus und ging gleich zum Frühsport. Die Welt, sie ist nicht heil, dachte ich auf dem Heimweg, aber sie wäre ein Stück besser, wenn wir alle etwas mehr wären wie Mario Basler.

Costa Rica – Deutschland 11:0

Japan – Spanien 1:4

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