3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Dienstag, 31. Januar 2023, Nr. 26
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 01.12.2022, Seite 16 / Sport
Fußball-WM

Auf die Saugnäpfe

Die Scheiben des Tintenfisches. Die Gruppe F im Prophetendiskurs
Von Jürgen Roth
16.JPG
BU

Donnerstag, 16 Uhr, Kroatien – Belgien

Donnerstag, 16 Uhr, Kanada – Marokko

Kovalskazinski Jean-Marie war kurz darauf gekommen, in »elegantem Aufzug«. Zusammen mit Kabrowinski machte er sich daran, die »glitschigen« Tintenfische im Spülbecken zu häuten und zu zerlegen (ein mühsamer Vorgang, und beide liefen Gefahr, ihre feine Kleidung zu beschmutzen).

Er saß »am anderen Ende der Küche« und stellte sich den Empfang in der Botschaft »in seiner absoluten Unabänderlichkeit« vor.

Es würde eine gediegene Veranstaltung sein. Er würde »von Salon zu Salon schlendern«, er ginge zu einem Fenster und blickte hinaus. »Würde es regnen?« fragte er sich in der Küche.

Der Botschafter würde eine Rede halten und seinem Land eine »ausgezeichnete Verfassung« bescheinigen. Er würde Selbstbewusstsein demonstrieren und ankündigen, »im weiteren Verlauf der Zusammenkunft« mit den Anwesenden »eine Vielzahl von Klärungen« zu erreichen. Aus ebendiesen würden sich »qualitativ neue Anforderungen« ergeben, die da hießen: »Realismus in den Zielsetzungen, Bündelung aller Kapazitäten, konsequentes Handeln«.

Er (der siebenundzwanzigjährige und in Kürze neunundzwanzigjährige Ich-Erzähler) würde lächeln, eine Hand in die Hosentasche stecken, seinen Schal an der Garderobe abholen und aufbrechen.

Er würde Edmondsson hernach darlegen, wie er gegenüber einer Reihe von Diplomaten über Abrüstung gesprochen habe und wie der österreichische Botschafter Eigenschaften (­Musil!) »äußerst beeindruckt« von seinen Ausführungen gewesen sei.

Er stand auf und gewahrte, dass Kabrowinski (erkältet) mit einem Messer auf die Saugnäpfe einstach.

Das Telefon klingelte, er eilte zu seinem Schreibtisch (offenbar falsch verbunden). Er schaute zum Fenster hinaus. »Es regnete. Die Straße war nass, die Bürgersteige glänzten. Autos parkten ein.«

Vor dem Postamt war ein reges Treiben. Passanten warfen Briefe ein. Der Regen verwandelte das Draußen in ein »Aquarium«. »Hatten sie«, die Passanten, »vielleicht Angst?« überlegte er.

Er setzte sich auf sein Bett und dachte, »dass die Leute den Regen nicht fürchteten; manche, die gerade vom Friseur kämen, würden sich vor ihm hüten, aber niemand hätte wirklich Angst, dass der Regen nie wieder aufhört«.

Ihn hingegen ergriff »angesichts all der Bewegungen (…), dem Regen, dem Hin und Her der Menschen und Autos« eine zunehmende Beklemmung.

Er ging zur Küche und blieb im Türrahmen stehen. Er sah den Tisch, den Schrank, das Fenster, das Spülbecken, den Herd und erkannte nichts mehr wieder. Der Ort war ihm zu einem völlig fremden Ort geworden. Und: »Wer waren diese Männer?«

Die Polen unterhielten sich und nahmen ihn nicht wahr. Die tierische Masse war mittlerweile in einem neuen Zustand. »Die Tentakel (…) krochen längs des Spülbeckens entlang«, und Kabrowinski, nun aufblickend, sagte, er verstehe jetzt sein Handwerk, er brauche »nur noch eine Viertel­stunde«.

»Debatten wurden eröffnet, würde der Botschafter sagen, Vorschläge eingebracht, Schlussfolgerungen gezogen und neue Programme ins Leben gerufen. Diese Projekte, die im Sinne einer Vereinheitlichung der Konzepte ausgearbeitet wurden, zielen an Hand einer präzisen Definition der vorgängigen Studien auf nachhaltigere Umsetzung der während der letzten Sitzung getroffenen Verfügungen.« Und so fort.

»Haben Sie eine Salatschüssel? fragte Kabrowinski. Wie bitte? Eine Salatschüssel, wiederholte er und zeichnete so etwas wie eine Salatschüssel in die Luft.«

Kabrowinski schob schließlich die Scheiben des ersten Tintenfisches über eine Kante in einen Behälter. Er spießte einen zweiten Tintenfisch auf, und ihm (dem … siehe oben) war klar (das war ihm schon länger klar gewesen), dass er »die Küche verlassen würde«.

Kroatien – Belgien 1:1

Kanada – Marokko 2:3

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Mehr aus: Sport

Startseite Probeabo