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Aus: Ausgabe vom 30.11.2022, Seite 16 / Sport
Fußball-WM

Ein Tag für den Taschenrechner

Argentinien ist Kummer gewöhnt, Helmut Schön spielt auch mit. Die Gruppe C im Prophetendiskurs
Von André Dahlmeyer
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Da kommt er nicht ran: Argentiniens Emiliano Martínez kassiert den zweiten Treffer gegen Saudi-Arabien (22.11.2022)

Mittwoch, 20 Uhr, Polen – Argentinien

Mittwoch, 20 Uhr, Saudi-Arabien – Mexiko

Es ist eine Binsenweisheit, aber das wichtigste Spiel einer Fußball-WM ist immer das erste. Das darf man auf keinen Fall in den Sand setzen, sonst ist Stress programmiert. Der Iran hat mit der frühen und schweren Verletzung seines Torhünen Alireza Beiranvand (Persepolis Teheran), der in einer Nomadenfamilie vom Volk der Lak aufgewachsen ist und 2019 zum Fußballer des Jahres im Iran gewählt wurde, gleich den Worst Case, der den Kickern des Portugiesen Carlos Queiroz so derbe aufs Gemüt schlug, dass die Truppe für den von Kalklinienzampano Gareth Southgate dirigierten Gottesfeind zur liederlichen Schießbude verkam. So hatten die Ajatollahs nicht gewettet!

Indes hatten Tunesien und Marokko die Chose kapiert, Japan und Saudi-Arabien mandelten sich gar zu WM-Strebern auf. Die Deutschen machten nahtlos da weiter, wo sie in der Kasan-Arena von Tatarstan vor viereinhalb Jahren aufgehört worden waren. Sieht so aus, als wenn sie den Spaniern zutrauten, gegen Nippon nicht zu verlieren. Der Glaube gehört zwar in die Kirche, in diesem Fall scheint er jedoch angebracht, wenn nicht unverzichtbar. Es sei denn, Hansis Mannen haben gegen die Japaner die Herberger-Nummer abgezogen, um im Viertelfinale Brasilien zu vermeiden. Helmut Schön vermied so 1974 neben Brasilien auch die Niederlande von Cruyff und Neeskens. Nun gut, nicht alle sehen das so.

Argentinien ist Fehlstarts gewöhnt. Bei der Spanien-WM 1982 verloren die Gauchos als Titelverteidiger gleich das Eröffnungsspiel im Camp Nou von Barça vor 95.000 Zuschauern gegen Vizeeuropameister Belgien mit 0:1. Der einzige Treffer gelang Erwin Vandenbergh. Einen Tag darauf kapitulierte die argentinische Militärdiktatur in der Guerra de las Malvinas im Südatlantik gegen die britischen Truppen von Margaret Thatcher. Fast alle WM-Kicker der Gauchos hatten Verwandte im Krieg. Da war die Niederlage gegen die Belgier gewissermaßen das zwingende Drehbuch. Die Engländer dagegen ließen sich von der Kriegseuphorie tragen. Sie gewannen alle Gruppenspiele – bei nur einem Gegentreffer. Der gelang dem besten Frankreich aller Zeiten (Traummittelfeld: Alain Giresse, Jean Tigana und Michel Platini) im Auftaktmatch im San Mamés von Bilbao. In der zweiten Finalrunde kassierten die Three Lions, die eigentlich Leoparden sind, gar keinen Treffer mehr – schossen aber auch keinen und durften mal wieder Abflug machen. Es war eines von so vielen Missverständnissen zwischen englischem Balltreten und internationalen Bühnen.

Beim Campeonato mondiale di calcio, kurz: Italia novanta, bestritten die Silberländer im Stadio Giuseppe ­Meazza wieder das WM-Eröffnungsspiel als erneuter Titelverteidiger. Es war nicht direkt eine Erfolgsstory. Gegner war Kamerun, und trotz zweier roter Fleppen für die unbezähmbaren Löwen gelang François Omam-Biyik der einzige Treffer des Spiels – und für die Falschen. Kamerun scheiterte erst im Viertelfinale (nach Verlängerung) gegen England, Argentinien im Finale an Andreas Brehme, den schauspielerischen Einlagen eines Bäckersohnes sowie einem Heini mit dem unaussprechlichen Namen Edgardo Enrique Codesal Méndez (ein für Mexiko pfeifender Uruguayo). Auch der argentinische Fehlstart im Moskowiter Spartak-Stadion gegen Island (1:1) ist noch bestens in Erinnerung.

Doch so, wie die Dinge liegen, gewinnen Dibu Martínez y Cía die Gruppe C. Platz zwo wird zwischen Mexiko und Polen mittels der Fairplaywertung (Fleppen) ermittelt werden. Ein Tag für den Taschenrechner!

Polen – Argentinien 0:2

Saudi-Arabien – Mexiko 0:2

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