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Aus: Ausgabe vom 30.11.2022, Seite 15 / Antifa
Hanau war kein Einzelfall

Erinnern und kämpfen

Migrantische Perspektiven auf rechten Terror Schwerpunktthema im neuen Heft der Lotta
Von Sandra Schönlebe
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Serpil Unvar stellt die Bildungsinitiative 19. Februar vor (Hanau, 15.2.2021)

Erst in der vergangenen Woche titelte die »Initiative 19. Februar Hanau«, die sich mit der Aufarbeitung des rassistischen Attentates in der hessischen Stadt im Jahr 2020 befasst, auf Instagram: »Neue Bedrohungen durch den Vater des Attentäters«. Hans-Gerd R. hatte es bereits im Oktober in die bundesweite Presse geschafft, weil er die Mutter des getöteten Ferhat Unvar bedroht hatte.

Die Herbstausgabe 2022 des antifaschistischen Magazins Lotta ist nun passenderweise mit dem Schwerpunktthema »Reclaim and Remember« erschienen. Das 62 Seiten starke Heft befasst sich mit migrantischen und jüdischen Perspektiven in der Auseinandersetzung und Aufklärung rechten Terrors. Die »Bildungsinitiative Ferhat Unvar«, gegründet von Serpil Unvar, der Mutter des in Hanau ermordeten Ferhat, wird auch in der Publikation vorgestellt. Sie bietet vor allem jungen Menschen einen Raum, um Erfahrungen mit Alltagsrassismus auszutauschen, und führt Workshops in Bildungseinrichtungen durch. Angeboten wird auch ein Workshop zu den Ereignissen vom 19. Februar 2020. Wichtig sind den Teamenden hierbei explizit die Perspektive der Betroffenen und die Erinnerung an die Ermordeten, allerdings auch die Richtigstellung von falschen Fakten durch Politik und Presse.

Dass Hanau kein Einzelfall war, führen ein Artikel über den rechtsterroristischen Anschlag im Münchner Olympiaeinkaufszentrum 2016, der laut der Initiative »München erinnern!« oft entpolitisiert wird, sowie das Interview mit der »Soligruppe 9. Oktober« aus Halle vor Augen. Ismet Tekin, der den Anschlag 2019 in Halle überlebte, und Rachel Spicker, die die Überlebenden unterstützt, sprechen über das Erinnern, Forderungen und die Folgen des Tages,. Dass den Betroffenen von mehreren Stellen Steine in den Weg gelegt werden, wird in Aussagen deutlich wie: »Reicht es nicht, was wir erlebt haben? Warum wird es uns auch noch so schwer gemacht?«

Ein längerer Beitrag von Massimo Perinelli, Historiker und Aktivist, skizziert anhand historischer Beispiele Konjunkturen migrantischer Selbstorganisierung und -behauptung seit dem Mauerfall und zeigt Perspektiven transformatorischer Erinnerung. Der Artikel ist eine wirklich lesenswerte, knackige Zusammenfassung, Erläuterung und Einordnung der Lebensrealität verschiedener migrantischer Gruppen in den letzten 30 Jahrzehnten in Deutschland. Perinelli schließt mit dem zukunftsweisenden Zitat: »Das futuristische Moment vergangener Kämpfe zu erkennen ermöglicht demgegenüber, uns von der Frage, was uns angetan wurde, zu dem, an was uns diese Gewalt gehindert hat, zuzuwenden.«

Auch abseits des Schwerpunktthemas bietet die Zeitschrift aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen gute Rechercheartikel. Überregional interessant ist der Beitrag zum Tod von Mouhamed Lamine Dramé in Dortmund. Der 16jährige Geflüchtete aus dem Senegal wurde im August mit Pfefferspray und Tasern durch die Polizei traktiert und wenige Sekunden später mit vier Kugeln aus einer Maschinenpistole regelrecht hingerichtet. Nachdem immer mehr Details kleckerweise an die Öffentlichkeit gelangten, sind heute mehr Fragen offen als zuvor. Der Artikel fasst die bekannten Erkenntnisse zusammen und gibt Hintergrundinformationen über den Stadtteil, in dem es zu dem tödlichen Polizeieinsatz kam, über die örtliche Politik und strukturelle Probleme in der Polizeiarbeit vor Ort. Außerdem streift er die Perspektive marginalisierter Gruppen auf deutsche Sicherheitsbehörden.

Ein Theorieartikel zu »Faschismus als Bandenherrschaft«, ein Beitrag über willkürliche Abschiebungen nach Ruanda durch die britische Regierung sowie Recherchebeiträge zur Rechten, beispielsweise zum Tankstellenmord in Idar-Oberstein, zu rechten Comics und Cartoons und dem Urteil im Prozess gegen den Bundeswehr-Offizier Franco Albrecht, der rechtsterroristische Anschläge geplant hatte, runden die Ausgabe inhaltlich ab.

Lotta. Antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen, Nr. 88 (Herbst 2022), 62 Seiten, 3,50 Euro zzgl. Porto. Bezug: Lotta, Am Förderturm 27, 46049 Oberhausen, lotta-magazin.de

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