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Aus: Ausgabe vom 30.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Konzert

Regenten für Fische

Das psychedelische Duo Humming Lights spielte in der Kölner Christuskirche
Von Marc Hieronimus
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Sprechgesang, schamanischer Gesang, dann Chanson in Wiener Mundart: Humming Lights

Köln, 27. November, der dritte von vier Abenden im Kellergewölbe unter der neugotischen Christuskirche im Belgischen Viertel. Verblichenes Totholz, Rinden, Gewebe, beige Stoffe, als wäre Joseph Beuys als Veganer zurückgekehrt. Ein Zauberstab, Muscheln, Korallen, alles hat Bedeutung. Ihre Musik soll an Archaisches rühren, Traumwelten aufscheinen lassen, sagt die Sängerin Susanne Kubelka, die die Ausstellungsstücke zusammengetragen hat. Sie kommt vom Theater.

»Humming Lights, Musik und Lichtinstallationen« heißt es auf der Seite des Duos. Eine Performance also? Ihr Partner Dirk Schilling hat mit Hoelderlin gekrautrockt, mit Filmpalast Roskilde elektrifiziert. Im Vorgespräch verspricht er lachend »Doors, aber auf Drogen«. Oho. Als sie dann stilvoll in Kleid und Anzug in den bestuhlten Saal treten, sieht es mehr nach Liederabend aus, aber nein, es wird tatsächlich psychedelisch. Kubelka bedient Akkordeon und Keyboard, Schilling zeigt sein Können an der Gitarre oder spielt Bassloops ein und begleitet sie am Schlagzeug. Erzählerische Passagen und Wanderungen auf der Klaviatur erinnern durchaus ein wenig an das kalifornische Quartett um Jim Morrison, doch da ist viel mehr: Sprechgesang, schamanischer Gesang, dann Chanson in Wiener Mundart: »I wüll fliagn mit dir / I wüll fliagn mit dir / A wenn deine Flügel / Tausenmol zerbrochen sind« (»Fliagn«). Mystische Lyrik ruft Georg Trakl oder Stefan George wach: »Tage peitschen die Träume durch Gassen / Lassen die Bilder der tieferen Zeit nicht bleiben und stehn. / Ding um Ding soll getan sein / Fuge um Fuge schließt sich die innere Welt und sinkt. / Ich möchte ein Nachttier sein und Gast in den Tagen« (»Korallen«). Hier eine Rede über den Seidenspinner (»aus der Familie der Echten Spinner«), dort wandernde Lichter oder ein Schattenspiel hinter einer Wand aus Watte, aber auch Postpunk.

Der Abend hat alles, und einen schöneren Ort kann es in den zwei Stunden nicht geben. Mit der Basslinie gleich des zweiten Stücks, »Flusskönigin«, sind Joy Division wieder da. Genau hier, im Basement, war Ian Curtis am 15. Januar 1980 auf der Bühne zusammengebrochen, Peter Bömmels hatte in der ersten Ausgabe der Spex darüber geschrieben. Das Publikum ist freilich ein anderes als damals, der Altersdurchschnitt liegt bei gut fünfzig Jahren, weil oder obwohl ein Drittel Mitte dreißig ist. Zuverlässig auch die Reziprozitätsfunktion von musikalischer Qualität und Zuhörermenge, fast die gesamte Domstadt verpasst das Zauberhafte, die meisten Gäste kennen die beiden persönlich.

Wer dagegen Humming Lights auf Youtube oder Spotify entdeckt und darum hergefunden hat, ist beglückt, aber auch verwundert. Live und im Duo eingespielt, ist alles echter und kraftvoller, die Aufnahmen auf dem Album »Rauland« wirken arg glatt im Vergleich, wie eine Interpretation der eigentlichen Stücke. Der Ohrwurm zum Ranhören ist zweifelsohne »Meteorit«: »Warum dienen Soldaten nur Menschenideen? / Ich möchte ein Heer für die Fliegenden! / Warum erhalten nur Mächtige das Wort? Ich möchte Regenten für Fische / Ameisen als Präsidenten.«

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