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Aus: Ausgabe vom 30.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Oper

Wagner verulkt

Albern und ernst: »Der fliegende Holländer« an der Komischen Oper Berlin
Von Kai Köhler
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Günter Papendell, Senta Berger, Jens Larsen (v. l.)

Manche Leute finden in Wagner-Opern unfreiwillige Komik. Sie denken dabei nicht nur an Gesänge wie Wagalaweia oder Hojotoho, sondern auch an nicht immer gelungene Stabreime. Oder an Heldenposen, die heute befremdlich wirken. Dieser Spott ist freilich leicht zu haben. Besser, man schaut, ob der erste Eindruck überhaupt stimmt, ob nicht in den Werken – oder wenigstens in manchen von ihnen – mehr Witz steckt, als es zunächst den Anschein hat. Mit diesem Anspruch geht Regisseur Herbert Fritsch an den »Fliegenden Holländer« heran. Das Resultat der Inszenierung, die am Sonntag an der Komischen Oper Berlin Premiere hatte, ist zwiespältig.

Fritsch hat mit Dirk Kaftan einen Dirigenten an seiner Seite, der in seltenem Einklang das Orchester ans Regiekonzept anpasst. Wenn in einem im Programmheft abgedruckten Gespräch von Wagners Rossini-Verehrung zur Entstehungszeit 1841 und gar von »operettenhaften Stellen« die Rede ist, so wird das auch hörbar. In Kenntnis von Wagners späteren Kompositionen scheint das Ergebnis brüchig, als Nebeneinander von Überkommenem und Zukunftsweisendem. Für die Hörer der Uraufführung von 1843 indessen musste das Werk als etwas völlig Neues wirken.

Der Holländer, verflucht wegen Selbstüberhebung, muss mit Schiff und Mannschaft die Weltmeere kreuzen. Alle sieben Jahre nur darf er an Land. Findet er dann eine Frau, die ihm ewig treu bleibt, so ist er erlöst. Die allerletzte Chance naht, sein Schiff ankert nach einem Sturm neben dem des Kaufmanns Daland. Der Verfluchte weist dem Bürger Schätze vor, und sogleich ist Daland bereit, seine Tochter Senta zu verschachern. Freilich stellt sich heraus, dass Senta bereits der Sage vom ruhelos herum­irrenden Holländer verfallen ist und sich nichts sehnlicher wünscht, als sich für den aufzuopfern. So könnten alle Beteiligten zufrieden sein: Der Holländer bekommt seinen Frieden, Senta ihren Abenteurer, Daland das Gold. Jedoch gibt es außerdem den scheinbar biederen Erik, dem Senta zuvor Treue versprochen hatte. Der Holländer wähnt sich getäuscht, will wieder in See stechen; Senta opfert sich, Erlösung.

Was in späteren Werken Wagners sehr viel skrupulöser motiviert ist, hört man hier in der durchaus wirksamen Form einer Schauersage. Dennoch gibt es Feinheiten: Wenn etwa Erik, von Senta als langweilig abgetan, doch kompromisslos liebt und das mit musikalischen Wendungen ausdrückt, die denen des Holländers gleichen. Verächtlich ist der besitzgierige Vater Daland behandelt. Als Zuhälter seiner Tochter bekommt er von Wagner etablierte Musikformen des Bürgertums zugewiesen.

Das alles spielt die Inszenierung aus. Der schauspielerprobte Regisseur hat viel Respekt vor der Musik, vielleicht zu viel. Fast jede Geste entspricht einer Wendung im Orchester, und der Dirigent Kaftan orientiert sich in einem solchen Maß am Geschehen auf der Bühne, dass manchmal der musikalische Verlauf stockt. Oft genug doppeln sich dann Musik und Szene, statt einander zu erhellen.

Von Komik war eingangs die Rede, und besonders in der ersten Hälfte der gut zweistündigen Inszenierung findet sich von der reichlich. Manches ist einfach Bewegung um der Bewegung willen: Wenn zur etwa zehnminütigen Ouvertüre eine Mannschaft ein überdimensioniertes Spielzeugschifflein mal hier- und mal dorthin dreht, sind die Möglichkeiten sehr schnell erschöpft. Der Rest ist Unbeholfenheit. Die Albernheiten auf Kosten Dalands, seines Steuermanns und seiner Mannschaft, die dann die Szene prägen, lassen sich zwar im Detail begründen. Auch wenn dann bei Fritsch der Holländer als affektierter Geck sein Schicksal beklagt, trifft das als blinde Selbstbezogenheit einen Aspekt der Figur. Warum aber funktioniert es nicht?

Weil man nur das verkleinern kann, was groß war. Pappkameraden zu verspotten ist kein lohnendes Unterfangen, und lange Zeit bleibt die Bühne nur von Karikaturen bevölkert. Die Regie funktioniert erst dann, wenn sie in der zweiten Hälfte ihr Konzept vernachlässigt. Die Konfrontation zwischen Senta und dem plötzlich unglücklich liebenden Erik bewegt, weil Fritsch den Verlierer aufwertet. Außerdem zeigt er überzeugend, wie Senta die denkbar größte Krise besteht: Wenn der Holländer als das problemlos fern besungene Ideal plötzlich leiblich eintritt. Hier lässt die Regie den Liebenden Würde, und als Kontrast dazu sich dann auch die berechnende Haltung Dalands verspotten.

Jens Larsen als Daland spielt überzeugend das Miese der Figur, ohne auf stimmliche Strahlkraft zu verzichten. Die Senta von Daniela Köhler dominiert gesanglich und auch physisch; dieser Opferwut lässt sich wenig entgegensetzen. Brenden Gunnell als Erik, szenisch stärker als stimmlich, scheitert weniger als Günter Papendell als Holländer. Zwar verfügt Papendell immer dann, wenn es nicht laut zugeht, über differenzierte Timbres. Doch wird er nun mal von der Regie als Hanswurst gesetzt, und dagegen ist schwer anzusingen. Die Komik im einzelnen trägt in dem Maße, in dem das Ganze ernst genommen wird.

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