3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Sa. / So., 28. / 29. January 2023, Nr. 24
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 30.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Geistige Mobilisierung

»Holodomor«-Resolution des Bundestags. Gastkommentar
Von Sevim Dagdelen
Bundestag_Haushaltsw_76063693.jpg
Plenarsitzung im Deutschen Bundestag

Eine übergroße Koalition des Bundestages, bestehend aus Ampel und Union, will am Mittwoch beschließen, dass die Hungersnot der Jahre 1932/33 in der Ukraine ein Völkermord gewesen sei. Liest man den Antragsentwurf, wird schnell klar: Es geht nicht um das damalige Leid der Hungertoten. Es geht vielmehr um die geistige Mobilmachung gegen Russland heute.

Die überwältigende Mehrheit der Historiker zweifelt nicht daran, dass die Hungersnot durch politische Entscheidungen der sowjetischen Führung planvoll verschärft worden ist. Aber sie zweifelt am Genozidcharakter. Genau aus diesem Grund hat der Bundestag im Jahr 2017 noch eine Petition abgelehnt, die den »Holodomor« als Genozid anerkannt wissen wollte. Es spreche doch »einiges dagegen«, und es liege »nicht im Ermessen des Petitionsausschusses«, über eine in der Geschichtswissenschaft strittige Frage zu entscheiden, befand das Parlament damals, mit den Stimmen auch derjenigen, die das heute anders entscheiden wollen. Noch im Frühjahr 2022 fasste der Petitionsausschuss in einer vorläufigen Beschlussempfehlung zusammen, dass die Einschätzung, ob der Holodomor die Merkmale eines Völkermordes erfülle, weiterhin umstritten sei.

Die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft haben sich seit diesen Beratungen nicht geändert. Dennoch gehen die Antragsteller sogar so weit, den Holodomor »in die Liste menschenverachtender Verbrechen totalitärer Systeme« einzureihen. Damit machen sie en passant auch die Schoah und den faschistischen Vernichtungskrieg zum Teil einer »Liste« und relativieren so die Singularität des Holocaust.

In erschreckender Weise wird mit der Genozidfeststellung das Narrativ ukrainischer Nationalisten übernommen, offenbar, wie es so treffend im Antrag heißt, um einseitigen russischen Narrativen entschieden entgegenzuwirken. Die Erkenntnisse einer überwiegenden Mehrheit der Historiker werden bewusst ignoriert, so auch israelische Narrative, nicht zuletzt des Simon-Wiesenthal-Zentrums. Israel lehnt die Einstufung als Genozid ab, da er keine »Vernichtung anhand ethnischer Kriterien« gewesen sei und sieht den Holodomor als »größte Tragödie des ukrainischen Volkes« an. Laut Simon-Wiesenthal-Zentrum würde eine solche Wertung den Holocaust relativieren.

Die geschichtspolitischen Feststellungen der Antragsteller werden in direkten Zusammenhang zur Lieferung von immer mehr und immer schwereren Waffen an die Ukraine durch die Bundesregierung gerückt. Ganz explizit wird gefordert, die Ukraine »im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel (…) militärisch zu unterstützen«, als wäre der heutige Krieg die Fortsetzung einer einst verlorenen Schlacht.

Sevim Dagdelen ist Mitglied des Bundestags für die Partei Die Linke

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von gregorogin aus Halle ( 5. Dezember 2022 um 13:31 Uhr)
    Verfälschende Politisierung, wohin das Auge reicht. Hauptsache, wir ziehen etwas an Land, worauf wir eindreschen können. Faktencheck? Was war das noch mal? Einzig entscheidend, es landet im Mahlstrom der stereotypisierenden Schwafelei. Man nehme einen Begriffe, blase ihn bis zum Bersten auf und binde damit alle Aufmerksamkeit. Glückwunsch, jW und Briefeschreiber.
  • Leserbrief von Rainer Robert Klee aus Bad Kreuznach (30. November 2022 um 17:45 Uhr)
    Montaigne: Grundsatz, »Ich belehre nicht, ich erzähle!« Während meines Studiums um 1977 in der Sowjetunion habe ich über diese Zeit der Hungersnot in der Sowjetunion (SU) geforscht, weil es mich interessierte. Was ich aus den Zahlenwerken, offiziellen Statistiken, den Erzählungen vor Ort über damalige Sowchosen und Kolchosen, staatlicher Lager- und Verteilerwirtschaft, Außen- und Innenhandel mit Getreide erfuhr, hatte nichts mit »planmäßigem« Vernichten von Bevölkerungsschichten zu tun. Nichts! Fakt waren und sind überlieferte schriftliche Lagebeurteilungen wie Dürre über Jahre, Kampf gegen Kollektivierung, Vernichtung von Maschinen der »staatlichen und genossenschaftlichen« Ausleihstationen, Vernichtung von Saatgut durch Großbauern, Gegner der SU, und ausländische Gegner der SU. Die Abgabewirtschaft war auf Grund der Weiten des Landes nicht zu kontrollieren. Viele Großbauern, die mit Hilfe von ausländischen »Agenten« halb Westeuropa und die USA in dieser Zeit bevölkerten und heute noch dort durch ihre Nachkommen vertreten sind! Reaktionäre Zeitungsartikel aus jenen Zeiten in allen möglichen westliche Ländern, geschrieben aus Erzählungen der »verbrecherischen Flüchtlinge« belegen wer, wie, wo, wann und womit die Hungersnot organisiert wurde. Stalin und seine vor Ort tätigen Führungskräfte wurden benannt. Schuldzuweisungen sind in der ausländischen damaligen Presse schriftlich fixiert als – gegen die Kollektivierung! Äußerungen wie Getreide für die Aussaat war und ist da, ist schriftlich in der ausländischen Presse gedruckt vorliegend. Nun zu dem Hungertod von Millionen. Die gab es laut Statistiken und Meldungen. Woher? Hunger, weil den alten und neuen Landarbeitern keine Landarbeit über Monate/Jahre von den Großbauern erlaubt wurde. Erschießungen durch Großbauernbeauftragte fanden statt, wenn man gegen die öffentliche heimliche Ordnung verstieß. In den Städten war nichts! Damit begann die Völkerwanderung der hungernden Ukrainer und Russen im eigenen Land!
  • Leserbrief von Ullrich-Kurt Pfannschmidt (30. November 2022 um 14:24 Uhr)
    Nach dem Lesen dieses Gastkommentars von Frau Dağdelen könnte man meinen, dass die Hungersnot nicht so schlimm sein konnte, weil doch auch andere Mitgliedsstaaten der UdSSR betroffen waren. Ich bin eher der Meinung, dass die Sache hierdurch noch verschlimmert wird, weil zu den Millionen Toten in der Ukraine noch die Opfer in Russland und den anderen Mitgliedsstaaten hinzukommen. – Warum findet Frau Dağdelen zu den Ursachen nur die dürren Worte, »dass die Hungersnot durch politische Entscheidungen der sowjetischen Führung planvoll verschärft worden ist«? Sollten mittels der Kollektivierung der Landwirtschaft nicht Katastrophen dieser Art gerade verhindert werden? – Gut finde ich, dass Sevim Dağdelen im letzten Absatz auf die Gegenwart zu sprechen kommt. Leider bleibt sie dabei auf halbem Wege stehen. Warum erwähnt sie die russischen Angriffe auf Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen mit keinem Wort? Besonders schlimm finde ich die Zerstörung von Elektrizitäts- und Wasserwerken angesichts des bevorstehenden Winters. Jedenfalls sind die Opfer hauptsächlich ethnische Ukrainer, falls das für eine Einordnung und Bewertung von Interesse ist.
  • Leserbrief von Olaf Swillus aus Essen (30. November 2022 um 14:14 Uhr)
    Sevim Dagdelen meint, dass die »überwältigende Mehrheit der Historiker« nicht daran zweifele, dass »die Hungersnot durch politische Entscheidungen der sowjetischen Führung planvoll verschärft worden« sei. Aber selbst das ist umstritten, wie Thanasis Spanidis in einem Aufsatz, der am 23. Juni 2017 in der jungen Welt veröffentlicht wurde, ausführt:
    »›Holodomor‹ handelt es sich (…) um einen besonders dreisten Fall von Geschichtsfälschung, da jedes Detail des relativ gut erforschten Ereignisses der These eines gewollten ›Völkermords‹ widerspricht. Erst recht gilt das, wenn man bedenkt, dass es durchaus andere historische Ereignisse gibt, die man als ›Hungergenozid‹ bezeichnen könnte. So beispielsweise die Hungersnot von Bengalen 1943, als die britischen Kolonialherren den Tod von geschätzten 1,5 bis vier
    Millionen Menschen achselzuckend hinnahmen. Nichts dergleichen geschah in der Sowjetunion. Dennoch ist der erfundene ukrainische Völkermord viel bekannter als der tatsächliche Hungergenozid des britischen Kolonialismus.« (Zitat aus:
    www.jungewelt.de/artikel/312978.der-erfundene-v%C3%B6lkermord.html)
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christel H. aus Aschersleben (30. November 2022 um 17:13 Uhr)
      Der britische Kolonialismus hat u. a. auch die irische Hungersnot (Famine) in den Jahren 1845-1849 zu verantworten. Mehrere Missernten wegen der Kartoffelpest führten zu einem katastrophalen Rückgang der irischen Bevölkerung. Die Briten rührten keinen Finger, um dem von ihnen unterdrückten Volk aus dieser Not zu helfen.
      • Leserbrief von Ullrich-Kurt Pfannschmidt (30. November 2022 um 17:51 Uhr)
        Indem Sie den britischen Kolonialismus mit dem sowjetischen Sozialismus vergleichen, machen Sie eine eigentlich unerlaubte Relativierung. Klar, beides führte zu Hungersnöten. Aber die einen Betrachter schließen daraus: »Was die Sowjets machten, kann ja nicht so schlimm sein, die britischen Kolonialisten haben das ja auch gemacht«. Die anderen dagegen: »Wieso werden die britischen Kolonialisten kritisiert, die Sowjets machten es nicht besser«! – Es sei daran erinnert, dass Marx und Lenin eine Gesellschaftsordnung konzipierten, die besser sein sollte als alle vorangegangenen!

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Geschichte umdeuten: Außenministerin Annalena Baerbock in der »H...
    26.11.2022

    Parlament der Historiker

    Am Mittwoch soll der Bundestag beschließen: Die Hungersnot 1932/33 in der Sowjetunion war ein Völkermord an der Ukraine
  • Vor dem Wortgefecht: Kanzler Olaf Scholz begrüßt Unionsfraktions...
    24.11.2022

    Reden und Schweigen

    Haushaltsdebatte im Bundestag: Union fordert mehr Aufrüstung. Linke verurteilt Regierung für Duldung des türkischen Angriffskriegs

Regio:

Mehr aus: Ansichten

Startseite Probeabo