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Ein rauchender Colt

Von Pierre Deason-Tomory
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Grenzen überwinden: Büchner-Preisträgerin Emine Sevgi Özdamar (2022)

Auch in Österreich wird über eine Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks diskutiert, allerdings unter anderen Vorzeichen als in Deutschland. Hier ist es der Redaktionsausschuss des ORF, der jetzt Veränderungen anmahnt. Anlass ist die »Ibiza-Affäre«, die Ex-FPÖ-Vize­kanzler Heinz-Christian Strache aus der Manege des Wiener Politikzirkus geschleudert hat, bevor dann auch der Zirkusdirektor selbst, ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz, wegen anderer Machenschaften zurücktreten musste. Im Rahmen der Ermittlungen gegen Strache wurden versehentlich Chats mit dem damaligen ORF-Stiftungsratsvorsitzenden Norbert Steger bekannt, die freiheitlichen Postenschacher im Sender belegen. Der Redaktionsausschuss beklagte am 16. November, die Chatprotokolle würden das Bild zeichnen, »Politikverantwortliche, die gerade an der Macht sind, könnten in den ORF hineinregieren und eine genehme Berichterstattung für die Partei erwirken«. Derlei soll ja schon seit sieben Jahrzehnten geahnt worden sein, aber erst Straches Textnachrichtendurchfall lieferte einen rauchenden Colt. Die Redakteursvertretung des Österreichischen Rundfunks fordert, dass die Posten des mächtigen Leitungsgremiums künftig ausgeschrieben und den Bewerbern öffentlich auf den Zahn gefühlt wird. Bislang bestellen die Bundesregierung, die Landesregierungen und die Nationalratsparteien 24 der 35 Stiftungsräte nach Gutdünken. Droht dem ORF jetzt die Demokratisierung?

In dieser Woche im Radio: Die Büchner-Preisträgerin 2022, Emine Sevgi Özdamar, erzählt in der »Spätlese« ihre Lebensgeschichte und ihren Traum von »Brechts Krawatte«. Zudem liest sie aus ihrem neuen Roman »Ein von Schatten begrenzter Raum« (Di., 22 Uhr, HR 2 Kultur). Der Dokumentarfilmer Adrian-Basil Mueller spricht im Feature »Als Mutti in den Westen ging« mit Kindern, deren Eltern sich nach November 1989 ohne sie davongemacht haben (MDR 2022, Mi., 22 Uhr, MDR Kultur). Im »Freispiel« setzt sich Barbara Eisenmann mit dem  »Meno­pausending« auseinander und damit, was ihr die feministische Theorie zu den Wechseljahren sagt (DLF Kultur 2014, Do., 22.03 Uhr). Sieglinde Geisel fragt nach dem »Schriftsteller mit weißer Weste«. Hatte der Essayist William H. Gass recht, als er sagte, dass auch schlechte Menschen gute Bücher schreiben können? (DLF Kultur 2020, Fr. 19.30 Uhr) Im Sommer ist der Nazi Franco A. in erster Instanz wegen der Vorbereitung von Mordanschlägen zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Den Oberleutnant hielten seine doofen Vorgesetzten für zu klug, um ein Rechter zu sein. Die ganze Geschichte in »Franco A. − Soldat und Terrorist« (WDR/ORF 2022, Sa., 18.05 Uhr, DLF Kultur).

Am Sonnabend könnte man die Wiener Staatsoper besuchen. Der eingangs besungene Österreichische Rundfunk überträgt live Umberto Giordanos  »Andrea Chénier«, in der Titelrolle hält Jonas Kaufmann den Kopf unters Fallbeil (Sa., 19 Uhr, Ö 1). Ein Frauenleben in Briefen erzählt das »WDR-5-­Hörspiel am Sonntag« in der »Zeit der Zärtlichkeit« von Dacia Maraini (WDR 1999, So., 17.04 Uhr). Den unwiderstehlichen österreichischen Humor erlebt man im ORF stündlich in den Nachrichten aus der Landespolitik und in der Kabarettsendung »Contra«. Diesen Sonntag: »Pepi und Romeo kriegen die Krise« mit den neuen Programmen von Pepi Hopf und Romeo Kaltenbrunner (So., 19.05 Uhr, Ö 1). Und: Das Feature »Zwischen Youtube-Videos und der Suche nach Steckdosen« berichtet, warum digitale Erreichbarkeit gerade für Obdachlose wichtig ist und was sie dafür tun müssen (Mo., 19.30 Uhr, DLF Kultur).

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