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Aus: Ausgabe vom 29.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Essayistik

Entzornung und Größe

Hans Magnus Enzensberger war schon immer der, der er wurde
Von Felix Bartels
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Dem Poseur ist nichts zu schwör: Hans Magnus Enzensberger (Münster, 26.03.2017)

Das größte Rätsel war dieser Rätsellöser selbst. Wie konnte aus dem »zornigen jungen Mann« einer werden, der lieber über Wolken schreibt? Die naheliegende Antwort, dass er nie wirklich zornig war, scheint richtig und bleibt unvollständig. Man versteht ihn erst, wenn man versteht, dass er sich auch für die Wolken nie wirklich interessiert hat. Alles an ihm war Pose, und zugleich hat er so viel mehr hinterlassen als bloß das.

Wie bekommt man einen Poseur am besten zu fassen? Von außen halt. Hans Magnus Enzensberger darf als bedeutendster Lyriker und einer der bedeutendsten Essayisten der zurückliegenden Epoche gelten, soweit es den westdeutschen Kulturraum betrifft. In seiner lyrischen Sprache finden Kraft und Sensibilität, Präzision und Reichtum, gedankliche Tiefe und Sentiment zusammen. Von seinen Gedichten aber gilt, was Arno Schmidt über Klopstocks Oden bemerkte: dass es sich im Grunde um exzellent gearbeitete Prosa handelt. Umgekehrt ist Enzensbergers essayistische Sprache so dicht, dass sie fast schon lyrisch klingt. Beide Genres konvergieren. Er redet nicht, er singt, schreibt nicht, sondern malt, denkt nicht, meditiert. In welcher Gattung er das gerade tat, war nebensächlich.

Wer, angetan von der eigenen Sprache, sich selbst auf den Leim geht, erliegt mutmaßlich auch gern seiner Fähigkeit zum außergewöhnlichen Gedanken. Die Motivation, gerade nicht zu denken, was alle denken, führte Enzensberger weg von der Gesellschaftskritik hin zur Ideologiekritik. Mit allen Konsequenzen, auch den schlechten. Mitunter nämlich ist, was die Mehrheit denkt, gar nicht so verkehrt.

Wo Gesellschafts- und Ideologiekritik in dieselbe Richtung zielen, hat politisches Denken seine stärksten Momente. Entsprechend markiert »Das Verhör von Habana« (1970) eine nie wieder erreichte Höhe. Die umfangreichen Protokolle der Verhöre editorisch aufzubereiten, die die kubanischen Behörden mit inhaftierten Teilnehmern der Schweinebucht-Invasion (1961) durchgeführt haben, war das eine Verdienst. Das andere die in den Verhören enthaltene Anatomie der Konterrevolution herauszuarbeiten. Der Autor extrapoliert zehn ideologische Grundmuster der herrschenden Klasse in ihrem Selbstverständnis: darunter den Retter der freien Wahlen und den freien Marktwirt – Muster, die gültig bleiben.

In seiner mittleren Periode wendet er sich alltäglichen Phänomenen zu. Es entstehen meisterhafte Zugriffe wie »Lob des Analphabeten« (1985), worin der sekundäre Analphabet erscheint, der, durchaus des Lesens mächtig, nicht leidet unter dem, woran er leidet. In »Über die Ignoranz« (1982) entpuppt sich die Unbildung des modernen Menschen, technisch gesehen, als verschobene Bildung. Solcherart Themen sind auch hier schon flankiert von erstaunlich unzornigen Abhandlungen zu politischen Fragen, in »Milliarden aller Länder, vereinigt euch« (1988) etwa, die letztlich aber ebenfalls auf die Kritik des volkstümlichen Denkens zielen.

In der späten Phase schlägt, wie zum Selbstzweck geratene Ideologiekritik muss, die Kritik der falschen Kritik in offene Apologie um. Im Sammelband »Zickzack« (1997) findet sich jener berühmte Turn zum Bellizismus, der ohne Substanzverlust nicht zu haben war. Zu Saddam Hussein fällt dem Autor kaum mehr ein, als dass es sich um einen Menschenfeind handelt. Das Posenhafte war endgültig aufs Possenhafte heruntergekommen.

Manches am Anfang sieht man erst am Ende. Enzensbergers berühmtes Gedicht »die verteidigung der wölfe« (1957) liest sich im Rückblick aufschlussreich: Die Wölfe als Metapher für Ausbeuter und Unterdrücker folgen bloß ihrer Natur. Das System ist, wie es ist, man kann seinen Akteuren nicht vorwerfen, sich falsch zu verhalten. Was damals als marxistische Kritik an der Sozialdemokratie missverstanden werden konnte, enthielt die Apologie des Kapitalismus bereits wie die ­Wolke das Gewitter. Enthielt die spätere Entzornung.

Der Autor bleibt groß, keine Frage. Soviel aber in den gut sechzig Jahren links und rechts an Wertvollem herabgefallen ist – auf die letzte Pointe gebracht, wird Enzensberger nie etwas anderes gesagt haben als: Das alles hat schon seine Ordnung.

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