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Aus: Ausgabe vom 29.11.2022, Seite 8 / Ansichten

Verzückte Aufregung

Reaktionen auf Proteste in China
Von Jörg Kronauer
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Protest an der Tsinghua-Universität in Beijing am Sonntag

Die deutsche Politik und ihre Leitmedien haben ihre Liebe zu Gegnern der Coronamaßnahmen entdeckt. Nicht zu denen in der Bundesrepublik, die Stars des Monats, das sind seit dem Wochenende diejenigen Chinesen, die gegen die Lockdowns in ihrem Land auf die Straße gehen. Na endlich: Protest in China! Hat man denn nicht schon immer gewusst, dass die Volksrepublik die Verkörperung des Übels schlechthin ist? Dass man Proteste gegen ihre Staatsführung deshalb lauthals anfeuert?

Nun, die verzückte Aufregung über die Proteste gegen die Lockdowns in China zeugt vor allem von zweierlei. Das eine ist Unkenntnis. Die Volksrepublik ist nicht die Karikatur, die von den westlichen Leitmedien gewöhnlich zusammengepinselt wird: ein Obrigkeitsstaat, in dem sich die Menschen unter der Knute der Behörden wegducken. Proteste sind in China, wenn Missstände auftreten, durchaus verbreitet. Allein für die vergangenen zwölf Monate sind mehr als 800 wilde Streiks dokumentiert, und die Gesamtzahl der Proteste – gegen missliebige Bauvorhaben, gegen Luftverschmutzung, gegen Korruption und vieles mehr – wird auf eine jährlich sechsstellige Größenordnung geschätzt. Jetzt bricht sich – an sich gar nichts Ungewöhnliches – der zunehmende Ärger über die lästigen, fortdauernden Coronamaßnahmen Bahn. Zwar diskutiert die Regierung seit einiger Zeit über Lockerungen, doch hat sie offenbar noch kein Rezept gefunden. Nun kocht der Unmut hoch. So weit, so normal.

Was der deutsche Beifall für die Proteste in China zweitens offenlegt, ist das Brennen darauf, dass die Volksrepublik, der große Rivale, endlich in Schwierigkeiten gerät. Ist der wachsende Unmut über die Coronarestriktionen nicht der erste Fall seit 1989, in dem sich Protest gegen einen landesweit einheitlichen Störfaktor richtet? Kann aus ihm denn nicht vielleicht mehr werden, eine landesweite Protestbewegung etwa, die Präsident Xi Jinping ins Wanken bringt? Und wenn nicht: Kann man Beijing dann nicht wenigstens eine neue Repressionswelle zum Vorwurf machen? Stoff für die Propagandaschlacht im großen Kampf um die globale Vorherrschaft wäre wohl das mindeste, das sich Deutschlands herrschende Klasse wünscht.

Davon unabhängig: Beijing wird sich eher früher als später bewegen müssen, auf Dauer sind die Lockdowns nicht durchhaltbar. Die derzeitigen Proteste sind also gewiss kein unlösbares Problem. Gravierender ist wohl ein anderes: die Jugendarbeitslosigkeit, die im Juli offiziell 19,9 Prozent erreichte. Vor allem junge Menschen gingen in den vergangenen Tagen auf die Straße. Die Zustimmungsraten von über 90 Prozent, die die Regierung in Beijing jahrelang verzeichnete, basierten darauf, dass es in China für alle bergauf ging. Gelingt es nicht, die Perspektiven für junge Menschen zu verbessern, dann gerät die Grundlage der Zufriedenheit mit der Regierung in Gefahr. Beijing sucht inzwischen gegenzusteuern. Ob mit Erfolg, das wird sich zeigen.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (29. November 2022 um 14:30 Uhr)
    Ist die Heuchelei die Tugend des Journalismus geworden? Dass in den Westdemokratien die delegierten Politiker »ahnungslos« sind, braucht gerade bei der Coronapolitik keinen Beweis. Darum haben wir die »vierte Gewalt«, die die Aufgabe hat, die politischen Entscheidungen zu hinterfragen und zu beleuchten. Soweit die Theorie. Aber in der Coronazeit stellte man fest, dass – eine unheilvolle Tendenz – die Demokratie sich in eine Mediokratie transformierte. Massenmediale Hetze und getriebene Politiker sorgten dann für einen sinnlosen Lockdown. Jetzt begrüßen dieselben Medien und Journalisten aber die Proteste gegen einen Lockdown in China. Was für eine Heuchelei: »Der niederträchtigste aller Schurken ist der Heuchler, der dafür sorgt, dass er in dem Augenblick, wo er sich am fiesesten benimmt, am tugendhaftesten auftritt.« Cicero
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (29. November 2022 um 14:14 Uhr)
    Irgendwie erinnern mich die Bilder von den Protestaktionen aus China an die vom Westen inszenierten »Farbenrevolutionen« der letzten anderthalb Jahrzehnte. Auch da »protestierten« vorwiegend junge Menschen, ging es schnell von den »demokratischen Forderungen« zum Aufruf nach dem Sturz der Regierenden, waren einheitliche Farbcodes sofort verfügbar und – oh Wunder – überall westliche Korrespondenten vor Ort. Ein Schelm, der Arges dabei denkt!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (29. November 2022 um 12:52 Uhr)
    Als die Coronapolitik von Herrn Klabauterbach von Demonstranten in ganz Deutschland kritisiert und eine Änderung gefordert wurde, handelte es sich nach der veröffentlichten Meinung um »Querdenker«, »Rechte« und »Demokratiefeinde«. Nicht so in China. Dort werden die Demonstranten von den gleichen Medien als Patrioten, Freiheitshelden und Demokraten gefeiert. Es gibt wohl nichts entlarvenderes, als diese Doppelstandards und diese abgrundtiefe Heuchelei, die bei der Bewertung ein und derselben Vorgänge zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen, wenn sie nur in Russland oder China passieren.

Regio:

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