3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Wednesday, 8. February 2023, Nr. 33
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 26.11.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Kampf um die Geschichte

Absurde Faktenverdrehung

Zur Anerkennung der Hungerkrise in der Ukraine 1932/33 als »Völkermord«. Gastbeitrag des russischen Botschafters in der Bundesrepublik, Sergej J. Netschajew
Von Sergej J. Netschajew
3 keller NEU.jpg
Sergej J. Netschajew ist Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland

Mit großem Bedauern und Befremden haben wir der deutschen Presse entnommen, dass einige Bundestagsabgeordnete dazu aufrufen, die massenhafte Hungersnot, die zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in der UdSSR herrschte, als Genozid am ukrainischen Volk anzuerkennen. Ein Narrativ, das schlichtweg antihistorisch und wahrheitswidrig ist sowie dem gesunden Menschenverstand widerspricht.

Aus historischen Dokumenten wird ersichtlich, dass infolge der Hungersnot, die 1932/1933 große Teile der UdSSR traf, sieben Millionen Menschen, darunter zirka 2,5 Millionen im russischen Kernland und 1,5 Millionen auf dem Gebiet Kasachstans, starben. Der Hunger war massenhaft und suchte sich seine Opfer nicht aus. Er begann mit einer starken Dürre und daraus resultierender Missernte, mit denen außerordentliche Maßnahmen der Sowjetregierung im Rahmen der Zwangskollektivierung einhergingen. Diese harten Maßnahmen wurden in ausnahmslos allen Agrargebieten der UdSSR umgesetzt. Infolgedessen wurden von der Hungersnot nicht nur die Ukraine, sondern auch der Süden Weißrusslands, die untere Wolga, Kasachstan, das Dongebiet, das Kubangebiet, der Nordkaukasus, der Südural und Westsibirien betroffen. Es waren nicht nur Ukrainer, die hungerten und starben, sondern auch Russen, Belarussen, Tataren, Baschkiren, Kasachen, Tschuwaschen, Wolgadeutsche sowie andere Völker.

Den Entwicklungen, die zur Hungersnot führten, lagen verschiedene Motive zugrunde: der Klassenkampf gegen wohlhabende Bauern (die »Kulaken«), die angestrebte Vereinnahmung der Landwirtschaft durch den Staat, die Finanzierung ausländischer Kredite, die für den Ankauf von Industrieanlagen aus dem Ausland aufgenommen wurden, die Versorgung der zunehmenden Stadtbevölkerung angesichts eines drastischen Rückgangs des Getreideanbaus. Es ist unstrittig, dass sich mit dem Tod von Millionen Menschen landesweit eine erschreckende Tragödie ereignete. Dennoch ist es auch offensichtlich, dass die Wegnahme von Getreide in den Bauernhäusern nicht das Ziel hatte, eine besondere nationale Gruppe, u. a. die Bevölkerung der Ukraine, mutwillig zu vernichten, die zudem nicht monoethnisch, sondern stets multinational war.

Multinational besetzt war auch die Sowjetregierung. Es ist absurd, ihr den Hass gerade gegen die Ukraine vorzuwerfen. Bekannt ist ebenfalls, dass auch in der Ukraine ein häufiger Grund für Exzesse bei der Umsetzung der Anweisungen aus der Zentrale übermäßiger Eifer örtlicher Stellen war.

Die Fehler und tragischen Konsequenzen der Hungersnot in der UdSSR wurden bereits 1933 offiziell zugegeben. Die Sowjetregierung organisierte eine großangelegte Nahrungsmittelhilfe für Regionen, die am härtesten vom Hunger betroffen waren, die Ukraine inklusive.

Dass man die für zahlreiche Völker der UdSSR gemeinsame Tragödie der Hungersnot zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts als eine gezielte Ausmerzung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer ethnischen (ukrainischen) Zugehörigkeit darstellt und dabei millionenfache Opfer anderer Nationalitäten übersieht, ist unvertretbar und unanständig. Mit diesem Narrativ, das mit Objektivität nichts zu tun hat, verfolgt man das Ziel, antirussische Stimmungen zu schüren und in diesem Sinne die Geschichte aktiv und russophob zu revidieren.

Sergej J. Netschajew ist Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Otmar I. aus Esslingen ( 3. Dezember 2022 um 09:38 Uhr)
    Die Abstimmung und die Einordnung des Holodomor als Völkermord ist ein weiterer Schritt, den Holocaust zu verharmlosen. Er lenkt von der historischen Tatsache ab, dass auf dem Gebiet der Ukraine nicht wenige Ukrainer sich an den Tötungen von Juden beteiligt haben. Die OUN und der heute in der Ukraine verehrte Bandera an erster Stelle. Dass der Antrag von den Grünen kommt, verwundert indes nicht. Sie haben ja schon unter Fischer damit begonnen, den Krieg gegen Serbien mit dem Holocaust zu begründen. Sein »Nie wieder Auschwitz« war nicht der erste Versuch der Revision der Geschichtsschreibung. Die Grünen waren von Anbeginn an auch zu einem Teil aus dem ökonationalistischen Umfeld entstanden. Ein Grund, warum Linke der Partei immer mehr als kritisch gegenüberstanden und -stehen. Man wartet nebenbei auf die Anerkennung der Verbrechen auf dem Gebiet des heutigen Namibias durch die damaligen Kolonialtruppen als Völkermord.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Manfred G. aus Hamburg Altona (27. November 2022 um 16:48 Uhr)
    Demnächst werden die »grünen« Faschisten behaupten, dass Hitler eigentlich vorhatte, die UdSSR (Russland) zu befrieden und die Ukraine zu befreien.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Rudi E. aus Langenhagen (26. November 2022 um 15:56 Uhr)
    Schwachsinn und Verkennung der Fakten scheinen wohl in Kiew Pate gestanden zu haben, als die dortige Regierung vom BRD-Bundestag forderte, die Hungersnot in den 1930er Jahren in der Ukraine als »Völkermord« zu werten. Zu der Zeit gehörte die Ukraine zur Sowjetunion – als ob die Hungerkrise einen Unterschied bei den Menschen im Vielvölkerstaat Sowjetunion gemacht hätte. Auch im sowjetischen Kernland herrschte eine schreckliche Krise. Sollten sich die BRD-Politiker tatsächlich entblöden, dieser Forderung nachzukommen und willfährig eine Erklärung abgeben, dann scheint um ein weiteres Mal bewiesen zu sein, dass Berlin seine Souveränität in Washington und nunmehr in Kiew an der Garderobe abgegeben hat. Gesunder Menschenverstand und Logik sind unseren hiesigen Parteien ohnehin schon lange abhanden gekommen. Insofern hat der russische Botschafter in Berlin in seiner besonnenen und klaren Begründung der Wahrheit auf die Sprünge geholfen – ob die allerdings im Berliner Politikbetrieb ankommt, bezweifle ich.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (26. November 2022 um 06:58 Uhr)
    Die nationalfaschistischen Kreise in Kiew versuchen wirklich alles, um ihre pathologische Russophobie weltweit zu verbreiten. Dabei schrecken sie bekanntlich auch vor kruden Lügen und übler Geschichtsklitterung nicht zurück. Jeder halbwegs politisch Interessierte kennt die Tragik der Geschehnisse, bei denen viele Bürger der Sowjetunion in den 1930er umgekommen sind. Aus dieser Tatsache heute einen Genozid an den Ukrainern zu basteln, kann nur bei historisch Ungebildeten und vorsätzlich politisch Verkommenen Unterstützung finden. Leider ist insbesondere bei der herrschenden politischen Elite diese Form der politischen Verkommenheit verbreitet. Und sie findet in der Staatsmedienlandschaft willige Helfer, um diesen leicht zu widerlegenden Unsinn massenhaft unters Volk zu bringen.
  • Leserbrief von M. Faulhaber (26. November 2022 um 00:44 Uhr)
    Im dritten Satz des ersten Abschnitts lese ich den Ausdruck »gesunder Menschenverstand.« Ich möchte vor der Verwendung dieser Floskel warnen, da sie impliziert, alle, die anderer Meinung sind, wären entweder krank oder keine Menschen oder ohne Verstand. Dieser »gesunde Menschenverstand« ist sehr nahe am »gesunden Volksempfinden«, mit dem die Nazis im »Dritten Reich« gerne »argumentierten«.

Ähnliche:

  • Arbeitsfreier Tag in einem Kolchosdorf in Tschapajewsk, Ukraine
    26.02.2022

    Jahrhundertelang unterdrückt

    Im November 1919 schrieb Lenin eine Erklärung zu den Beziehungen zwischen der russischen und der ukrainischen Sowjetrepublik
  • Leichnam auf einem Bordstein in Charkiw (1933)
    10.08.2020

    Gestärkter Mythos

    Anne Applebaum popularisiert die ukrainische Sichtweise auf die Hungersnot der frühen 1930er Jahre
  • Dem Gedenken an den »Holodomor« kommt in der Ukraine heute eine ...
    23.06.2017

    Der erfundene Völkermord

    Die Behauptung, Anfang der 1930er Jahre habe die Sowjetunion unter Stalin in der Ukraine eine Hungersnot initiiert, um politischen Widerstand zu brechen, hält sich bis heute – die Fakten zeigen indes ein anderes Bild

Mehr aus: Schwerpunkt

Startseite Probeabo