3 Monate jW-digital für 18 Euro
Gegründet 1947 Freitag, 3. Februar 2023, Nr. 29
Die junge Welt wird von 2701 GenossInnen herausgegeben
3 Monate jW-digital für 18 Euro 3 Monate jW-digital für 18 Euro
3 Monate jW-digital für 18 Euro
Aus: Ausgabe vom 26.11.2022, Seite 1 / Titel
Arbeitsbedingungen im Versandhandel

Todesfall bei Amazon

Arbeiter stirbt in Leipziger Logistikzentrum. Viele nehmen Schmerzmittel. Konzern wird bestreikt
Von Susanne Knütter
Illu Seite 1.jpg
Zehn Arbeiter sterben hierzulande pro Woche während der Schicht – nicht nur auf Baustellen oder in Fabriken

Als Reporter sich vor Ort erkundigen wollten, wurden die Beschäftigten angewiesen, sich nicht zu dem Todesfall zu äußern. Sie sollten die Journalisten an die Pressestelle von Amazon verweisen. Das berichtete ein Arbeiter vom Amazon-Logistikzentrum in Leipzig, der vor Ort war, als sein Kollege beim Sortieren der Pakete zusammenbrach, am Freitag gegenüber jW.

Geschehen war das bereits am 15. August kurz vor Ende der Frühschicht. Bekannt wurde der Fall aber erst diese Woche durch die Rechercheplattform Correctiv. Der Arbeiter des Handelsriesen, der anonym bleiben möchte, schätzte seinen Kollegen auf »Mitte, Ende 40«. Seine Aufgabe war es, Pakete in Container zu sortieren. »Mehrere 100 pro Stunde.« Das schwerste wiege mehr als 20 Kilogramm. Besonders die Frühschicht sei anstrengend. Nach der halbstündigen Pause werde nonstop durchgearbeitet, so der Amazon-Arbeiter. Viele Beschäftigte nähmen Schmerzmittel, bevor sie zur Schicht kommen, sagte Betriebsratsmitglied Thomas Rigol am Freitag gegenüber jW.

Für besonderen Unmut unter den Beschäftigten sorgt der Umgang der Leitung mit dem Tod ihres Kollegen. Um den Verstorbenen wurde ein provisorischer Sichtschutz aufgebaut. Die Spätschicht aber nicht abgesagt. »Allen Mitarbeitenden dieser und der folgenden Schichten wurde freigestellt, bezahlt nach Hause zu gehen«, erklärte Amazon am Freitag gegenüber jW. Solche Angebote habe es zwar gegeben, so Rigol. Zu dem Zeitpunkt sei aber weder klar gewesen, ob bezahlt oder unbezahlt, noch, ob das Versprechen für alle galt. Das bestätigte auch der anonyme Arbeiter.

Auch mit Blick auf Schmerzen und Stress hatte Verdi rund um den umsatzstarken »Black Friday« am Freitag wieder tausende Beschäftigte zum Streik aufgerufen. Nicht nur in Leipzig, auch in den »Fulfillmentcentern« bei Bremen und Augsburg, in Bad Hersfeld, Dortmund, Koblenz, Rheinberg, Werne und Winsen (Luhe) legten die Kollegen die Arbeit nieder. Sie kämpfen unter anderem für einen Tarifvertrag »Gute und gesunde Arbeit«.

Amazon betonte am Freitag gegenüber jW, dass es sich um einen natürlichen Tod gehandelt habe. Das hatte auch die Polizei bestätigt. Aus Sicht des Betriebsrats Rigol müsse geprüft werden, ob Arbeitsdruck eine Rolle spielte oder der Kollege sich krank zur Arbeit geschleppt habe. Ob der Betriebsrat so eine Untersuchung fordert, ist allerdings fraglich. Die Verdi-Liste, zu der auch Rigol gehört, ist seit der Neuwahl im Januar in der Minderheit. Nun hätten Vertreter die Mehrheit, die zum Teil im Interesse der Geschäftsführung oder in ihrem eigenen Interesse handelten, erklärte Rigol gegenüber jW.

Informationen über Arbeitsschutz und Rechte am Arbeitsplatz verteilte Verdi am Freitag auch unter Amazon-Fahrern in Völklingen. In der Regel seien sie bei Subunternehmen beschäftigt und müssten 250 bis 300 Pakete pro Tag ausliefern. In acht Stunden kaum zu schaffen. Bis zu 31 Kilogramm seien momentan erlaubt, erklärte Mike Kirsch vom Verdi-Bezirk Rheinland-Pfalz und Saarland im Gespräch mit jW. Die Gewerkschaft fordert unter anderem ein Verbot von Subunternehmen und Werkverträgen in der Kurier-, Express- und Paketbranche. Bei Versandhändlern wie Amazon, Hermes oder DPD sind sie aber bislang üblich. Mit welchen Folgen, zeigt ein weiterer Todesfall, der am Donnerstag bekanntgeworden war. In Großbritannien starb der DPD-Kurrier Warren Norton nach sieben Tagen Arbeit in seinem Wagen auf dem Parkplatz des DPD-Lagers im englischen Dartford.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Andre’Moussa Schmitz aus Berlin/Neukölln-Rudow (27. November 2022 um 07:51 Uhr)
    »Häftling fordert Mindestlohn«, dabei arbeitet er selbst nicht! So die Bild. 2014/15 gründeten Gefangene die Gefangenengewerkschaft GG/BO in der JVA Berlin-Tegel. Als Antiknastaktivist und Vorsitzender des Knastschadenkollektivs wurde ich als Gefangener in der JVA Willich/NRW als Sprecher für die JVAs Krefeld, Mönchengladbach und Willich eingesetzt. Natürlich hieß es von seiten der Anstaltsleitung: Ach, Herr S., er macht uns nur Arbeit, doch eine Gefangenengewerkschaft – es gibt doch keine reale Arbeit. Doch das Lachen und ihre Pressemitteilung hörten auf, als die Piraten im NRW-Landtag 2015 mit mir Kontakt aufnahmen, dpa führte ein Interview mit Fotos, und Zeitungen und TV-Redakteure fragten bei der Anstaltsleitung an zwecks Interviews! Schnell ging die Nachricht von der GG/BO EU-weit herum! Innerhalb kurzer Zeit hatte ich allein in der JVA Willich mehr als 60 Gewerkschaftsmitglieder, als Landessprecher der Gefangenengewerkschaft in NRW ist es mir gelungen, die erste Frauengewerkschaftssprecherin zu gewinnen. Aus ganz Deutschland erreichten mich Nachrichten von Gefangenen, die Mitgliedschaft in der GG/BO beantragten. (…) Die Piraten unterstützten unsere Arbeit, und wann immer möglich, bekam ich Besuch von N. Kern, ehemaliges MdL der Piraten NRW, und auch ein Interview nach vielen falschen Berichterstattungen wurde geführt, es gab kleine Anfragen, die Repressalien gegen mich wurden verschärft (…), die Abteilung Sicherheit und Ordnung griff zu allen Repressalien, die möglich waren! Gefangene arbeiten für Unternehmen von der Automobil- bis zur Elektroindustrie, ja selbst der DGB lässt seine Fähnchen in Zwangsarbeit herstellen, wie jW berichtete. »Sichere Rente für alle!« Aber bei dieser Arbeit gibt es keine Renten-/Krankenkassenbeiträge, keine Fortzahlung im Krankheitsfall, keinen Mindestlohn!
    André Moussa, Vorsitzender und Sprecher des Knastschadenkollektivs aus Berlin

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Häufig und vielerorts: Streiks von Amazon-Beschäftigten (hier in...
    12.07.2022

    Etwas mehr Einblick

    Ohne weitreichende Rechte, dennoch ein Teilerfolg: Seit Juli gibt es bei Amazon einen Europäischen Betriebsrat
  • Aus der »Unsichtbarkeit« herausbewegt: Bartek Kurzyca und Kryszt...
    17.02.2022

    Der Weg aus dem Schlamm

    »Vereinigte Lkw-Fahrer von Amazon«: Petition osteuropäischer Arbeiter vor Warenlager in Leipzig übergeben
  • Am letzten Wochentag sollen die Bänder weiterhin stillstehen (Rh...
    28.01.2021

    Sonntagsruhe, basta!

    Leipzig: Bundesverwaltungsgericht verhandelt über Arbeit an werkfreien Tagen – Verdi hatte gegen Amazon und das Land NRW geklagt

Regio:

Startseite Probeabo