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Aus: Ausgabe vom 25.11.2022, Seite 15 / Feminismus
Transgender Day of Remembrance

Erinnern, um zu verändern

Gedenktag für ermordete trans Personen. Geflüchtete und People of Color besonders betroffen
Von Janka Kluge
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Erinnerung an die Ermordeten: »Transgender Day of Remembrance« in Athen (20.11.2022)

Jedes Jahr wird am 20. November auf der ganzen Welt an ermordete trans Menschen erinnert. Der Tag geht zurück auf den Mord an Rita Hester. Sie wurde am 28. November 1998 in ihrer Wohnung in Allston im US-Bundesstaat Massachusetts erstochen. In der Presse wurde der Mord kaum erwähnt, obwohl sie eine bekannte Persönlichkeit war. Aus einer Mahnwache zur Erinnerung an sie entwickelte sich das Internetprojekt »Remembering Our Dead«, aus dem wiederum der international begangene Transgender Day of Remembrance wurde.

Seitdem werden jedes Jahr die weltweit öffentlich bekanntgewordenen Morde registriert. Diese sind im vergangenen Jahr von 375 auf 327 zurückgegangen. Organisationen aus der trans Community weisen jedoch darauf hin, dass die Dunkelziffer wohl um ein Vielfaches höher liegt. In vielen Ländern gibt es keine Gruppen, die die Taten systematisch erfassen könnten. Hinzu kommt, dass die Polizei nur in wenigen Ländern Gewalttaten gegen LSBTIQ-Menschen systematisch erfasst.

Eine Auswertung der existierenden Zahlen ergibt ein erschreckendes Bild. 95 Prozent der Ermordeten waren trans Frauen, 65 Prozent waren People of Color, und 48 Prozent arbeiteten als Prostituierte. Die Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Mitte, Stefanie Remmlinger von Bündnis 90/Die Grünen, betonte in einer Pressemitteilung zum Gedenktag ebenfalls, dass Gewalt gegen trans Menschen »häufig mit Sexismus, Rassismus und Klassismus verknüpft« sei. Deshalb dürfe die intersektionale Perspektive bei diesem Thema nicht außer acht gelassen werden.

Die meisten Morde wurden auch in diesem Jahr in Brasilien registriert: 107, gefolgt von den USA (69) und Mexiko (50). Die meisten der ermordeten Personen waren zwischen 31 und 40 Jahre alt. In den genannten Ländern ist die Gewalt- und Mordrate ohnehin sehr hoch. Aber auch europäische Länder werden in der Liste aufgeführt. Morde und tödliche Attacken gab es ebenfalls in Deutschland (1), Italien (1), Frankreich (2), Schweden (1), Großbritannien (1), Estland (1) und der Schweiz (1), wobei die beiden letztgenannten Staaten das erste Mal in der Statistik auftauchen. In Deutschland wurde der Totschlag an Malte C. erfasst. Der 25jährige trans Mann war nach einem Angriff am 2. September im Krankenhaus verstorben. Er war am Rande des CSD in Münster mehreren lesbischen Frauen, die sexistisch beleidigt und angegangen wurden, zu Hilfe geeilt. Gegen den Täter, einen Jugendboxmeister, der aus Tschetschenien nach Deutschland geflohen war, wird der Prozess vorbereitet.

Fast die Hälfte der in Europa ermordeten Menschen waren Geflüchtete, die in Europa Schutz gesucht haben. Robin Ivy Osterkamp vom »Bundesverband Trans*« bestätigte in einer Pressemitteilung vom vergangenen Freitag: »Trans*- und queerfeindliche Gewalt ist Gewalt, die besonders Schwarze, migrantisierte und/oder geflüchtete Menschen betrifft.«

Viele trans Geflüchtete werden auch nach der Flucht weiterhin diskriminiert. Oft sind sie in Unterkünften untergebracht, in denen sie demselben Sexismus wie in ihren Heimatländern ausgesetzt sind. Die Einsicht, dass LSBTIQ-Geflüchtete einen besonderen Schutzraum brauchen, setzt sich allerdings nur sehr langsam durch. Dazu beklagen Initiativen, die sich um betroffene Menschen kümmern, dass die Geschichten der Geflüchteten bei der Übersetzung oft nicht richtig wiedergeben werden.

Erfasst wurden auch die bekanntgewordenen Suizide von trans Menschen, 51 Selbsttötungen wurden registriert. Auch hier ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher liegt, da nur die gezählt werden können, die Kontakt zur Community oder Beratungsstellen hatten. Der jüngste war ein zehnjähriger trans Junge aus einem Ort bei Québec in Kanada. Erschreckend viele Jugendliche haben sich das Leben genommen. Auch in Deutschland wurde in diesem Zusammenhang ein Suizid registriert. Eine 52jährige trans Frau brachte sich in einem Hamburger Gefängnis um, nachdem sie im Männerstrafvollzug inhaftiert worden war und von den männlichen Mitgefangenen übel angegangen wurde. In den meisten Bundesländern fehlt es bislang an Regelungen für die besondere Situation von trans Personen in den Gefängnissen.

In vielen Städten sind Menschen am Sonntag auf die Straße gegangen, um an die Ermordeten zu erinnern. Wichtiges Thema bei den meisten Kundgebungen und Trauerveranstaltungen war auch die Forderung nach einem Selbstbestimmungsgesetz, das das vom Verfassungsgericht beanstandete, aber noch immer geltende »Transsexuellengesetz« ersetzen soll.

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