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Aus: Ausgabe vom 25.11.2022, Seite 15 / Feminismus
Befreiungskampf

Kurdinnen unter Beschuss

Attacken in Nordostsyrien, Irak und Iran richten sich gegen feministische Bewegungen. Türkei mordet, um Widerstand zu brechen
Von Gitta Düperthal
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Gefahr für patriarchale Regime: Die Kämpferinnen der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ (Aleppo, 7.2.2018)

Am diesjährigen Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen gilt es auch, für die kurdischen Kämpferinnen und die mutigen Frauen im Iran einzutreten. Seit 1999, als die UNO den 25. November zu einem Gedenktag erklärte, wird das Datum zum Anlass genommen, weltweit die Verletzung der Menschenrechte von Frauen anzuprangern.

Die Bombardierungen der Türkei, die in der Nacht zum 20. November auf die Rojava genannte Selbstverwaltungszone in Nordostsyrien begannen, richteten sich gegen die Frauenrevolution dort, erklärte Sarya Atac am Montag gegenüber jW. Die kurdische Aktivistin ist Vertreterin der Partei Die Linke im Ausländerbeirat von Frankfurt am Main und Mitglied bei »Städtefreundschaft Frankfurt – Kobanê e. V.«. Schon Jahre zuvor zielten Gewaltexzesse der vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan befehligten Armee, des Geheimdienstes MIT und des selbsternannten »Islamischen Staats« (IS) auf kurdische Feministinnen ab – mit dem Ziel, die Freiheit der Frauen und deren Errungenschaften wie Frieden, Gleichberechtigung und soziale Teilhabe zu zerstören, so Atac. Es gehe darum, ein patriarchales, unterdrückerisches und rassistisches System zu reinstallieren: Im Oktober 2019 ermordeten türkeitreue Milizen die kurdische Politikerin Hevrin Khalaf während einer Autofahrt in Rojava. Im Juli dieses Jahres tötete eine bewaffnete türkische Drohne Jiyan Tolhildan, Kommandantin der YPJ (Frauenverteidigungseinheiten), die gegen den IS kämpfte, und ihre Kampfgenossinen Roj Xabur und Barin Botan in Kamischli. Sie befanden sich auf dem Heimweg von einer Frauenkonferenz. Am 4. Oktober wurde die kurdische Journalistin und Frauenrechtlerin Nagihan Akarsel in Südkurdistan im Nordirak vom MIT getötet.

2013 hatte alles mit der Ermordung der drei kurdischen Aktivistinnen Sakine Cansiz, Fidan Dogan und Leyla Söylemez durch den MIT in Paris angefangen. Auch in Europa seien kurdische Feministinnen und linke Politikerinnen nicht sicher, konstatierte Atac. Sie selbst erhält seit Februar 2021 online Morddrohungen, nachdem sie für den Ausländerbeirat in Frankfurt am Main kandidierte. Es gelte, aktiv gegen die faschistische Gruppierung »Graue Wölfe« und den langen Arm Erdogans in Deutschland vorzugehen. Atac forderte, dass die Bundesregierung alle kurdischen Strukturen, die auf Frauenbefreiung setzen, entkriminalisiert sowie die YPJ und kurdische Vereine vor Verfolgung in der BRD schützt. Die Linke fordert zudem, dass die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) von der »Terrorliste« genommen werden müsse. Von Außenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen), die sich mit einer »feministischen Außenpolitik« brüste, fordert sie Einsatz gegen die völkerrechtswidrigen Angriffe der Türkei auf Rojava.

Zeitgleich greift die iranische Führung die kurdische Befreiungsbewegung im Nordirak an. Auch die von Frauen angeführte revolutionäre Bewegung auf den Straßen im Iran ist in den kurdischen Landesteilen am stärksten. Besonders repressiv geht die Regierung in der kurdischen Stadt Mahabad vor. »Laut Berichten einer iranischen Journalistin vom Gefängnis Evin in Teheran, wo die politische und intellektuelle Elite der Opposition eingesperrt ist, bitten dort Frauen Angehörige um Verhütungsmittel, weil vergewaltigt wird«, so Atac. Dies sei eine der brutalsten Waffen. »Grausamkeiten gegen die politische Opposition in der Türkei und im Iran sind immer auch ein Angriff gegen Frauen«: Beide patriarchalen Unrechtsregimes setzten mit militärischen Angriffen darauf, Kurdinnen in Nordostsyrien, der Türkei, im Irak und Iran einzuschüchtern. Ihr Kampf trägt jedoch maßgeblich dazu bei, die Gesellschaften dort von den Dschihadisten zu befreien. Mit Attacken gegen die Kurdinnen wird der Weg für Letztere jetzt wieder geebnet.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Peter S. aus Berlin (25. November 2022 um 16:30 Uhr)
    Großartige, tapfere Frauen. Ich vermute mal, dass es nicht die Ehefrauen derjenigen kurdischen Wirtschaftsmanager sind, die zusammen mit dem US-amerikanischen Militär das syrische Erdöl ins Ausland verkaufen und den Rest Syriens in einer Brennstoff- und Energiekrise versinken lassen. Dabei nebenbei stinkreich werden und wahrscheinlich ihre Familie und ihr Vermögen irgendwo in Sicherheit im Ausland untergebracht haben. Oder sind diese Frauen etwa nur ein Deckmäntelchen? Werden nur benutzt für ein großartiges demokratisches Image mitten in einem absolut undemokratischen, autokratischen, besser autoritär geführten Krieg? Werden einfach für die Interessen von separatistischen Oligarchen verheizt? Denn: Eine irgendwie geartete demokratische Kriegsführung kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. In jedem Krieg wird die Demokratie zuallererst abgeschaltet, auf jeder Seite der Front. Viele offene Fragen ...

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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