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Aus: Ausgabe vom 25.11.2022, Seite 4 / Inland
Krise in der katholischen Kirche

Kardinal in der Bredouille

Kölner Staatsanwaltschaft leitet zweites Ermittlungsverfahren binnen zwei Wochen gegen Woelki ein
Von Bernhard Krebs, Köln
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Rainer Maria Woelki bei einem Gottesdienst im Dom zu Fulda (28.8.2022)

Der November entwickelt sich zum schwarzen Monat für den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki: Seit Mittwoch hat der Kirchenfürst vom Rhein ein zweites staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts einer falschen Erklärung an Eides statt an der Backe. Für die nun aufgenommenen Ermittlungen gebe es »zureichende tatsächliche Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Straftat« des Kardinals, zitierte der Kölner Stadtanzeiger (Donnerstagausgabe) Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn. Erst vor zwei Wochen war ein Verfahren gleichen Vorwurfs von der Staatsanwaltschaft gegen den Kardinal in einem anderen Fall eingeleitet worden.

Hintergrund der neuerlichen Untersuchung ist laut einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa vom Mittwoch die Aussage einer Zeugin in einem Zivilverfahren vor dem Kölner Landgericht, in dem Woelki gegen einen Bericht von Springers Bild vorgeht. Das Blatt hatte über die Beförderung eines Pfarrers zum stellvertretenden Düsseldorfer Stadtdechanten – also zum Vorsteher der dortigen Priesterschaft – durch Woelki berichtet. Der Pfarrer hatte 2001 Sex mit einem 16jährigen Prostituierten am Kölner Hauptbahnhof.

Nach Auffassung Woelkis hat Bild jedoch fälschlicherweise behauptet, dass er bei der Ernennung des Pfarrers zum Stadtdechanten im Jahr 2017 die Personalakte gekannt und von einer Warnung der Polizei bezüglich des Pfarrers gewusst habe. Darin soll die Behörde das Bistum aufgefordert haben, dafür Sorge zu tragen, dass besagter Pfarrer keinen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen hat. Woelki hatte in dem Rechtsstreit mit Springer per eidesstattlicher Versicherung erklärt, die Inhalte der Personalakte und des Polizeiberichts nicht gekannt zu haben. Vom Kontakt des Pfarrers zu dem Prostituierten habe er zwar gehört. Unterstützer des Pfarrers hätten Woelki aber gesagt, dass weitere Gerüchte über den Mann sich nicht bestätigt hätten.

Die Aussage der Zeugin vom 16. November vor dem Kölner Landgericht legt jedoch nahe, dass Woelki sehr wohl vom Treiben des Pfarrers gewusst hatte – und das schon frühzeitig. Im Jahr 2011, so die frühere Sekretärin von Woelkis Amtsvorgänger Kardinal Joachim Meisner, habe sie auf persönlichen Wunsch Woelkis mit ihm über den besagten Pfarrer, mit dem sie jahrelang befreundet gewesen sei, telefoniert. In dem rund 20minütigen Gespräch – Woelki war damals noch Weihbischof im Kölner Bistum – sei zwar nicht über die Personalakte und die polizeiliche Warnung gesprochen worden; die habe sie beide nicht gekannt.

Die Zeugin habe Woelki aber über das anzügliche und übergriffige Verhalten des Pfarrers gegenüber Jugendlichen berichtet. So habe der Pfarrer bei einer Rom-Fahrt mit Messdienern »so Unterhosen gekauft, wo ein Penis und alles drauf war«, wie die Kölnische Rundschau (Donnerstag) aus der Aussage der 72jährigen zitierte. Zudem habe sie von Saunagängen des Pfarrers mit Messdienern berichtet. Das alles habe ihr der Pfarrer selbst erzählt. Weiter bekundete die Frau, Woelki erzählt zu haben, dass sie den Mann auch auf Reisen begleitet habe, um eingreifen zu können, »wenn er dann wieder etwas anzüglich wurde bei den Jugendlichen«, hieß es in der Rundschau weiter. Laut dem Lokalblatt hatte das Bistum zu den neuen Ermittlungen mitgeteilt: Woelki bleibe dabei, »dass er die Wahrheit gesagt hat«.

Die Kölner Staatsanwaltschaft hatte vor zwei Wochen bereits in einem anderen Fall Ermittlungen gegen Woelki eingeleitet, ebenfalls wegen des Verdachts der falschen Versicherung an Eides statt. Auslöser dafür war ein Interview im Kölner Stadtanzeiger, in dem die ehemalige Assistentin des Personalchefs im Erzbistum gesagt hatte, sie habe den Kardinal frühzeitig über Vorwürfe sexualisierter Gewalt seitens des früheren Sternsinger-Chefs Winfried Pilz informiert. Woelki weist diesen Vorwurf zurück.

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