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Aus: Ausgabe vom 24.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

Formen aufbrechen

Zum Tod des Künstlers Martin Kaltwasser
Von Matthias Reichelt
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Platz da für meinen SUV! Martin Kaltwasser (Berlin-Mitte, 2019)

Demokratisierung des öffentlichen Raumes, Verkehr, Klima, Umwelt- und Ressourcenpolitik – was Martin Kaltwasser bewegt hat, spiegelt sein Werk. Der studierte Architekt und Künstler hat viele Projekte geschaffen und initiiert, bis 2015 gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin, Folke Köbberling. Eine unvergesslich starke Skulptur des Duos ist »Crushed Cayenne« von 2008. Sie zeigt einen Zusammenstoß zweier komplett aus recyceltem Holz gebauten Porsches. Lustvoll als Splitterorgie inszeniert, demonstrieren die Autopanzer Verdrängung im Straßenraum. 2019 nutzte Kaltwasser anlässlich der Ausstellung »Autohaus Mitte« eines seiner Kunstwerke zu einem aktivistischen Straßenhappening. Die satirisch-politische Demonstration »Platz da für meinen SUV« zog ein vom Künstler gebautes riesiges Bobbycar durch Berlin-Mitte, das halb einem SUV, halb einem Panzer glich.

Das Hinterfragen von Architektur, Ökonomie und Macht war integraler Bestandteil von Kaltwassers Denken und Handeln, was er in visuell starken Bildern formte. Für die IGA Berlin 2017 in Marzahn baute er mit dem »Los Angeles Garden« im Verhältnis 1:1 die Situation des eingezäunten Minigartens nach, den der Galerist Wayne Blank für den Kfz-Parkplatz im Kunstquartier Bergamot Station der Partnerstadt L. A. entworfen hatte. Eine acht mal neun Meter kleine Rasenfläche samt Bänken und künstlichen Palmen kann sich nur mit einem schützenden Zaun und dem Hinweis »People Park – Please No Dogs« gegenüber der Diktatur der CO2-Schleudern behaupten. Kaltwassers »Kampf« richtete sich gegen die Dominanz von Auto und Mobilität über Mensch und Natur. Für viele seiner Projekte, ob Akkumulierung von Holzresten für temporäre Gebäude oder das gemeinschaftliche Bauen auf der Wiese südlich der Gropiusstadt, blieb das kollektive Handeln im Rahmen der künstlerischen Konzipierung stets wichtig.

Seit 2019 hatte Martin Kaltwasser eine Professur für das Lehrgebiet Plastik im Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft an der Technischen Universität in Dortmund. Trotz seiner Passion für das tägliche Laufen behielt er eine kritische wie reflektierte Distanz gegenüber dem Sportbetrieb. 2020 würdigte er die »Olympische Marathon-Tretmühle« (1972) des von ihm hochgeschätzten Kollegen Timm Ulrichs in einer Urfassung für einen Katalog folgendermaßen: »2003 rannte ich meinen ersten Berlin-Marathon. Mittlerweile sind es 17 Marathonläufe, die ich weltweit gelaufen bin. Also in etwa genauso viele, wie Timm Ulrichs 1972 direkt hintereinander jeden Tag im Münchner Olympiapark lief. Ich weiß, was es bedeutet, 42,195 Kilometer zu laufen. Die Marathonläufe 1972 von Timm Ulrichs stehen diametral entgegengesetzt dazu. Sie entblößen nicht nur das Marathonlaufen, die Sportleistungsgesellschaft selber bis ins Mark, sondern die kapitalistische Leistungsgesellschaft an sich, den Arbeitsbegriff in all seiner Komplexität oder Banalität, die Absurdität der Ausbeutungsideologie und sie stellen den Sisyphos-Mythos frei Haus ins Olympiagelände. Timm Ulrichs kam im Gegensatz zu mir nie an. Das Hamsterrad hat keinen Anfang und kein Ende.«

Am 29. Oktober ist Martin Kaltwasser im Alter von 57 Jahren überraschend beim Joggen im Tiergarten zusammengebrochen und später im Krankenhaus gestorben. In einer von 129 Personen unterzeichneten Traueranzeige war sein in einem Interview geäußertes Credo zitiert: »starre materielle und geistige Formen aufzubrechen«, um die Welt mit Kunst ein wenig besser zu machen. Diesen Donnerstag, am 24. November, wird er in Berlin beigesetzt.

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