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Aus: Ausgabe vom 24.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Satire

»Dicke, alte, weiße Männer ärgern«

Martin Sonneborns Bildervortrag »Krawall und Satire« auf Kampnagel in Hamburg
Von Fabian Lehmann
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Mit dem zweiten sieht man besser: Martin Sonneborn, leicht verkleidet

Dass die Partei Die PARTEI ein Problem mit einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis ihrer Mitglieder hat, ist bekannt. Der Infotisch, den die Mitglieder am Sonnabend in der Hamburger Theaterfabrik Kampnagel aufgestellt hatten, bestätigte das einmal mehr. Dahinter standen in grauer Parteiuniform mit rotem Binder ausschließlich Männer ab 40, während davor ein denkbar buntes Publikum beherzt zu Aufklebern und Broschüren griff. Immerhin hatte man vorsorglich fünf Frauen auf die Rückseite des »Regierungsprogramms« des Hamburger Landesverbands der PARTEI gedruckt und darin »aufgrund der besseren Lesbarkeit« ausschließlich die weibliche Form gewählt.

All das ändert nichts daran, dass Martin Sonneborn der charismatische männliche Kopf der Satirepartei bleibt. Sein Auftritt vor Hamburger Theaterpublikum war Anlass für den Wahlkampfstand in wahlkampflosen Zeiten. Wenn Sonneborn sein politisches Ziel mit »dicke, alte, weiße Männer ärgern« angibt, liegt die Betonung freilich auf dem ersten Adjektiv, treffen doch alle weiteren Attribute auch auf den 57jährigen Bundesvorsitzenden der Partei zu. Mitgebracht nach Hamburg hatte Sonneborn seinen Bildervortrag »Krawall und Satire«, mit dem er derzeit durch die Republik tourt. Darin blickt er kurzweilig und anekdotenreich auf die Genese von Die PARTEI zurück, versammelt in Wort und Bild die schönsten Momente aus der Geschichte der 2004 von Titanic-Redakteuren gegründeten Kleinpartei.

An sehenswerten Momenten mangelt es nicht. Man denke an den grandiosen Auftritt Sonneborns auf der Frankfurter Buchmesse 2018. Da wurde das Buch »Nie zweimal in denselben Fluss« präsentiert, in dem der Thüringer AfD-Fraktionschefs Björn Höcke seine brandstiftenden Thesen im Gespräch mit Publizist Sebastian Hennig feilbietet. Sonneborn, in Wehrmachtsuniform gekleidet und mit Aktentasche ausgestattet, kämpfte sich zum Ort des Geschehens durch. Sein Aufzug samt Augenklappe gab ihn als Graf von Stauffenberg zu erkennen. Gleich dem historischen Vorbild wollte er den Tyrannen mit dem in der Aktentasche versteckten Sprengstoff in alle Winde pusten. Daran scheiterte das Nachbild freilich wie schon das Vorbild, statt dessen gelang es Sonneborn, der versammelten Medienöffentlichkeit ein Bild des satirischen Widerstands zu liefern.

Oder der Berliner Wahlkampf der NPD im Jahr 2011. Damals hatten die Neonazis Plakate aufgehängt, auf denen der damalige Parteivorsitzende Udo Voigt unverhohlen mit dem feuchten Traum der rechtsradikalen Menschenhasser wirbt und sich unter dem Slogan »Gas geben!« abbilden ließ. Die Partei reagierte und überklebte die Plakate mit gefälschten NPD-Plakaten. Darauf diesmal zu sehen: Jörg Haider, jener österreichische Rechtspopulist, der mit seinem Dienstwagen in den Tod gerast war. Man muss der Partei dankbar sein für Kommentare dieser Art. »Wir sind eine Partei mit großer Fresse«, erzählte Sonneborn und rechnete vor, dass es bei anhaltender Wahltendenz noch 64 Bundestagswahlen brauche, bis die Partei die Macht in Deutschland übernommen habe.

Heute ist es vor allem die Europapolitik, deren Absurditäten Martin Sonneborn als gewählter EU-Parlamentarier in seinen Parlamentsreden oder der Titanic-Kolumne »Bericht aus Brüssel« kommentiert. Er wolle Transparenz herstellen und Menschen auf unterhaltsame Art an Politik heranführen, verriet er zuletzt dem Jung-&-Naiv-Journalisten Tilo Jung in einer seriösen Minute. Tatsächlich tut er das, indem er hinter den politischen Vorhang blicken lässt und Mechanismen und Spielregeln ausstellt, die im politischen Geschäft hinter Routinen aus Professionalität und Unnahbarkeit normalerweise verhüllt blieben.

Interessant ist Sonneborns eigene Position. Er ist Satiriker, aber eben auch Politiker. Und als Politiker beherrscht er die fachmännische Rhetorik. Das beweist er in Hamburg im zweiten Teil des Abends. Da bittet er das Publikum um Fragen. Tatsächlich erhofft man sich von ihm Antworten auf gänzlich unironische Fragen, etwa wie sich Schüler für die Politik der EU begeistern ließen. Selbstverständlich hat Sonneborn darauf keine Antwort, gibt sie aber trotzdem und steuert so – ganz der Politiker – zu eigenen Themen hin.

So kurzweilig der Abend über die knapp 20 Jahre von Die PARTEI ist, so zeitlos ist er leider auch. Selten lässt sich Sonneborn zu aktuellen Kommentaren hinreißen. Dabei hat er etwas zu sagen. Scholz nennt er »gefährlich« und bezieht sich damit nicht nur auf dessen ausgestellte Vergesslichkeit vor Gericht, sondern erinnert auch an die Einführung von Brechmitteln zur Überführung von Drogenkurieren in Scholz’ Zeit als Hamburger Innensenator. Den 19jährigen Achidi John hatte diese Prozedur das Leben gekostet. Mehr Kommentare dieser Art hätte Sonneborn seinem Publikum ruhig zumuten dürfen.

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