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Aus: Ausgabe vom 23.11.2022, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Schlag zu: Das Hamburger Duo Zucker hat endlich ein Album draußen

Von Christina Mohr
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Hol den Starkstrom raus: Hamburger Duo Zucker

Frank Spilker von Die Sterne nennt sie ihre »beste Support Band ever«, der kürzlich gestorbene Kristof Schreuf bescheinigte ihnen eine große Menge Energie, die es ihnen ermögliche, sich täglich neu herzustellen. Nicht »neu erfinden«, das ist ein Unterschied. Die Lobreden beziehen sich auf Zucker, ein aus Chris Schalko und Pola Schulten bestehendes Duo, das zweifelsfrei Superkräfte besitzt: Zehn Jahre lang Erwartungsspannung für ein Debütalbum zu erzeugen und aufrechtzuerhalten, obwohl es Zucker gar nicht wirklich gab, weil Schalko und Schulten zwischenzeitlich getrennte Wege gingen, ist schon eine enorme Leistung. Vielleicht waren es das Surfen »auf einer steten Welle zwischen Omnipräsenz und Nichtexistenz« (Zitat Stella Sommer) und die eindrucksvollen Auftritte mit Messer, Die Nerven, Kraftklub und Frau Kraushaar, die Zuckers so mysteriösen wie handfesten Ruf begründeten.

Zucker sangen auf den Platten anderer Leute, schrieben Theatermusik – nur ein eigenes Album kam nicht. In einem Interview mit Linus Volkmann versuchten Schalko und Schulten bereits 2015 zu erklären, warum es mit der Plattenproduktion nicht ganz so zackig vorangeht, wie es die wenigen bekannten Songs vermuten ließen: Die beiden hatten sich 2012 im Hamburger Pudel-Club kennengelernt und umgehend beschlossen, zusammen Musik zu machen. Alles weitere sollte sich auf dem Weg klären – nicht abzusehen war, wie holprig und kurvig sich dieser Weg gestalten würde. 2016 packten die zwei Musikerinnen das Zucker-Projekt ins Gefrierfach. Schulten schrieb Chorarrangements für zahlreiche Künstler, nahm als Pola X zwei Singles auf; Schalko veröffentlichte mit ihrem Soloprojekt Gigolo Tears 2021 das Album »Kill Your Darlings«. Im selben Jahr beschlossen Schalko und Schulten, Zucker wiederzubeleben bzw. nach Schreufscher Definition neu herzustellen. Die abgespeicherten Songskizzen waren einfach zu gut.

Und was für ein Knaller das Album geworden ist! Mit aller Dringlichkeit und Wucht, die ein Debüt haben muss, trotz langer Lieferzeit ohne Lagerschäden. Formal gehen Zucker als Electroclash durch, womit Erinnerungen an Cobra Killer oder Electrocute wach werden. Diese Assoziationen sind auch nicht ganz falsch, aber Zucker sind kein ausgeblichenes Anfang-nuller Jahre-Nostalgieding. Ein Track wie »Schlag zu« ist Liebeserklärung, feministisches Empowerment und Aufruf zu notwendiger Gewalt in einem; »Mädchen, schlag zu / in deiner Hand liegt was Geniales«, singen Schalko und Schulten zweistimmig und zuckersüß. Überhaupt ist es eine ihrer besonderen Stärken, vorurteilsmäßige Erwartungen zu konterkarieren: »Ich bin 16, 26 / Ich bin das, was du dir reinziehst«, heißt es süffisant-entlarvend in »Macht mich geil«. Am ehesten »traditionell« electroclashig ist noch »Hol den Starkstrom raus« geraten, aber Zucker klingen wie nur Zucker klingen können. Unerbittlich, wütend, schlau und zärtlich. Aggressiv und liebevoll. Jede Zeile ihres »Slogan-Pop« ein Tritt in den Hintern, jeder Synthiebeat ein Kuss auf den Mund. »Wir sind Trümmerfrauen / Wir haben einen Traum« – jetzt ist er wahr geworden, keine Sekunde zu spät.

Zucker: »Zucker« (Krokant-Musik)

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